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Streit mit Nordkorea : Hat Amerika den Cyberkrieg verloren?

Ein Frage der Terminologie ist auf der politischen Bühne nie bloß eine Frage der Terminologie: Barack Obama auf der Pressekonferenz am 19. Dezember Bild: AFP

Der Film „The Interview“ wird nicht gezeigt, weil Hacker mit Anschlägen drohen. Nordkorea soll dahinter stecken. Was meint Barack Obama, wenn er eine „angemessene Reaktion“ ankündigt?

          5 Min.

          Die Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich nicht im Krieg mit Nordkorea. Diese Klarstellung hat der amerikanische Präsident Barack Obama in einem Interview vorgenommen, das der Sender CNN am Sonntagmorgen ausstrahlte. Hinter den Datendieben, die sich Zugriff auf die Computer des Konzerns Sony verschafften und mit eifriger Hilfe der Klatschmedien eine Menge peinlicher Interna der Unternehmenskommunikation publik machten, steckt nach den Erkenntnissen der Bundespolizei FBI der nordkoreanische Staat. Gleichwohl bewertet die amerikanische Regierung die Hackerattacke und die Drohungen mit Terroranschlägen nach dem Muster des 11. September 2001 nicht als „Kriegshandlung“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Indem Obama diesen Begriff verwarf, provozierte er den Widerspruch der Republikaner, den John McCain, der unterlegene Präsidentschaftskandidat des Jahres 2008, in derselben CNN-Sendung zu Protokoll gab. Der Senator aus Arizona, der fünfeinhalb Jahre in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft verbrachte, warf dem Präsidenten vor, er begreife nicht, dass die Vereinigten Staaten mit einer „neuen Form von Kriegführung“ konfrontiert seien. Schon vorher hatte Newt Gingrich, der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses, über Twitter die Einschätzung verbreitet, mit dem „Zusammenbruch von Sony“ habe „Amerika seinen ersten Cyberkrieg verloren“. Gemeint war der moralische Zusammenbruch, das Einknicken vor den Terrordrohungen, die Entscheidung, die Filmkomödie „The Interview“ nicht in den Kinos zu zeigen.

          In den Augen der Republikaner hat Amerika den Krieg schon dadurch verloren, dass der Präsident von ihm nichts wissen will. Dabei hatte Obama die Kriegsstimmung zunächst genährt, indem er am Freitag den Nordkoreanern mit Vergeltung drohte. Die terminologische Frontbegradigung, die Obama über das Wochenende vornahm, ergibt keinen Sinn und enthüllt die Ratlosigkeit hinter der Maske der Entschlossenheit.

          Vandalismus, kein kriegerischer Akt

          „Nein“, sagte der Präsident auf eine Frage der Interviewerin Candy Crowley, „ich glaube nicht, dass es eine Kriegshandlung war. Es war ein sehr kostspieliger Akt des Cybervandalismus.“ Die beiden Ausdrücke stammen aus verschiedenen Sphären. Der Begriff des Kriegs gehört ins Völkerrecht. Wer eine Handlung eines Staates als kriegerisch klassifiziert, nimmt eine normative Bewertung vor. Die Rede vom Vandalismus ist deskriptiver Natur und hat ihren Platz in der Kriminologie des Alltags. Bezeichnet wird eine Vernichtung von Sachwerten, die als sinnlos erlebt wird.

          Schon die Etymologie verrät, dass Vandalismus auch eine Kriegshandlung sein kann. Die Vokabel erinnert an die Spur der Verwüstung, die der germanische Stamm der Vandalen in der Epoche der Völkerwanderung beim Durchmarsch durch römische Provinzen hinterlassen haben soll. Man stelle sich vor, Kim Jong-un hätte eine Drohne eine Brandbombe über dem Sony-Hauptquartier in Hollywood abwerfen lassen. Den Nachtwächtern wäre nichts passiert, aber die Studiogebäude wären abgebrannt. Wäre solche Gewalt auf dem Territorium der Vereinigten Staaten kein kriegerischer Angriff?

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