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„The Act of Killing“ im Kino : Ein Symptom totaler Straflosigkeit

  • -Aktualisiert am

Wahrheit des Massakers, Kitschtraum des Kinos: Wenn Killer ihre Erinnerung choreographieren, können im Kino äußerste Unwirklichkeit und unerträgliche Wirklichkeit zusammenstoßen Bild: Neue Visionen

Aufwühlend: In Joshua Oppenheimers Dokumentation „The Act of Killing“ spielen indonesische Killer jene Mordtaten nach, die sie bei den nie geahndeten Massakern vor Jahrzehnten begingen. Zum Kinostart ein Gespräch mit dem Regisseur - und drei Filmszenen.

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          Herr Oppenheimer, Sie arbeiten schon lange dokumentarisch in Indonesien. Wie kam es zu der Begegnung mit den Männern, die Sie in „The Act of Killing“ mit ihren bald fünfzig Jahre zurückliegenden Mordtaten konfrontieren?

          Ich habe an einem Film namens „The Globalization Tapes“ gearbeitet, in dem es um Plantagenarbeiter in Nordsumatra ging, die im Einzugsgebiet der Stadt Medan in der Palmöl- und Gummiproduktion tätig sind. Sie arbeiten unter furchtbaren Bedingungen. Besonders schlimm ist, dass sie Pflanzenschutzmittel ausbringen müssen, von denen sie vergiftet werden. Die gewerkschaftliche Organisation dieser Arbeiter wird immer wieder behindert. Das hat auch damit zu tun, dass es bis 1965 eine starke Gewerkschaft der Plantagenarbeiter gab, die dann im Zuge des Putsches unter General Suharto zur Verfolgung freigegeben wurde. Daraus resultiert eine Angst, eine Einschüchterung, die bis heute anhält. Ich fragte mich: Wie sollen wir diese Geschichte erzählen? Diese Angst muss ein Thema werden. In dieser Situation sagte jemand zu mir: Frag doch einfach die Killer. Eine der Frauen, sie starb später an einer Lebererkrankung, erzählte mir von ihrem Nachbarn, der im Zuge der Massenmorde 1965 ihre Schwester umgebracht hatte. Ich ging also zu diesem Haus und wartete dort mit der Kamera, und wurde tatsächlich bald hineingebeten zu einem Tee. Dieser Mann erzählte mir bereitwillig, dass er Hunderte „Kommunisten“ getötet hat. Wie, fragte ich? Er hatte sie vor allem im Bewässerungssystem ertränkt. Seine zehnjährige Enkeltochter war dabei, als er mir das erzählte. Ich war mir beim Zuhören nicht ganz sicher, vielleicht war das ja ein verrückter Typ, aber andere Killer sprechen auf ähnliche Weise, das ist nicht Prahlerei, sondern eindeutig ein Symptom von totaler Straflosigkeit. Er stellte mir andere Mitglieder der Todesschwadronen vor, und so begannen meine Begegnungen mit diesen Mördern.

          Und irgendwann trafen Sie auf Anwar Congo, der im Mittelpunkt Ihres Films steht.

          Anwar war der 41. Killer, den ich filmte, aber schon von den 40 davor zeigte jeder Eifer, mir etwas zu erzählen und zu demonstrieren. Das bezeugt die Macht und das Selbstbewusstsein der Killer in Nordsumatra. Sie bilden eine besondere Gruppe, sie erledigen viel schmutzige Arbeit für die Armee, sie werden als Helden gesehen.

          Joshua Oppenheimer
          Joshua Oppenheimer : Bild: interTOPICS

          Das Besondere an „The Act of Killing“ ist, dass Sie diese Männer nicht einfach zum Sprechen bringen, sondern ihnen Gelegenheit geben, ihre Taten nachzuspielen, sie gleichsam zu „verfilmen“. Und sie beobachten diese Dreharbeiten, die zum Teil ganz schön aufwendig sind.

          Was ich sammelte, waren nicht so sehr Testimonials, sondern Performances. Nur so lässt sich ein Regime verstehen, das einen Genozid zelebriert. Ich komme aus einem nicht strikt dokumentarischen Hintergrund, mich interessierten immer die Geschichten, die Leute einander erzählen, denn es ist ein Mythos, dass man eine unabhängig existierende Realität filmen kann. Hier ging es um Imagination, um Selbstverständnisse. Was geht in den Köpfen dieser Männer vor? Wie sehen sie sich? Wie wollen sie gesehen werden?

          Sie machen Kino aus Ihren Erinnerungen, zum Teil sehr kitschiges, schwülstiges Kino.

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