https://www.faz.net/-gqz-11mci

„Tödliches Kommando“ : Im Kriegstheater von Bagdad

Selbstgebastelte Sprengkörper sind das Markenzeichen des Irak-Kriegs. Kathryn Bigelows Film „Tödliches Kommando“ zeigt uns, wer sie entschärft. Der Irak-Film ist wild, laut, von kinetischer Energie befeuert und dennoch kontrolliert wie ein prekäres Experiment.

          3 Min.

          Nur wenige Zentimeter über dem Boden, wackelig, laut, so beginnt Kathryn Bigelows Film „The Hurt Locker“, der ein Jahr nach seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig als „Tödliches Kommando“ heute in die deutschen Kinos kommt. Wir rumpeln in diesen Film, der im Jahr 2004 in Bagdad spielt, aus der Perspektive eines kleinen Roboters, der über Steine und Geröll ferngesteuert auf eine Tasche zufährt, in der möglicherweise ein Sprengkörper liegt.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Mit seinem Greifarm lädt er das verdächtige Stück auf, dreht um und macht sich auf den Weg zurück. Er verliert ein Rad, dann den Anhänger, sein Kameraauge irrt umher, erfasst Männer auf den Dächern ringsum, einen Händler mit einem Mobiltelefon in einem Hauseingang, Kinder, die um die Ecke flitzen, die staubige Luft, das Häuflein Kram, aus dem er möglicherweise eine Bombe gefischt hat.

          Die Nerven liegen blank

          Dann fällt der Roboter um. Und ein Mann muss sich aufmachen, ihn zu holen. Er heißt Matt Thompson (Guy Pearce), ist Bombenentschärfer im Team Bravo der Amerikaner, er hat noch achtunddreißig Tage seines Einsatzes in Bagdad vor sich, und er ist ein Profi, der nicht zögert und sich auf seine Mannschaft verlässt. Auf JT Sanborn (Anthony Mackie), der darauf Wert legt, die Dinge vorschriftsgemäß anzugehen, und hofft, dass ihn das am Leben hält, und auf den Scharfschützen Owen Eldridge (Brian Geraghty), dessen Nerven blank liegen und der seine Furcht kaum in den Griff bekommt.

          Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) bewegt sich vorsichtigen Schrittes zu einer Bombe, die er entschärfen will
          Sergeant Matt Thompson (Guy Pearce) bewegt sich vorsichtigen Schrittes zu einer Bombe, die er entschärfen will : Bild: dpa

          Von den beiden also lässt sich Thompsen in einen Anzug helfen, wie wir ihn von Astronauten zu kennen meinen, setzt einen Helm auf, der aussieht, als könne man mit ihm tauchen, und geht steifbeinig langsam los. Atmet schwer. Erzählt den beiden in Sicherheit Zurückgebliebenen, was er sieht, die ihrerseits ihn darüber unterrichten, was außerhalb seines Gesichtsfelds vorgeht. Dass der Mann mit dem Mobiltelefon die Bombe zündet, sehen sie zu spät.

          Um Leben und Tod

          Schon in dieser ersten Szene zeigt sich, was „Tödliches Kommando“ von all den anderen Irak-Kriegsfilmen unterscheidet, die mit mäßigem bis gar keinem Erfolg in den vergangenen zwei Jahren herauskamen, manche gleich auf DVD. Es geht nicht um Politik, nicht um Absichten, vorgeschobene Gründe und Konsequenzen des Irak-Kriegs. Es geht nicht um eine allgemeine Anklage des Kriegs als grausame Schlachterei, nicht um Verbrechen.

          Es geht (nach einem Drehbuch des Kriegsreporters Mark Boal) um drei Männer einer Einheit, deren Aufgabe es ist, Sprengkörper zu entschärfen, die unter Autos hängen, von Schafen herumgetragen werden, unterm Straßenstaub liegen, einem Mann um den Bauch geschnallt wurden. Immer sind höchste Konzentration, Können und Präzision gefragt. Und immer werden die Männer im Einsatz beobachtet von den Bewohnern der Stadt, unschuldigen Neugierigen zumeist, manchmal von denen, die die Bomben gelegt haben, einige Male von jenen, die sie zünden. Immer geht es um Leben oder Tod.

          Der Mann im Schutzanzug

          „Tödliches Kommando“ ist also ein immens spannender Film, und die Actionszenen, die ihn ausmachen, gehören zu den besten, die in letzter Zeit gedreht wurden. Und das hat viel damit zu tun, dass die Orientierungslosigkeit in Kriegen ohne Frontverlauf, die eines der wiederkehrenden Motive jedes Kriegsfilms seit Vietnam gewesen ist, hier nie dazu führt, dass wir nicht wüssten, wo wir sind. Jedenfalls im Verhältnis zur Bombe, die es gerade zu entschärfen gilt, sind wir uns unseres Standorts immer bewusst - es ist der des Mannes im Schutzanzug.

          Nachdem Thompson getötet worden ist, kommt William James (Jeremy Renner in der Rolle seines Lebens) als neuer Sprengstoffexperte, und er ist es dann, um den der Film vor allem kreist. Er weiß genau, was er tut, wenn er den Schutzanzug ablegt, der ihn im Zweifel nicht schützen würde. Und wenn er in einem Auto herumkramt, um eine amateurhaft zusammengebastelte Bombe zu finden, oder unter seinem Bett im Camp einen Karton hervorholt, in dem all die entschärften Zünder liegen, die ihn hätten töten können, verstehen wir etwas von ihm, das mit dem Motto des Films, „Krieg ist eine Droge“, nur ganz ungenau beschrieben ist.

          Der Irak-Film, den dieser Krieg verdient

          Wir verstehen einen Mann, der so gut ist in dem, was er tut, dass er nichts anderes mehr tun will. Einen Spezialisten, nicht ohne Gefühle, nicht ohne Gewissen, nicht ohne Gedanken, aber ohne weitere Fertigkeiten, die es mit dem aufnehmen könnten, was er am besten kann. Und der deshalb zurückgeht in den Krieg, der für ihn eigentlich zu Ende sein könnte.

          Kathryn Bigelow hat, bevor sie begann, Filme zu drehen, als bildende Künstlerin gearbeitet, und diesem Film sieht man das wieder an. Wild, laut, von kinetischer Energie befeuert und dennoch kontrolliert wie ein prekäres Experiment, haben wir endlich den Irak-Film, den dieser Krieg verdient.

          Weitere Themen

          Geschichte spielen

          „6 Days in Fallujah“ : Geschichte spielen

          Das Videospiel „6 Days in Fallujah“ betreibt einigen historischen Aufwand, um den Kampf um die irakische Stadt erlebbar zu machen. Aber kann es der moralischen Komplexität gerecht werden?

          Topmeldungen

          Die Zahl der Internet-Attacken nimmt zu.

          Cyber-Kriminalität : Im Netz der kaltblütigen Erpresser

          Hacker dringen mit ihren Angriffen in immer sensiblere Bereiche vor. Sie nehmen Daten als Geisel und Tote in Kauf. Treffen kann es jeden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.