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Tom Tykwer über Alexander Kluge : Der Testpilot der Kinematographie

  • -Aktualisiert am

Er will den Gang der Gedanken filmen und schreiben. Der Film ist ihm ein Experimentierfeld, in dem er Zeitschichten freilegt und Augenblicke zum Schweben bringt. Alexander Kluge hat den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie erhalten. Eine Laudatio von Tom Tykwer.

          Das wird ihm gefallen, dass hier nun einer in ein paar Spalten ein ganzes Leben umreißen soll. Eine Lebensleistung. Eine Persönlichkeit. Oder zumindest ein Bild davon. Oder die Idee eines Bilds, wenigstens aber eine Skizze. Denn die Skizze, die gedankliche, die ästhetische, die theoretische, das ist eine gewisse Leidenschaft von Alexander Kluge, von dem in dieser Skizze also nun die Rede sein soll.

          Wer sich mit Kluges Werk, vor allem mit seinen Texten beschäftigt, weiß, was damit gemeint ist - wenn hier von einer Liebe zum Fragment die Rede sein kann, dann geht es dabei weniger um das Verweilen in der Andeutung, sondern eher um die Vertiefung in der Vielfalt einer Denkfigur. Kluge ist ein Sammler - aber keiner, der wild stapelt, sondern ein systematischer, analytischer Sammler, der zielgerichtet nach Umwegen und Spuren sucht, in welchen sich das Geheimherz einer Idee verstecken mag.

          Geistesblitz der Kinematographie

          Das Kino hat in Skizzenform begonnen, mit einminütigen Filmen; solche dreht Kluge unter anderem gerade wieder, und er bezieht sich damit auf die Anfänge des Mediums ebenso wie auf seine ganz aktuelle Gegenwart. Gestern war der Abschied vom Kino eine futuristische, unwahrscheinlich anmutende Vision. Heute findet er statt. Wir verabschieden das Kino. Und begrüßen es gleich wieder, multimedial, allgegenwärtig, alltäglich.

          Schon lange lebt der Film nicht mehr nur im Dunkel des Kinosaals allein, er findet ebenso gut auf dem Fernseh-, dem Computerbildschirm, bei Youtube, im Download und auf dem iPod sein illudierendes Zuhause. Das bewegte Bild ist gelenkiger als früher, es fährt mit uns U-Bahn, es fliegt im Airbus, es läuft unter der Schulbank, auf der Schulbank, im Restaurant, im Supermarkt, im Hotel, am Bahnsteig, überall. Die Kinematographie ist flügge geworden über die Jahre, und Alexander Kluge war stets einer ihrer Testpiloten. Denn bevor die Idee des filmischen Fragments die Welt zurückeroberte - heute werden mehr Clips, Trailer und Kurzfilme im Internet gesehen als irgendeine andere, längere Erzählform -, war Kluge immer schon einer derjenigen, die in der cineastischen Kondensierung Geistesblitzhaftes aufzuspüren vermochten. Unerwartete Zusammenhänge entdecken und herstellen, das liegt genuin in der Natur des Kinos, der Vorgang ist seinen technischen Abläufen sozusagen immanent.

          Eine Art dritte Zeit

          In Kluges Bild- und Textkosmos ist die Filmgeschichte allgegenwärtig. Der kinematographische Apparat und wie er das letzte Jahrhundert formte, wie er nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte aufzeichnen, beeinflussen, umschreiben und neudenken konnte - das hat Kluge in seinen Spiel- und Essayfilmen, seinen Fernsehkondensaten, Kulturmagazinen und Texten konstant beschäftigt. Die Frage, wie sehr der Mensch im Austausch mit dem Medium seine Bedürfnisse wandelte, neue Interessen entwickelte und für fremde Ideologien warm gemacht wurde, steht in Kluges Werk ebenso im Zentrum wie die Frage, warum das Phänomen der eingefangenen, aber nicht angehaltenen Zeit (Tarkowski nennt sie die „versiegelte Zeit“), welche nur das Kino hervorbringt, einen Großteil der Menschheit seit einem guten Jahrhundert in ihren Bann schlägt.

          Um es mit Kluges Worten zu sagen: In der Montage eines Films, wenn mehrere monadische, also autonome Bilder (Einstellungen) zusammengefügt werden, schafft ein „konzentrierter Moment Gegenwart im Kampf mit einem zweiten konzentrierten Moment Gegenwart eine dritte Zeit und damit ein virtuelles Bild. Und über diese dritte Zeit lassen sich alle übrigen Zeiten erreichen. Die Entsprechung zu dieser Arbeitsweise ist in den Zuschauern längst vorhanden. Jeder Mensch besitzt Erinnerung und stammt aus einer Vergangenheit; ohne Horizonte, das heißt Zukunft, wäre er nicht lebendig. Seine Phantasie, die kein Befehl anzuhalten vermag, verbindet ihn mit dem Konjunktiv und dem Optativ, also mit der Möglichkeitsform und der Wunschform.“

          Das Deutschland von Gestern

          „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“: ein paradigmatischer, ein typischer Kluge-Titel. Auch: „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“. „Die Macht der Gefühle“. „Abschied von gestern“. „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“. Und: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“Für Kluge stellt ein junges Medium wie der Film „ein natürliches Experimentierfeld für die Erneuerung des Poetischen“ dar. Mit Jean-Luc Godard: „den Gang der Gedanken filmen und schreiben“.

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