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„What happened to Monday?“ : Sieben auf keinen Streich

  • -Aktualisiert am

Innige Verbundenheit: Clara Read und Willem Dafoe. Bild: Splendid Film

In einer Zeit der strikten Ein-Kind-Politik bekommt eine Frau Siebenlinge und stirbt bei der Geburt: Im neuen Kinofilm des Norwegers Tommy Wirkola klammert sich das Realistische verzweifelt an die kinetische Eskalation.

          Die Tränen von Terrence Settman fließen spät, Jahre nachdem er sich für einen folgenschweren und andauernden Akt der paradoxen Rebellion entschieden und seine sieben Enkelkinder gezwungen hat, diesen Weg mit ihm zu beschreiten: Ihr Aufbegehren heißt stillhalten, ihr Verbrechen ist ihre Existenz. Settman weint, weil er Blut vergossen hat, um dieses Geheimnis zu bewahren. Er weiß noch nicht, welch fatale Dynamik er damit in Gang setzen wird. Er weiß nur, dass das Leben der sieben Schwestern, von denen sechs nicht auf der Welt sein dürften, wohl niemals in seiner ganzen Fülle gelebt werden kann. Zum Heulen, in der Tat.

          Willem Dafoe spielt diesen Terrence Settman bis zu jenem Augenblick mit großer Ruhe, als Ausdruck einer Souveränität, ohne die seine Familie dem Verhängnis ausgeliefert wäre. In einer provisorischen Klinik kamen die Mädchen damals zur Welt, Siebenlinge. „She knew the risk“ ist alles, was Terrence zum Tode seiner Tochter einfallen mag. Und sofort greifen die Räder eines akribisch ausgearbeiteten Planes ineinander wie die Zahnräder einer gut geölten Maschine – wie in den Übungen, in denen die Kinder bald lernen, in Sekundenschnelle ihre Spielsachen aufzuräumen, die Reste siebenfachen Lebens aus der Wohnung zu tilgen und in einem Geheimraum zu verschwinden. Sie üben das für den Fall, dass jemand von der Behörde vorbeischauen sollte, die im zweiten Teil des 21. Jahrhunderts darüber wacht, dass keine Familie mehr als ein Kind großzieht. Um die Überbevölkerung im Zaume zu halten, werden die Zweitgeborenen und alle, die noch nach ihnen kommen sollten, in den Kälteschlaf versetzt, um irgendwann einmal, in einer besseren Welt, in einer besseren Zukunft, wieder aufzuwachen.

          Max Botkin, der gemeinsam mit Kerry Williamson für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, arbeitete dessen Grundidee bereits 2001 aus, zum Ausklang einer im Rückblick geradezu harmonischen Phase der Weltgeschichte, inspiriert sicherlich von Chinas damals noch sehr strikter Ein-Kind-Politik. Heute rührt die Ausgangssituation dieser Erzählung an einen tiefer liegenden Nerv, der jedenfalls noch nicht in Schwingung gerät angesichts der müßigen Überlegung, ob die Krisenzeit bald noch mehr Dystopien sprießen lassen wird oder ob die alltäglichen wie weltpolitischen Grotesken jede Dystopie ohnehin schon überbieten. Botkin und Williamson zwingen zeitgenössische ökologische Diskurse in eine beklemmend eindeutige Konsequenz: Opfert euch, damit die Gattung überleben kann – ein Opfergang, der hier noch in hochauflösender Werbeästhetik glorifiziert wird. Ein Spot mit lächelndem Doktor und zufriedenem Kind wirbt für den womöglich endlosen Schlummer; die – wie auch immer trügerische – Rettung der Menschheit verkauft sich als Lifestyle-Projekt, nicht als heroische Geste.

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          Die künstlichen Propagandabilder dieser Welt verfangen sich immer wieder in deren tatsächlicher Lebensumgebung, in den grauen Straßen wie an den wuchtig-verschnörkelten Fassaden der rumänischen Drehorte Bukarest und Constanza. Die Familie Settman lebt in einem weitläufigen Apartment, in dem das dunkle Holz unter der Last von Tausenden Büchern zu knirschen scheint, mittendrin erstrahlen Fridays transparente Monitore.

          Wie ihre Schwestern hat Patriarch Terrence auch sie nach dem Wochentag benannt, an dem sie die Wohnung verlassen darf. Die erfolgreiche Bankangestellte Karen Settman ist ein Konstrukt, das vor der Türe angezogen und dahinter wieder abgelegt wird, wo sieben sehr unterschiedliche Frauen nach dem Tod des Großvaters den Alltag ausschließlich miteinander gestalten. Noomi Rapace, eine Expertin in der Darstellung von Figuren, die über den Schmerz zu neuer Stärke finden, gibt ihnen allen eine je spezifische Haltung mit, das leicht Verhuschte eben der Computer-Nerds Friday, das Lässige gehört zu Saturday, die aufrechte Geradlinigkeit zu Monday, der leicht aggressive Trotz markiert Thursday. Auch die Kostümierung sorgt für eindeutige Farben, die Schwestern kippen durchaus ins Schablonenhafte. Zur sorgfältigen Ausarbeitung ihrer Fein- und Eigenheiten fehlt schlicht die Zeit: Eines Abends gerät die gut geölte Maschine ins Stottern, Monday kommt nicht nach Hause, auch Tuesday verschwindet am Tage darauf. Und im Handumdrehen finden sich die Settmans wieder in einem rasant beschleunigten Plot. Der norwegische Regisseur Tommy Wirkola, der hier ausnahmsweise kein eigenes Drehbuch verfilmt hat, steigert seine Geschichten gerne ins Drastisch-Hysterische – er hat Nazi-Zombies auf die Leinwände losgelassen in „Dead Snow“ und dessen Fortsetzung, und er hat Hänsel und Gretel das Heft ihres märchenhaften Schicksals samt gewaltigen Knarren zurück in die Hände gelegt. Doch dieses Mal klammert sich das Realistische zu verzweifelt an die kinetische Eskalation.

          Je glatter inszeniert sich die Grausigkeiten zeigen, desto fieser schillert die Ambivalenz der Ausgangsidee durch den Film hindurch – verkörpert in Nicolette Cayman, Mastermind und Organisatorin des Einfrierungswahnes, der Glenn Close neben einer Thatcher-haften Unnahbarkeit auch eine gute Dosis Pragmatismus verleiht: Sie will doch nur die Welt retten, vor den und für die Menschen. Und am Ende schreien die Babys in einer Geburtsstation so schrill und so laut, dass die Konsequenz des Weiter-so sich akustisch auf überwältigende Weise präsent macht. Es ist eben wirklich einfach zum Heulen.

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