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Tom Cruise : Mission unmöglich

Cruise hat seine Rollen nie gelernt; er hat sie sich anverwandelt Bild: REUTERS

Andrew Mortons Biographie porträtiert Tom Cruise als Sektenführer und Missionar. Es ist nicht gerade ein Geheimnis, dass es in diesem Leben etwas Düsteres gibt. Aber müssen wir uns neuerdings fürchten vor dem größten aller Stars?

          Thomas Cruise Mapother IV., der kleine Mann, der einen langen Schatten wirft in diesen Tagen, der Mann, der, als er größer werden wollte, den eigenen Namen erst mal kleiner machte, Tom Cruise also ist noch immer der größte aller Stars - und zugleich ein Mensch, über den es nicht viel zu erzählen gibt. Er war ein normales Kind und ein schlechter Schüler, er litt an Legasthenie und der Trennung seiner Eltern, er wollte, als er alt genug dafür wurde, unter den Jungs der beste sein und unter den Mädchen der begehrteste, was ihm nicht immer gelang. Und dann, im selben Jahr, in dem er mit der Highschool fertig wurde, 1980, spielte er bei einer Schulaufführung mit und lieferte eine so eindrucksvolle Vorstellung ab, dass eine Agentin auf ihn aufmerksam wurde.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Drei Jahre und fünf Filme später war Tom Cruise weltberühmt. Und was seither geschah, ist in jeder gutsortierten Videothek zu besichtigen: Tom Cruise war ein Kampfpilot in „Top Gun“, ein professioneller Billardspieler in „The Color of Money“, ein ziemlicher Dreckskerl in „Rain Man“, ein Offizier und Gentleman in „A Few Good Men“, um nur die Filme, mit denen alles anfing, beim Namen zu nennen; er spielte unter der Regie von Barry Levinson und Martin Scorsese, Steven Spielberg und Stanley Kubrick, Brian de Palma und Paul Thomas Anderson, er musste sich messen mit Paul Newman und Dustin Hoffman, Jack Nicholson und Robert Redford, und er betrieb das alles mit einer solchen Hingabe und einer Intensität, dass, wer nur alt genug und ein Kinogänger ist, gewissermaßen glaubt, er wäre aufgewachsen mit Tom Cruise, dem paradigmatischen Kinohelden seiner Generation. Sein unverschämtes und zugleich unwiderstehliches Grinsen ist längst Teil unserer kollektiven Imagination, wie Marilyn Monroes Schmollmund und die Zigarette im Mundwinkel von Jean-Paul Belmondo.

          Mimi Rogers war kühl, Nicole Kidman noch kühler

          Die Filme: Das war wohl sein Leben; und wenn Cruise ein wenig Zeit hatte zwischendurch, fing er Affären mit Cher und Rebecca De Mornay an, heiratete die Schauspielerin Mimi Rogers, die er für Nicole Kidman verließ, und als, nach zehn Jahren Ehe, auch hier der Vorrat an Emotion verbraucht war, versuchte Cruise es erst mit Penélope Cruz, dann aber, mit mehr Erfolg, mit Katie Holmes, der Schauspielerin, die schon als Mädchen für Cruise geschwärmt hatte.

          Tom Cruise mit Ehefrau Katie Holmes

          Das wäre natürlich schon der Rohstoff für einen sehr dicken, sehr johnupdikehaften Roman; der Autor müsste halt nur dabei gewesen sein. Weil der Schriftsteller Andrew Morton, der Bücher über Madonna, Prinzessin Diana und Monica Lewinsky geschrieben hat, weil Morton aber meistens großen Wert darauf legt, dass seine Biographien von denen, deren Leben sie erzählen, nicht autorisiert und abgesegnet sind; weil Morton also nicht mit den Helden seiner Geschichte, sondern bloß mit Randfiguren gesprochen hat; und weil er weiß, wie gut die Anwälte sind, die ein reicher Mann wie Cruise sich leisten kann: deshalb hat Morton nicht viel aus dem privaten Leben zu erzählen (siehe auch: Andrew Mortons Tom-Cruise-Biographie).

          Mimi Rogers war kühl, Nicole Kidman noch kühler, und die blutjunge Katie Holmes scheint ihrem Mann nicht gerade ebenbürtig zu sein: wenig Neues also, nichts, was, wer sich dafür interessierte, nicht schon in ungezählten Interviews und Illustriertenartikeln hätte lesen können. Und Cruise, so steht es in Mortons Buch, wirke, wenn er seine Liebe erkläre, mit Blumen, Geschenken, kleinen Zetteln, die er an die Wände klebt, immer ein wenig unauthentisch und angestrengt, so wie bei Oprah Winfrey auf dem Sofa - es ist, als übte er noch für einen Film, den dann ein sehr sensibler Regisseur etwas eleganter inszenieren müsste.

          Scientology als die dunkle Seite der Macht

          Es ist also ein Glücksfall für den Biographen und eine dramaturgische Notwendigkeit für sein Buch, und eine Tatsache ist es natürlich auch, dass es, zumindest von außen betrachtet, in diesem Leben etwas Dunkles, Düsteres gibt, nicht gerade ein Geheimnis, aber doch einen Lebensaspekt, der ungeheuer mysteriös und undurchsichtig wirkt. Tom Cruise ist Mitglied jener Organisation, die in Amerika als Kirche gilt und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Für Andrew Morton, dessen literarische Mittel eher beschränkt sind und dessen Leidenschaft fürs Triviale aber groß ist, bedeutet Scientology nichts weniger als die dunkle Seite der Macht.

          Die Sekte strebe nach der Weltherrschaft, und Tom Cruise, der lange nur ihr Werkzeug und Vehikel gewesen sei, fungiere inzwischen als einer ihrer mächtigsten Führer. Mimi Rogers habe ihn einst verführt und angeworben. David Miscavige, der Chef der Organisation, habe ihn den dicksten aller Fänge genannt und jahrelang programmiert und manipuliert. Und die seelischen Erschütterungen des 11. September hätten endlich Cruise dazu getrieben, dass er Scientology nicht länger als seine Privatsache betrachtete, sondern sich als Propagandist und Missionar zur Verfügung stellte - was man sich bei der Lektüre von Mortons Buch gern so vorstellen möchte wie die allmähliche Verwandlung von Anakin Skywalker in Darth Vader. Würde Mortons Buch demnächst verfilmt, müsste Viggo Mortensen den David Miscavige spielen. Und Tom Cruise natürlich den Tom Cruise.

          Mit einer Oscar-Nominierung belohnt

          Es war nicht schlecht fürs Marketing, dass, nahezu gleichzeitig mit Mortons Buch, zwei kurze Clips an die Öffentlichkeit gelangten, interne Videos, in welchen Cruise als Scientologe auftritt. In dem einen sitzt er einem unsichtbaren Interviewer gegenüber und spricht in krummen Sätzen wirres Zeug: dass man als Scientologe schon wisse, was zu tun sei. Dass man Autorität habe und eine bessere Wirklichkeit schaffen werde. Und so weiter. Im zweiten Clip spricht er zu seinen Brüdern und Schwestern im Geiste, und seine Rede läuft auf den Satz „let's clean-up the place!“ hinaus, was die „Bild“-Zeitung als Aufforderung zur Säuberung der Welt verstanden hat, obwohl es doch nur heißt: „Lasst uns den Laden aufmischen!“

          Weder im einen noch im anderen Clip schien der coole, selbstgewisse Cruise auf der Höhe seiner Möglichkeiten zu sein, ganz im Gegenteil; und der „Clean-up“-Clip wirkte gerade auf Cruise' Bewunderer wie ein amateurhaft inszeniertes und extrem schlecht geschriebenes Remake jener atemberaubenden Szenen in dem Film „Magnolia“, wo Cruise den halbverrückten und völlig besessenen Guru einer Macho-Sekte namens „Seduce and Destroy“ spielt, einen irren, adrenalinsüchtigen Männerrechtler, der sein Publikum anbrüllt: „Respect the cock!“ - es war eine geniale Performance, für welche Cruise, völlig zu Recht, mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

          Man weiß nie, wo die Rolle aufhört

          Und vermutlich ist das ja schon die Wahrheit über Tom Cruise: Er sei, so steht es mehrfach bei Morton, immer ein „Natural“ gewesen, ein Mann, der Schauspieler wurde, ohne je eine entsprechende Schule besucht zu haben - Tom Cruise hat seine Rollen nie gelernt; er hat sie sich anverwandelt, mit Intuition und Instinkt und jenem ungeheuren Willen, der selbst solche Schauspielsuperkönner wie Hoffman und Nicholson beeindruckt hat. Cruise kann nur Cruise: so könnte man ihn kritisieren.

          Aber gerade das ist ja der Grund für seine ungeheure Intensität und Präsenz: dass man bei ihm nie weiß, wo die Rolle aufhört und die Person beginnt. Cruise scheint erst richtig Cruise zu werden, wenn die Kamera läuft und im Drehbuch die Sätze eine Pointe haben. Kein Wunder also, dass Cruise nicht ganz bei sich ist, wenn statt Martin Scorsese der Amateur Miscavige die Regie hat und das Drehbuch von dem schlechten Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard stammt.

          Tom Cruise, das ist der nachrichtliche Kern von Mortons Buch, sei, erstens, inzwischen die Nummer zwei der Firma Scientology, eine Behauptung, für die Morton keine Belege, nur ein paar Indizien und Mutmaßungen liefert - und die man, gerade im Kontext dieses Buchs, mit Skepsis zur Kenntnis nimmt: schon weil Morton seinen Helden als einen Mann porträtiert, dem eigentlich Nummer eins zu sein gerade gut genug ist. Nummer zwei bei Scientology, dem aasigen Miscavige unterstellt: wenn das stimmte, müsste man Cruise bedauern.

          Missionarische Nebeneffekte durch „Valkyrie“

          Und zweitens sagt Morton, was er ebenfalls nicht belegen kann und was, als eines unter mehreren Motiven, doch einigermaßen plausibel klingt: dass Cruise, der inzwischen das traditionsreiche Studio United Artists führt, die Produktion und die Hauptrolle des Films „Valkyrie“ auch deshalb übernommen habe, weil er sich missionarische Nebeneffekte davon verspreche, wenn er, der Scientologe, den Grafen Stauffenberg spielt - den, wie zumindest Cruise zu glauben scheint, größten Helden jener Deutschen, die der Sekte gegenüber so feindselig sind, dass die Mitgliederzahlen seit Jahren auf niedrigstem Niveau stagnieren (dass der Film selber propagandistisch sei, behauptet aber nicht einmal Andrew Morton).

          Diese Zeitung hat, wie viele überregionale Feuilletons, im Streit um das Projekt sehr leidenschaftlich Partei ergriffen für Cruise, den Film und vor allem die Kunstfreiheit, die auch schon im Sommer von einer deutschen Spielart des McCarthyismus bedroht war - und vielleicht muss daran erinnert werden, dass die Argumente nichts von ihrer Stimmigkeit verloren haben: dass nämlich, erstens, der Umstand, dass der Sektierer Cruise den Hitler-Attentäter spielt, keine Unverschämtheit sei, sondern womöglich eine angemessene Besetzung - schließlich war Stauffenberg alles andere als ein überzeugter Demokrat und als Mitglied des George-Kreises gewissermaßen Teil einer Organisation, welche, gäbe es sie heute, vom Verfassungsschutz beobachtet würde.

          „Tom Cruise - ist er jetzt völlig gaga?“

          Und dass man, zweitens, dem Projekt, nach Lektüre des Drehbuchs und Gesprächen mit Autor, Regisseur und Hauptdarsteller, alles andere als eine Scientology-Lastigkeit bescheinigen könne; zu erkennen seien vielmehr die erstaunliche Präzision, die Exaktheit der historischen Rekonstruktion - und womöglich könne man Tom Cruise, seinem Regisseur Bryan Singer und dem Drehbuchautor Christopher McQuarrie ja dankbar dafür sein, dass sie die Geschichte vom gescheiterten Attentat, welche in weiten Teilen der Welt völlig unbekannt ist, mit den Mitteln Hollywoods genau jener Welt erzählen wollen.

          Was am deutlichsten gegen alle Verschwörungstheorien spricht, ist die profane Tatsache, das Cruise und seine Ex-Agentin Paula Wagner zwar große Anteile an United Artists halten. Aber die Mehrheit gehört diversen Hedge-Fonds, und die wollen Geld sehen, keine Propaganda, und sie wollen es bald sehen, zumal das erste Projekt von Cruise und Wagner, Redfords „Von Löwen und Lämmern“, kommerziell gescheitert ist.

          Mag schon sein, dass Tom Cruise in diesem Berliner Sommer den Deutschen ein wenig sympathischer geworden ist; der Sekte hat das trotzdem keine neuen Anhänger gebracht, und seine unverständliche Dankesrede bei der Bambipreisverleihung hat Cruise dem deutschen Publikum eher unheimlich gemacht. Wer die Schlagzeile „Tom Cruise - ist er jetzt völlig gaga?“ für besser als gar keine Presse hält, muss auch die notorische Scientology-Bekämpferin Ursula Caberta zur unfreiwilligen Propagandistin ehrenhalber ernennen.

          Er ist ein Genie des Kinos

          Und genau an diesem Punkt kehren sich die Verhältnisse um. Es ist, seitdem er vom Freizeit-Scientologen zum Missionar geworden ist, nicht besonders gut gelaufen für Tom Cruise. Das Studio Paramount warf ihn hinaus mit der Begründung, jene erstaunlichen Fernsehauftritte, in welchen er mal die Kollegin Brooke Shields beschimpfte, mal auf Oprah Winfreys Sofa herumhopste, hätten den Film „Mission Impossible III“ letztlich 150 Millionen Dollar an Einspielergebnissen gekostet.

          Die Videos, die jetzt im Internet kursieren, sorgen in Deutschland für Schrecken - in Amerika wird Cruise verspottet, ausgelacht, parodiert. Sein Freund Spielberg hat sich vor einiger Zeit distanziert; jetzt meldet das Magazin „People“, dass die Kollegen Adam Sandler und Ben Stiller, Bruce Willis und Dustin Hoffman schon ihr Mitgefühl bekunden.

          Es ist ganz offensichtlich falsch, dass Tom Cruise von großem Nutzen für Scientology wäre. Vielmehr schadet Scientology dem Schauspieler und Superstar Tom Cruise, den wir nicht fürchten müssen. Eher sollten wir uns sorgen um ihn. Er ist ein Genie des Kinos, das man nicht verlieren möchte.

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