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Filmfestival Cannes : Eine Palme für Tom Cruise

Der amerikanische Cineast: Tom Cruise bei seinem Auftritt in Cannes Bild: AFP

In Cannes lässt sich Tom Cruise für seinen neuen Film „Top Gun: Maverick“ feiern. Das Festival und der Star wissen, was sie einander schuldig sind.

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          Als der Star des Films „Top Gun: Maverick“ den roten Teppich zum Festivalpalast von Cannes emporstieg, war er bester Laune. An der Absperrung vor dem Palast hatte Tom Cruise den seit Stunden wartenden Fans geduldig Dutzende von Autogrammen gegeben, dann hatte er sich mit seinen Produzenten, dem Regisseur Joe Kosinski und seinem Co-Star Jennifer Connelly vor der Treppe aufgestellt und im Blitzlichtgewitter der Fotografen gebadet. Oben begrüßte ihn Thierry Frémaux, der Programmchef von Cannes, wie einen alten Bekannten. Dann begann die eigentliche Show.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Patrouille de France, die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe, drehte zwei Runden über der Bucht von Cannes und malte dabei jedes Mal mit ihren Alpha Jets eine wattige Trikolore in die Luft. Drinnen im Saal wurde erst ein zehnminütiger Zusammenschnitt der Höhepunkte aus der vierzigjährigen Filmkarriere von Cruise gezeigt. Und dann bekam er die Ehren-Palme des fünfundsiebzigsten Filmfestivals von Cannes überreicht. An der Croisette wissen sie einfach, wie man so etwas macht.

          Zwei Stunden zuvor hatte Tom Cruise vor tausend Zuschauern in der Salle Debussy, dem zweitgrößten Kinosaal des Festivals, Auskunft über seinen Beruf und seine Berufung gegeben, und dabei konnte man wieder einmal sehen, wie ein Hollywoodstar funktioniert. Er verplapperte sich nicht, er politisierte nicht; stattdessen erzählte er, wie er sich von Harold Becker, dem Regisseurs des Films „Die Kadetten von Bunker Hill“, in dem er 1981 seine erste wichtige Rolle hatte, am Ende jedes Drehtags die Muster zeigen ließ und dabei lernte, wie man vor der Kamera agieren musste. Oder wie er den Starttermin von „Top Gun: Maverick“ lieber drei Jahre lang verschob, als den Film auf einer Streaming-Plattform herauszubringen.

          Tom Cruise und Jennifer Connelly vor den Fotografen nach der Vorführung in Cannes
          Tom Cruise und Jennifer Connelly vor den Fotografen nach der Vorführung in Cannes : Bild: AFP

          Er spielte, mit anderen Worten, nach den Regeln von Cannes, wo man auch von den Ikonen der Filmindustrie ein Bekenntnis zum Kino als Kunst- und Lebensform erwartet. Als er gefragt wurde, warum er die meisten seiner Stunts immer noch selbst macht, antwortete er mit einer Gegenfrage: „Hätten Sie etwa Gene Kelly gefragt, warum er tanzt?“

          Ein beneidenswerter Stunt

          Der Film, mit dem er nach Cannes gekommen war, eben die Fortsetzung von „Top Gun“ aus dem Jahr 1986, war dann aber doch ein reines Industrieprodukt, eine hochmotorisierte audiovisuelle Bespaßungsmaschine aus Männer- und Frauenklischees, Flugstunts und martialischem Gehabe, Soundtrack-Gewummer und Werbeästhetik. Vor sechsunddreißig Jahren, als Cruise zum ersten Mal für die U.S. Navy flog, war der Gegner mit seinen MiG-Jets noch klar als sowjetische Kampfeinheit erkennbar. Heute fragt man sich, ob Don Simpson und Jerry Bruckheimer mit ihrer Produktion nicht noch ein paar Jahre hätten warten sollen. Inzwischen fliegen im Ukrainekrieg auf beiden Seiten MiGs, während die Flugabwehrsysteme aus allen möglichen Arsenalen stammen.

          Das Prinzip des „high concept“, dem „Top Gun“ entstammt, ist die größte erzählerische Vereinfachung, kombiniert mit äußerster technischer Aufrüstung, was in „Maverick“ dazu führt, dass ein unspezifizierter Schurkenstaat mit militärischen Superkräften als Feindbild dient. Aber die Weltlage wird heute täglich differenzierter und komplizierter. Die holzschnitthafte Dramaturgie von „Top Gun“ wirkt dadurch noch antiquierter, als es das Remake eines Films aus den Achtzigern ohnehin sein muss. In der letzten Szene steigt Cruise übrigens mit einer P-51 Mustang, einer Propellermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg, in den Himmel über Kalifornien – und um diesen Stunt habe ich ihn tatsächlich beneidet.

          Draußen vor dem Kino, aus dem die Zuschauer in Smokings und Abendkleidern strömten, standen kleine Gruppen schwer bewaffneter Polizisten. Die ganze Croisette war mit Mannschaftswagen zugeparkt. Das Attentat von Nizza hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Dies ist eben nicht mehr das Europa der Achtzigerjahre, sondern eine neue, unruhige Welt.

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