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Tom Tykwer auf DVD : Triebhaft dem Kino zugeneigt

Seine Zeit als Jungregisseur ist endgültig vorbei: Tom Tykwer hat acht lange Spielfilme gedreht, Schauspieler wie Cate Blanchett, Naomi Watts und Clive Owen haben für ihn gearbeitet. Das Werk seiner ersten fünfzehn Regie-Jahre ist nun als DVD-Box erhältlich.

          Für bildende Künstler gibt es, wenn sie gut sind und Glück haben, als ersten großen Überblick über ihr Werk eine Ausstellung, die Mid-Career-Retrospektive genannt wird und damit sowohl etwas Resümierendes als auch etwas nach wie vor Vorläufiges beschreibt. Ungefähr so etwas, nur für einen Filmemacher, ist die Tom-Tykwer-Box, die herauskommt, während Tykwers jüngster Film „The International“ (siehe: Video-Filmkritik: „The International“), der in ihr natürlich nicht enthalten ist, gerade in den Kinos läuft. Für einen Regisseur, der international immer noch als „großes Talent“ gehandelt wird, ist das ein Schritt hin zum Klassiker. Zumindest ist mit dieser DVD-Box seine Zeit als Jungregisseur nun endgültig vorbei, was mit dreiundvierzig ganz in Ordnung geht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir haben also jetzt die Möglichkeit, uns Tykwers erste lange (bis einschließlich des „Parfums“ von 2006) und alle seine Kurzfilme noch einmal anzuschauen, sämtlich (außer den kurzen) mit Audiokommentaren von Tykwer selbst und seinem Kameramann Frank Griebe versehen. Und als Erstes fällt auf, dass hier, parallel zu der immer mal wieder festgestellten Tendenz, dass Tykwers Hauptdarsteller gewisse äußere Ähnlichkeiten mit ihm haben (oder entwickeln), sich die Stimmen von Tykwer und Griebe für den Zuhörer nicht immer klar unterscheiden lassen oder doch zumindest so ähnlich klingen, dass man sich fragt, ob das die lange Zusammenarbeit so gerichtet hat oder ob es Ausdruck der Nähe ist, die die beiden künstlerisch in dem verbindet, was sie vom Kino wollen, wonach sie suchen, was sie sich trauen. Nicht völlig ausgeschlossen ist natürlich auch, dass es sich um narzisstische Spiegelungen handelt, die kreativ äußerst fruchtbar sein können.

          Der Jungstraum wurde wahr

          Die anderen Mitglieder des Tykwer-Teams kommen dann in Larissa Trübys Dokumentation „Im freien Fall“ zu Wort, die Schnittmeisterin Mathilde Bonnefoy etwa, Schauspieler von Franka Potente über Moritz Bleibtreu zu Joachim Król, Produzenten wie Sydney Pollack oder Maria Köpf, der Szenenbildner Uli Hanisch, die Mitgründer der Produktionsfirma X-Filme, Stefan Arndt, Wolfgang Becker und Dani Levy, und viele andere, die vor allem eines bestätigen: dass am Anfang ihrer Arbeit mit Tykwer immer eine unbändige Leidenschaft fürs Kino stand. Rosa von Praunheim, der Tykwer als früher Mentor offenbar begleitet hat, meint allerdings, das sei nicht genug. Er müsse schon herausfinden, was und warum er etwas erzählen wolle. Und das hat Tykwer dann vom ersten Kurzfilm „Because“ über ein streitendes Paar an auch getan.

          In den Audiokommentaren, vor allem zur „Tödlichen Maria“ und zu „Winterschläfer“, seinen ersten beiden abendfüllenden Filmen, wird Tykwer immer noch hingerissen von der Begeisterung darüber, dass damals der Jungstraum wahr wurde, Filme zu machen, und dass all die Fehler, die er heute in diesen Filmen sieht, nicht nur Teil des Lernens, sondern auch Teil des Wollens waren - nämlich eine Filmsprache zu entwickeln, in der alles vorkommen sollte, was ihn begeisterte, die Dynamik vor allem, die Genre-Elemente, die Schauspieler, Farben, Kamerabewegungen, die er in seinen Lieblingsfilmen bewunderte. Und die Liste der Lieblingsfilme ist lang und komplex: „Carrie“ steht selbstverständlich darauf und zahllose andere Horrorklassiker, aber auch Detlev Bucks „Wir können auch anders“.

          Die Dynamik, die uns ansaugt

          Die Kamera zu bewegen, loszulassen, fliegen zu lassen, auf ein Motiv drauf- oder an ihm entlangzufahren, um die Figuren herumzukreisen, von oben auf die Szene zu blicken oder schief aus der Ecke heraus und immer wieder zu rennen, zu beschleunigen bis zum Zeitraffer, zu verlangsamen bis zur Pause in der Abblende, zu rhythmisieren, um den Zuschauer mitzureißen in den Geschichten von Zufällen und Schicksalen - das ist, auch als die Budgets und die Teams größer und die Logistik komplexer wurden, das wesentliche Merkmal der hier versammelten Filme, und in dieser Hinsicht passte „The International“ bruchlos in diese Box.

          Was nicht bedeutet, dass es keine Brüche gibt in Tykwers Arbeit, aber es sind keine Richtungswechsel prinzipieller Art. „Lola rennt“ war allein des Erfolgs wegen eine Zäsur, der möglich machte, was dann kam, wenn Tykwer auch diese Möglichkeiten nicht gleich nutzte, sondern erst mal „Der Krieger und die Kaiserin“ in Wuppertal drehte, vor „Heaven“ für Miramax. „Jeder Film ist ein kleines Leben“, sagt er einmal, und dieser Unbedingtheit eine Dynamik zu verpassen, die uns immer wieder ansaugt, verbindet alle Filme, die hier versammelt sind. Und hoffentlich alle, die noch kommen.

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