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Zum Tod von Jean-Paul Belmondo : Der unsterbliche Filou

Jean Paul Belmondo, geboren am 9. April 1933 in Neuilly-sur-Seine, gestorben am 6. September 2021 in Paris, im Jahr 2000 in Philippe De Brocas „Amazone“ Bild: Allstar/Tf1 Films

Sein unverwechselbarer Auftritt hat Autoren- wie Mainstreamfilme geprägt. Dass er nie einen Oscar bekam, hat nur einen Grund. Zum Tod von Jean Paul Belmondo.

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          Schöne Frauen, schnelle Autos, elegante Anzüge, exotische Länder, Glück, Glanz, Reichtum und Ruhm: So stellt sich der Kinozuschauer das Leben eines männlichen Filmstars im zwanzigsten Jahrhundert vor. Und das alles hat Jean-Paul Belmondo gehabt. In einer Zeit, in der die Stars auf der Straße noch nicht von Passanten mit Smartphones, sondern nur von professionellen Paparazzi gejagt wurden und soziale Netzwerke sich noch in Bistros und Restaurants trafen, hat Belmondo die ganze Süße eines Lebens gekostet, wie es nur der Erfolg auf der Leinwand den vom Publikum Auserwählten schenkte.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er war mit dem Sexsymbol Ursula Andress liiert, er stand mit Romy Schneider, Jean Seberg, Claudia Cardinale, Jeanne Moreau, Catherine Deneuve und Sophie Marceau vor der Kamera, er drehte in der Karibik und über den Dächern von Paris, und er gab sich nicht nur das Image eines Draufgängers, sondern lebte auch danach. Die meisten seiner Stuntszenen spielte er selbst. In einem Filmstill aus Philippe de Brocas „Abenteuer in Rio“ sieht man ihn hundert Meter hoch über den Gebäuden der Retortenstadt Brasilia auf einem Holzbalken balancieren. Dass die Welt Belmondo zu Füßen lag, war kein bloßer Spruch, sondern filmische Realität.

          „Diese tausend Leben sind zu schnell vergangen, viel zu schnell – in dem Tempo, mit dem ich früher Sportwagen fuhr.“ So beginnt Belmondos Autobiographie von 2016, und mit demselben Erfahrungshunger, derselben Lust am Dasein, die aus diesem Satz spricht, hat er auch seine Schauspielerkarriere durchlebt. 1933 in einem Vorort von Paris geboren, wuchs er in eine Umgebung hinein, die sich gerade von den Schatten des Zweiten Weltkriegs befreite. Sein Vater, ein Bildhauer, und seine Mutter, die als Tänzerin gearbeitet hatte, unterstützten seine schauspielerischen Ambitionen, sein Bruder, der als Produktionsmanager in die Kinoindustrie ging, produzierte später Belmondos Filme. Dennoch waren die Anfänge des jungen Schauspielers mühsam. Man sah seinem Gesicht an, dass er als Boxer schon einiges eingesteckt hatte, und auch sein großer Mund entsprach nicht dem gängigen, von männlicher Härte geprägten Schönheitsideal.

          Dass ebendieser Mund und die zerdrückte Nase zum Markenzeichen eines Stars werden würden, war spätestens mit Belmondos Auftritt in Jean-Luc Godards Spielfilmdebüt von 1960 klar. Godard hatte mit Belmondo zuvor einen Kurzfilm gedreht, und als er ihn für „Außer Atem“ engagierte, gab er ihm anstelle eines Drehbuchs nur vier Sätze. „Es geht um einen Typen, der gerade in Marseille ist… Am Ende stirbt entweder er selbst oder er bringt das Mädchen um, das sehen wir dann.“ Das genügte, um Belmondo zum Gesicht einer neuen Zeit zu machen. Die jungenhaften Manierismen, die er für „Außer Atem“ entwickelte, die Flüche und Sprüche, der Augenaufschlag, die Zigarette im Mundwinkel haben sein Spiel bis zum Schluss geprägt, und man muss nur daran denken, wie er sich in einer Humphrey-Bogart-Imitation mit dem Daumen über die Lippe streicht, um ihn sofort wieder vor sich zu sehen. Wenn Alain Delon, sein Freund und Konkurrent, der eiskalte Engel des französischen Kinos war, dann ist Belmondo der unsterbliche Filou.

          Mit Jean Seberg 1959 bei den Dreharbeiten zu Godards „Außer Atem“ Bilderstrecke
          Jean Paul Belmondo : Filmstills eines Lebens

          Nach diesem Start war Belmondos Karriere in der Spur. Dabei fuhr er zunächst immer zweigleisig: hier Autoren-, dort Mainstreamfilm, hier „Eine Frau ist eine Frau“, „Pierrot le Fou“, „Die Millionen eines Gehetzten“, „Das Geheimnis der falschen Braut“ und „Stavisky“, dort „Der Panther wird gehetzt“, „Cartouche, der Bandit“, „Borsalino“, „Das Superhirn“, „Der Greifer“, „Der Profi“ und „Der Profi 2“. Dabei zeigte Belmondo eine bewundernswerte Gleichgültigkeit gegenüber der Unterscheidung von künstlerischem und kommerziellem Kino. Filmarbeit war für ihn eine Sache unter befreundeten Profis. Am Drehort wollte er seinen Spaß haben, und so wählte er seine Projekte auch danach aus, ob sie ihn mit den Leuten zusammenbrachte, die er seit der Schauspielschule kannte: Jean Rochefort, Annie Girardot, Jean-Claude Brialy, Jean-Pierre Marielle und viele andere.

          Vielleicht hat Belmondo auch deshalb nie den Sprung nach Hollywood gewagt. Die Millionenangebote der großen Studios konnten ihn nicht locken, weil er in der französischen Filmindustrie verwurzelt war, ihrer Sprache, ihren Ritualen, ihren Tabus. Die zynische Spekulation mit Gewaltphantasien, wie sie im amerikanischen Kino der siebziger Jahre aufkam, hat er immer verachtet. So kommt es, dass Belmondo, obwohl international bekannt, nie einen Oscar empfangen hat. 2011 bekam er in Cannes die Goldene Palme, 2016 in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Da war seine Karriere lange vorbei. 2001 hatte ihn ein Schlaganfall zeitweise gelähmt, 2008 trat er zum letzten Mal in einem Spielfilm auf. Jetzt ist er im Alter von achtundachtzig Jahren in Paris gestorben.

          „Während ich Ihnen von meinem Weg erzähle, merke ich, wie gern ich ihn gegangen bin, wie fröhlich, verrückt und abwechslungsreich er war, voller Freundschaft und Liebe.“ Vielleicht kann man über ein Schauspielerleben gar nichts Schöneres sagen. Denn auch für die Kinozuschauer war der Franzose mit dem alterslosen Jungengesicht ein Freund – und er wird es bleiben.

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