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Der Film machte sie zum Star: Tippe Hedren 1963 in „Die Vögel“. Bild: Picture-Alliance

Tippi Hedren wird 90 : Was wäre ein Bild des Schreckens ohne Frau?

Dankbarkeit und Abscheu, Respekt und Fassungslosigkeit: Wer Hitchcock sagt, darf von ihr nicht schweigen. Der Schauspielerin Tippi Hedren zum Neunzigsten.

          3 Min.

          Fünfzig Auftritte in Filmen und Serien, von denen zwei bleiben werden: Ist das eine gute Bilanz für eine Neunzigjährige, deren Tochter (Melanie Griffith) und auch Enkelin (Dakota Johnson) im selben Fach berühmt wurden?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist, wenn man Tippi Hedren glauben will, eine zwiespältige Bilanz, und diese Ambivalenz, die sie in ihrer Autobiographie und in Gesprächen in den vergangenen Jahren verstärkt zum Ausdruck brachte, ist vermutlich die ehrlichste Art, auf diese Geschichte zu blicken. Beispielhaft ist sie auch.

          Die Geschichte geht so: Alfred Hitchcock und seine Frau und Geschäftspartnerin Alma Reville sahen Tippi Hedren als Model in einer Fernsehwerbung, und sie gefiel ihnen sehr. Die Hitchcocks suchten gerade eine neue Blondine, die Alfreds Lieblingsstar Grace Kelly ersetzen könnte, weil diese vor einiger Zeit Prinzessin von Monaco geworden war, und sie luden Tippi Hedren ein. Einem Gespräch folgten Probeaufnahmen, denen wiederum ein Mittagessen folgte, dessen Höhepunkt die Schenkung einer goldenen Brosche an das Model aus New York war: eine Vogelbrosche!

          Eine großartige Rolle

          Dem Mittagessen und der Brosche folgte ein Siebenjahresvertrag mit Alfred J. Hitchcock Productions. Es war das Jahr 1961. Zwei Jahre später, als „Die Vögel“ ins Kino kamen, ist Tippi Hedren ein Star.

          Eine großartige Rolle: In „Die Vögel“ spielt Tippi Hedren Melanie Daniels.

          Melanie Daniels in „Die Vögel“ ist eine großartige Rolle. Sie verlangt alles von ihrer Darstellerin, vor allem verschiedene Schattierungen von Angst und Panik und Verletztheit – letztlich den Zusammenbruch nicht nur einer Fassade von Stärke und Unnahbarkeit, sondern die Auflösung einer ganzen Persönlichkeit. Es war Tippi Hedrens erste Rolle überhaupt und ganz die Figur von Alfred Hitchcock. So formuliert sie das selbst. Schauspieler waren für Hitchcock vor allem formbare lebendige Requisiten (wie auch etwa für Fritz Lang). Und je kühler dabei das Ausgangsmaterial war, in diesem Fall: seine Darstellerinnen – desto besser konnte er sie meißeln.

          1963 mit Alfred Hitchcock in Cannes

          Hitchcock war interessiert daran, in jeder Szene ein Bild zu erschaffen, und seine Darstellerinnen waren Funktionen im Dienst dieses Bilds. Jacques Aumont hat das einmal anhand der Telefonzellenszene in „Die Vögel“ anschaulich gemacht. Tippi Hedren sollte hier kein Erschrecken, keine Angst spielen, sondern Gesicht und Hände ganz dicht an die zerspringende Scheibe bringen, während wütende Vögel das Glas von außen zerhacken. Damit ein Bild des Schreckens entsteht, von dem Hedrens Gesicht ein Teil ist, aber nur ein kleiner.

          Der Weg zum Ruhm

          Für seinen nächsten Film, „Marnie“, hoffte Hitchcock noch einmal auf die Mitwirkung von Grace Kelly, bevor der Palast von Monaco ihr Engagement untergrub. Nach Grace Kellys Absage wird noch einmal Tippi Hedren besetzt. Die Rolle: eine Kleptomanin. Ihr Gegenüber: Sean Connery.

          Kein Bond-Girl: Tippi Hedren mit Sean Connery in Hitchcocks „Marnie“ aus dem Jahr 1964

          Der Film war zunächst ein Flop, inzwischen aber ist er ein Klassiker, auch der Zurichtung von Frauen im Film. Es war die beste Rolle, die Tippi Hedren je hatte, und sie spielte sie mit allen Schattierungen, die in den Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart einer Figur fallen können. Ihre Darstellung ist eine Meisterleistung, ihre Meisterleistung. Und doch war sie von nun an Mitglied einer Gruppe, die kürzlich wieder den Titel eines Buchs abgab: Mit nur zwei Filmen wurde sie eine von „Hitchcock’s Blondes“. Eigentlich eine Unverschämtheit. Und doch auch: der Weg zum Ruhm.

          Tippi Hedren im Jahr 1982

          Tippi Hedren ist das nicht gut bekommen. Sie erzählt in ihrer Autobiographie, wie Hitchcock sie befingert, sie sexuell belästigt und ihr nachgestellt habe. Möglicherweise fühlte Hitchcock sich ermächtigt. War sie nicht sein Geschöpf? War er nicht der Puppenspieler, der sie, ein Model, zum Leben erweckte, der Meister, an dessen Fäden sie hing? Wer könnte, wenn in der Öffentlichkeit so gewertet wird, ans eigene Talent, die eigene Leistung glauben?

          Hitchcock war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits lange tot, und die Gründe, warum Hedren so lange schwieg, sind dieselben, aus denen andere Frauen lange schwiegen: Machtlosigkeit, Abwehr des Opferstatus, Scham, schließlich der Aufbau eines Lebens jenseits von Hollywood, in dem sie etwas anderes sein konnte als eine von Hitchcocks Blondinen.

          Tippi Hedren im Jahr 2013 zu Hause in ihrem Privatreservat für Großkatzen in Acton, Kalifornien

          Auf die Frage, was sie empfinde, wenn sie seinen Namen höre, sagte sie in einem Interview, als die #MeToo-Bewegung bereits in vollem Gange war: „Dankbarkeit und Abscheu. Respekt und Fassungslosigkeit.“ Ehrlicher lässt sich die Komplexität der Verhältnisse kaum fassen. Am Sonntag wird Tippi Hedren, geboren als Nathalie Kay Hedren in New Ulm in Minnesota, neunzig Jahre alt.

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