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Eröffnungsfilm der Berlinale : Der Trost von Fremden schmeckt nach Kaviar

Gestern haben wir uns noch aus unseren Lieblingsbüchern vorgelesen: Caleb Landry Jones und Andrea Riseborough in „The Kindness of Strangers“ Bild: Per Arnesen/Berlinale//EPA

Chance vertan: Zur Eröffnung zeigt die Berlinale „The Kindness of Strangers“ der dänischen Regisseurin Lone Scherfig. Das ist süßsaures Gefühlskino mit Bildern wie aus dem Reisekatalog.

          Um halb elf trat die Jury zum Gruppenbild vor die versammelten Fotografen: der Regisseur Sebastián Lelio, die Produzentin Trudie Styler, die Schauspielerin Sandra Hüller, der Kritiker Justin Chang, Rajendra Roy, der Filmkuratur des New Yorker MoMa, und Juliette Binoche, die Präsidentin. Dann gingen die fünf Jurymitglieder aus dem Bild, und Juliette Binoche blieb allein mit der Meute. Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug, schwarze Pumps und eine hellgraue Samtbluse mit hohem gefälteltem Kragen. Sie wirkte sehr zart und zu allem entschlossen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Vorstellung, dass Schauspieler und Kuratoren über Festivalpreise entscheiden dürfen, ist genauso plausibel oder absurd wie die Idee, dass Filmkritiker es tun. Eine Jury, die nur aus Regisseuren und Produzenten bestünde, hätte zwar die Macher auf ihrer Seite, aber am Ende wäre sie vermutlich ebenso unberechenbar wie alle anderen. Man kommt eben mit einem Bauchgefühl aus dem Kino, und dann überlegt man sich, wie man es in Worte bringt. Ein Kritiker hat vielleicht etwas mehr Worte parat, dafür weiß ein Kinoprofi aber viel genauer, was er gesehen hat.

          Andererseits würde man schon gerne hören, was die Schauspieler aus Lone Scherfigs „The Kindness of Strangers“ über den Film zu sagen hätten. Vermutlich würden sie sich lobend über die Vielschichtigkeit ihrer Rollen äußern und darüber, dass die Regie nicht an den Dialogen gespart hat. Das trifft einen Punkt, denn in „The Kindness of Strangers“ wird sehr viel geredet, der Film reiht sozusagen eine Sprechszene an die andere. Und auch für die Vielschichtigkeit wird mit Worten gesorgt, denn jede Figur muss ausgiebig erläutern, warum sie tut, was sie tut. Die Krankenschwester Alice zum Beispiel, die mit engelhafter Nervosität von Andrea Riseborough verkörpert wird, erklärt am Ende des Films, dass sie sich deshalb so hingebungsvoll um andere kümmere, weil sie keinen Mann habe, seit ihr Freund sie verließ, während sie ihre kranken Eltern pflegte. Der Film klebt solche back stories auf seine Charaktere wie Briefmarken auf ein Paket: Jetzt sind sie erzählerisch versandfertig.

          Lone Scherfig (l.) und die Schauspielerin Zoe Kazan bei der Vorstellung ihres Films

          „The Kindness of Strangers“, der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, ist eine dänisch-schwedisch-deutsch-französisch-kanadische Koproduktion, die aber in New York spielt. Deshalb, sagt Lone Scherfig, die Regisseurin, habe sie sich von Fachleuten beraten lassen, damit ihr Film so amerikanisch wie möglich wirke. Unter den Beratern müssen auch Tourismusexperten gewesen sein, denn das Empire State Building, das neue One World Trade Center und die Manhattan Bridge tauchen in „The Kindness of Strangers“ immer genau im richtigen Moment auf, und auch die Straßenecke, an der die Heldin den Helden beinahe küsst, sieht der Ecke verdammt ähnlich, an der sich schon Harry und Sally nicht geküsst haben.

          Die Geschichte geht so, dass Clara (Zoe Kazan) auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann mit ihren beiden Söhnen nach Gotham City kommt, aber keinen Platz zum Schlafen findet, weshalb sie erst bei Alice, der Krankenschwester, und danach bei Marc (Tahar Rahim), dem Manager von Alices Stammrestaurant, unterschlüpft. Das Restaurant ist russisch, den Besitzer spielt Bill Nighy mit breschnewhafter Grazie, und wenn Aki Kaurismäki diesen Film gedreht hätte, wäre der „Winter Palace“ vielleicht einer der unsterblichen Schauplätze des Kinos geworden. So aber wirken die Kaviargedecke und Balalaika-Bands wie beim Russenverleih bestellt und die Musik so echt wie ein Bordprogramm auf einem Kreuzfahrtschiff. Am Ende geht trotzdem alles gut aus, die Erwachsenen kriegen sich, und die kleinen Jungen weinen nicht mehr.

          Das alles ist keine Katastrophe, und man muss es Lone Scherfig, die schon bessere („An Education“), aber auch schlechtere Filme („Riot Club“) gedreht hat, hoch anrechnen, dass sie wenigstens den Showdown zwischen Claras Ehemann und ihrem Liebhaber vermieden hat. Aber natürlich prägt der Auftaktfilm die Stimmung auf einem Festival, und so darf man feststellen, dass die Berlinale ein weiteres Mal die Chance versäumt hat, mit ihrem Eröffnungsbeitrag einen Akzent zu setzen, der ihren Rang als populärste und politischste unter den drei großen Kinoschauen bestätigt. Juliette Binoche und ihren Juroren kann das nicht gleichgültig sein, denn auch „The Kindness of Strangers“ konkurriert um den Goldenen Bären. Aber die Jury hat ja noch sechzehn weitere Gelegenheiten, ihren Hauptpreis zu vergeben. Ganz nach Gefühl. Und hoffentlich mit Verstand.

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