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Thriller mit Nicole Kidman : Die seltsamen Untiefen eines Gesichts

Sie scheinen so wenig zueinander zu passen, dass es für die Geschichte schon wieder passend wirkt: Nicole Kidman und Colin Firth in „Ich darf nicht schlafen“ Bild: Splendid/ Sony Pictures

Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut: Im Thriller „Ich darf nicht schlafen“ zeigt Nicole Kidman endlich mal wieder, was sie kann. Doch Regisseur Rowan Joffé nutzt die Chance nicht, die seine Schauspieler ihm bieten.

          Nicole Kidman sieht sich wieder ähnlich. Nachdem sie in „Stoker“ wie eine sprechende Wachsfigur und in „Grace of Monaco“ wie eine Bittermandelversion von Grace Kelly vor der Kamera herumlief, wirkt sie in Rowan Joffés Film „Ich darf nicht schlafen“ nun wieder so, als fühlte sie sich wohl in ihrer Haut - obwohl sie eine Frau spielt, die alles andere als in ihrem Leben zu Hause ist. Diese Christine leidet nach einer Kopfverletzung unter einer Form von Amnesie, die sie jede Nacht im Schlaf alles vergessen lässt, was sie am Tag zuvor erlebt und gewusst und gespürt hat: ihren Namen und den ihres Ehemanns, ihre Geschichte und ihre Gefühle. Christine ist vierzig, aber sie könnte ebenso gut dreißig sein, eingefroren in dem Zustand vor ihrem Unfall - oder dem, was sie dafür hält -, und genau diese Unbestimmbarkeit passt zu Kidmans Gesicht, dessen Aura von jeher viel mit der seltsamen Unschärfe und Untiefe ihrer Züge zu tun hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das ist die gute Nachricht in „Ich darf nicht schlafen“, den man eigentlich „Ich. Darf. Nicht. Schlafen.“ schreiben müsste, als wollte der deutsche Verleih die Harmlosigkeit des Films durch einen gefährlich klingenden Titel kompensieren. Denn Joffé, dessen Regie schon in seinem Debüt „Brighton Rock“ zwischen Stilwillen und erzählerischem Ehrgeiz schwankte, hat einen Bestseller-Thriller des britischen Autors S. J. Watson so gediegen adaptiert, dass man eher von einer Verpackung als einer Verfilmung sprechen muss.

          Colin Firths dämonische Seite

          Der Film spielt in einem London, das wie mit einem riesigen Kehrbesen gereinigt wirkt, und in einem eleganten Haus auf dem Land, dem die laue Studioluft aus allen Ritzen quillt, und er hat mit Colin Firth einen Hauptdarsteller, der als Saubermann des britischen Kinos in dieses staubfreie Ambiente passt wie die Faust aufs Auge. Der Witz in „Ich darf nicht schlafen“ besteht nun darin, dass Firth genau dieser Mann diesmal nicht ist, und aus dieser Spannung zwischen Image und Rolle hätte der Film einiges machen können - genauso wie aus dem Zusammentreffen von Firth und Kidman, die so wenig zueinander zu passen scheinen, dass es für diese Geschichte schon wieder passend wirkt.

          Aber Joffé nutzt die Chance nicht, die ihm seine Schauspieler bieten. Er blickt auf Colin Firth, als wäre er der alt gewordene Tom Cruise aus „Eyes Wide Shut“, und auf Nicole Kidman, als hätte sie mit dem erotischen Versprechen, das sie bei Kubrick am Ende gab, niemals Ernst gemacht. Als die beiden einander im Badezimmer zu umarmen versuchen, ist das eine der hilflosesten Liebesszenen, die man im Kino seit langem gesehen hat. Und genauso hilflos wirkt der Versuch, an Firth jene dämonischen Seiten zu entdecken, die seine Figur so dringend gebraucht hätte. Auch im Rausch des Bösen erscheint er wie ein Mann, der eigentlich das Gute will und nur kurz die Kontrolle über sich verloren hat.

          Nicole Kidman macht alles wieder gut

          Der Dritte im Spiel ist ein Dr. Nasch (Mark Strong), der Christine jeden Morgen anruft und sie bittet, sich das Video-Tagebuch anzuschauen, das sie in ihrem Fotoapparat gespeichert hat. Die Möglichkeit, dass auch der Doktor der Täter sein könnte, macht im Kino den Reiz solcher Konstellationen aus. Joffés Kamera lässt sich jedoch nicht darauf ein, sie guckt lieber in den Datenspeicher der Kamera als in die Gesichter der Darsteller. Dass ein Film, der von einer traumatisierten Frau im Griff zweier Männer handelt, nicht gleich ein Dutzend Verbeugungen vor Hitchcock macht, spricht erst einmal für ihn, aber Joffé zeigt in „Ich darf nicht schlafen“ leider auch, was er alles von Hitchcock nicht gelernt hat. Zum Beispiel, wie man eine Geschichte so erzählt, dass sie zum Ende hin nicht flacher, sondern steiler und spannender wird.

          Allein Nicole Kidman macht als Amnesiepatientin Christine alles wieder gut, was sie mit ihren letzten Filmen eingebüßt hat. Sie ist das perfekte Opfer, das sie schon in „Moulin Rouge“ war, und sie hat seit damals nichts an leidender Grazie verloren. Nur dass sie hier nicht an Schwindsucht zugrunde geht. Es ist der Film, der daran stirbt.

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