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„The Girl on the Train“ : Folgen Sie der Stimme dieser Frau zum Ausgang!

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Bild: AP

Mann, Kind, Einfamilienhaus, und doch ist niemand glücklich: Die Bestsellerverfilmung „The Girl on the Train“ ist ein Höhlengleichnis mit unzuverlässigen Erzählerinnen.

          In der kleinen Welt der reichen Leute, die sich flussaufwärts von New York ein Leben leisten können, bleibt man auf Abstand. Die Häuser auf weitläufigen Grundstücken wirken wie Pufferzonen gegen die Neugierde der Nachbarn. Wenn eine blonde Frau morgens aus dem Fenster blickt, nackt oder kaum bekleidet, dann wähnt sie sich unbeobachtet. Doch es gibt ein Einfallstor in diese Welt. Es ist der gleitende Blick, den eine Frau aus einem der Pendlerzüge wirft, die hier in rascher Folge vorbeiziehen. Rachel ist wahrscheinlich die einzige, die überhaupt den Blick hebt. Sie starrt hinein in eine Welt, an der das Leben sie vorbeijagt. Es ist ihre eigene Welt, wie mehrfach deutlich wird, wenn ihr Blick durch ihr Spiegelbild gebrochen wird. Es ist die Konstellation, aus der Freud das Unheimliche gelesen hat: Man sieht sich, aber man erkennt sich nicht. Rachel erkennt sich nur zu gut. Das ist noch viel schlimmer.

          Der Beststeller „The Girl on the Train“ von Paula Hawkins beruht zu weiten Teilen auf dieser Entfremdung, die aus den Stimmen dreier Frauen einen Text werden lässt, dem nur vom Ende her zu vertrauen ist. Sie wissen von sich selbst und ihrem Leben nur so viel, dass sie als Opfer erscheinen müssen – Rachel, weil sie ihren Mann Tom an eine andere Frau verloren hat; Anna, weil sie diese andere Frau ist und sich deswegen für die Zerrüttung von Rachel verantwortlich fühlen muss; Megan, weil sie irgendwie dazwischen geraten ist, als Kindermädchen bei Anna und vor allem als die Frau, auf die der ebenso zufällige wie schicksalsmächtige Blick von Rachel gefallen ist.

          Reproduktion und Eigenheime

          Megan ist die strahlende Schönheit, die sogar aus einem fahrenden Zug noch in Erinnerung bleibt. Dass sie auch eine Menge finsterer Geheimnisse hat, ist eine Sache der Balance. Denn die Phantasie von Paula Hawkins kreist um die weibliche Reproduktion, um die Komplettierung, die eine Frau dem erfolgreichen Mann schenkt.

          Anna und Tom und ihre Tochter, das ist das Glück, für das man überhaupt erst die Eigenheime braucht, an denen dann die Züge mit den weniger glücklichen Menschen vorbeirauschen. Rachel und Megan sind Karyatiden, tragende Säulen einer traditionellen Weltordnung. Am Ende des Romans liegt diese Ordnung in Trümmern.

          Megan (Haley Bennett), das Kindermädchen, ist irgendwie dazwischengeraten.

          Tate Taylor, der nach einem Drehbuch von Erin Cressida Wilson die Verfilmung übernommen hat, setzt zuerst einmal stark auf einen Spezialeffekt: Es ist das Maskenbild, mit dem Emily Blunts Rachel ausgestattet wurde. Die englische Schauspielerin läuft mit verschmiertem Gesicht durch den Film, fast schon so, als hätte man Edvard Munchs Bild „Der Schrei“ in die Foundation eingearbeitet, dabei den Mund aber aus Versehen über die Augen gelegt. Es ist zum Gotterbarmen, wie Rachel mit weit aufgerissenen Augen mitanschauen muss, was alles nichts mehr mit ihr zu tun hat.

          Dir Nüchternheit nimmt ihr niemand ab

          Die Augen sind Höhlen, deren Eingang zerfließender Lidschatten markiert. „The Girl on the Train“ ist demzufolge ein feministisches Höhlengleichnis, in dem die Stimme einer Frau den Ausgang weist. Sie muss nur so lange reden, und die Augen offen halten, bis sich der Bann der Schatten löst und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Fessel, aus der Rachel sich befreien muss, ist auch eine Doxa, ein falscher Anschein: Sie gilt als Alkoholikerin, auch wenn sie inzwischen dem Rausch entsagt. Die Nüchternheit nimmt ihr niemand ab, sie gilt als unzuverlässige Zeugin.

          Anna (Rebecca Ferguson) ist die Neue. Aber so richtig glücklich ist sie nicht.

          Dabei hat sie etwas Wesentliches gesehen, nämlich Megan, die inzwischen verschwunden ist, auf ihrem Balkon, mit einem anderen Mann. In der komplizierten Blickkonstruktion des Films ist das der entscheidende Moment, denn hier kommt das Puzzle in Bewegung, hier tritt Rachel in Beziehung mit dem richtigen Leben. Sie wirft einen Anker in die Welt, an dem sie sich dann verzweifelt festhält. Sie überschreitet dabei Grenzen, die ihr Tun erst recht verdächtig machen: Bei dem Therapeuten von Megan, einem attraktiven Hispanoamerikaner, bucht sie Sitzungen, mit dem Mann von Megan, einem latent gewalttätigen Handwerker, tritt sie ebenfalls in Verbindung. Dass alle drei Männer in ihrer modellhaften Konturierung fast schon an die notdürftige Figurenzeichnung in Edelpornos erinnern, verweist noch einmal auf die Herkunft dieser Geschichte aus den Vorstellungswelten der Trivialliteratur.

          Angewiesen auf einen herkömmlichen Schurken

          Die Spannung beruht dabei fast vollständig auf Rachels Exponierung, die in einer Szene gipfelt, in der sie mit der Tochter von Anna und Tom das Haus verlässt. Nun hat sie auch noch das Stigma der Kinderräuberin. Ihr Ruf ist so ruiniert, dass geübte Zuschauer (und Schmökerleser) natürlich wissen werden, dass sie „es“ nicht sein kann – Rachel muss eine andere Frau sein, als sie uns erscheint. Sie muss sogar eine andere Frau sein, als sie sich selbst erscheint. Die Verbindung von Psychoanalyse, Anamnese und kriminalistischer Recherche wirkt dabei nicht immer plausibel; eher entsteht der Eindruck, dass wie schon im Buch die Umwege zum Durchblick ein wenig umständlich ineinander verschlungen werden.

          Und das zentrale Motiv des flüchtigen Blicks (das Bruno Dumont in „L’humanité“, wo ein Zeuge aus einem TGV etwas sieht oder nicht sieht, wesentlich geschickter und prinzipieller eingesetzt hat) ist nicht viel mehr als eine pathetische Überhöhung des guten, alten Zufalls: zum richtigen Moment an der falschen Stelle zu sein oder anders herum, das war ja immer schon die Bedingung für die Lösung eines Rätsels. „Girl on the Train“ ist schließlich so herkömmlich auf einen Schurken angewiesen, dass man das schon gar nicht mehr als Rehabilitierung einer weiblichen Stimme sehen mag. So bleibt vor allem ein Eindruck aus diesem Film in Erinnerung: ein Gesicht, das Bände spricht. Emily Blunt überstrahlt schließlich auch noch das Trash-Makeup.

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