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Toronto Film Festival : KissKill heißt das Zauberwort

Da gab es mal eine Scheu vor kinogerechtem Arrangement

Und Caroline Link setzte mit „Im Winter ein Jahr“ einen deutschen Akzent - jenseits von Hakenkreuzfahnen, die auch in Toronto durch den einen oder anderen Film wehten, der entweder aus Deutschland kam (Max Färberböcks „Anonyma“) oder mit deutscher Beteiligung finanziert worden war: Paul Schraders „Adam Resurrected“ etwa, der an die Grenze des Erträglichen stieß, oder auch „Good“ von Vincent Amorim, der sich trotz Viggo Mortensen in der Hauptrolle den Spitzenplatz auf der persönlichen Liste der schlechtesten Filme des Jahres sicherte. Es ist erstaunlich und erschütternd, zu sehen, wie weit die Befangenheit geschwunden ist, Lagerszenen und KZ-Qualen nachzustellen, und wie harmlos im Hintergrund der Filmbilder die Schornsteine der Vernichtungsstätten rauchen. Da gab es mal eine Scheu vor kinogerechtem Arrangement und Kostümierung der Internierten, die gute Gründe hatte, die jetzt, da die Scheu geschwunden ist, umso deutlicher hervortreten.

Caroline Links „Im Winter ein Jahr“ spielt im heutigen München in einer überschaubaren Gruppe von Menschen, einer Familie mit einer Tochter und einem Sohn, beide schon fast erwachsen, und einem Maler, der auftritt, als der Sohn sich das Leben nimmt. Die eigentliche Geschichte, nämlich wie die Figuren mit dem Tod des Sohns und Bruders zurechtkommen, erzählt Caroline Link über die Entstehung des Bildes, das der Maler im Auftrag der Mutter von Sohn und Tochter malen soll. Mit Corinna Harfouch und Hanns Zischler als Eltern, Karoline Herfurth als Tochter und einem ungrantigen, stillen, ernsten Joseph Bierbichler in der Rolle des Malers ist der Film mit Darstellern besetzt, denen es gelingt, für die unterschiedlichen Gefühle von Ohnmacht und Wut, Eifersucht, Ablehnung, Verstellung, Abwehr, die in der Trauer zusammenschießen, einen überzeugenden Ausdruck zu finden, unsentimental, wahrhaftig. Das war, was die Deutschen anging, die schönste Überraschung des Festivals.

„KissKill“ ist das Zauberwort, das das Überleben sichert

Für den verstörendsten Film sorgte Samira Makhmalbaf mit „Two-Legged Horse“, einer Geschichte, angesiedelt unter afghanischen Kindern, die auf die eine oder andere Weise versehrt sind, beinlos die einen, geistig und sprachbehindert die anderen. Die selbstverständliche Grausamkeit dieser Kinder untereinander in einer Welt, die, was Grausamkeiten angeht, keine Tabus kennt, und ihre eigentümliche Schicksalsergebenheit, verbunden durch den genauen, dokumentarischen Blick auf die Reste von Gesellschaft, die dafür sorgt, dass es immer noch die oben und die unten gibt - das war schwer erträglich anzusehen, auch wenn mancher Kritiker wieder von der Schönheit der Bildkomposition zu schwärmen begann.

Wie es sein sollte bei einem kanadischen Festival, setzte den Höhepunkt des Bizarren ein Einheimischer, nämlich Bruce McDonald mit „Pontypool“. Das ist der Name eines Nests im verschneiten Nirgendwo, in dem eine Kirche steht, die auch ein Radiosender ist. Weit über die Hälfte hinaus ist „Pontypool“ dann auch ein Radiodrama, in dem wir dem Moderator mit dem schönen Namen Grant Mazzie dabei zuhören, wie er zunehmend beunruhigende Nachrichten seiner Live-Reporter zu einem schlüssigen Lagebericht zu ordnen sucht, bis das Grauen von draußen in den Sender kommt und das Ganze in einem Blutmatsch endet, dass es eine Freude ist. „KissKill“ ist das Zauberwort, das das Überleben sichert, kein schlechtes Motto eigentlich auch für ein Festival.

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