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„The Act of Killing“ im Kino : Ein Symptom totaler Straflosigkeit

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Ihr Verhältnis zu den drei Hauptfiguren ist gleichwohl komplex, denn Sie gehen eine sehr enge Verbindung mit ihnen ein. Haben Sie sich zum Komplizen gemacht, oder die Protagonisten am Ende auf eine gewisse Weise sogar an den Film verraten?

Die Sache ist vielschichtig, denn wir zeigen ja drei Figuren mit sehr verschiedenen Motiven. Anwar Congo wollte sich mit etwas konfrontieren, hatte aber nicht die moralische Statur, sich öffentlich schuldig zu bekennen. Er begriff aber allmählich, dass er kein Porträt schaffen konnte, in dem er zugleich heroisch und wahrhaftig ist, und er entscheidet sich schließlich für die Wahrheit. Herman Koto ist ein Gangster durch und durch, das will er der Welt zeigen. Er ist ein Schauspieler, er gehört zur damals noch existierenden Schauspielgruppe der rechten Miliz „Pemuda Pancasila“, er entdeckt eine Leidenschaft für künstlerische Wahrheit, für politische Wahrheit fehlt ihm das Verständnis. Herman liebt den Film, weil er darin extravagant in Erscheinung treten kann. Adi Zulkadry ist der politisch Interessanteste. Er will seine Taten nicht glorifizieren, er gibt zu, dass eine Entschuldigung angebracht wäre, er weiß, dass alles falsch war und dass es Propaganda war, auf die er damals hereinfiel. Aber gerade bei Adi funktioniert die Verdrängung am besten. Er sagt einmal, dass Anwar sein Gehirn operieren lassen soll, er hält das schlechte Gewissen für ein neurologisches Problem. Er begreift schon beim Drehen genau, was der Film auslösen wird, deswegen hält er sich weitgehend bedeckt.

„The Act of Killing“ im Kino : Filmszene 2

Einige der stärksten Szenen zeigen, dass die Netzwerke auch heute noch bis in die höchste Politik in Indonesien reichen. Yusuf Kalla, der Vizepräsident des Landes bis 2009, Mitglied der „Pemuda Pancasila“, ist in ziemlich kompromittierenden Situationen zu sehen.

Heute ist er Chef des Roten Kreuzes, er möchte für das Präsidentenamt kandidieren, ich hoffe, unser Film wird das verhindern. Der Film hat eine Funktion wie in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Sieh doch, der Mann ist nackt. Mitglieder der Elite zeigen ihre verachtenswerten Eigenschaften, das Regime der Einschüchterung bricht dadurch auf. Es gab 300 Vorführungen in Indonesien, die Reaktion war unglaublich, ich hätte mir das nie träumen lassen. Es erweist sich, dass Indonesien auf diesen Film gewartet hat, seit das Suharto-Regime endete.

„The Act of Killing“ im Kino : Filmszene 3

Erroll Morris und Werner Herzog zählen zu den Koproduzenten. Wie haben sie sich eingebracht?

Werner ist mehr ein Botschafter des Films, das gilt auch für Erroll, der allerdings auch schon bei der Finanzierung sehr stark behilflich war.

Gelegentlich berufen Sie sich auch auf familiäre Erfahrungen, die Sie zu diesem Projekt motiviert haben.

Meine Familie mit Ausnahme der Großeltern meines Vaters waren deutsche Juden, fast alle starben im Holocaust. Als ich aufwuchs, umgab mich dieses Mantra: Nie wieder. Das war das wichtigste moralische Projekt. Offensichtlich passieren solche Sachen aber weiterhin, deswegen musste ich versuchen, das zu verstehen.

Was genau zu verstehen? Das Böse?

Es gibt nicht viele Filme über die Natur des Bösen, und ich denke, dass „The Act of Killing“ einer dieser Filme ist. Aber das Böse ist eben keine metaphysische Qualität, sondern immer konkret. Wenn man im Schatten des Holocaust aufwächst, mit Verwandten, die sagen, sie würden nie nach Deutschland fahren, dann fragt man sich, ob das nicht eine verkehrte Reaktion ist. Denn es fühlt sich bequem an, Hitler für ein Monster zu halten. Er war ein Monster, aber er war auch ein menschliches Wesen, das aber sehr schlechte Entscheidungen traf. Das ist zugleich erschreckend und hoffnungsvoll.

Die Täter spielen sich selbst beim Töten

Im Jahr 1965 putschte in Indonesien das Militär unter General Suharto gegen die Regierung Sukarno, die aus dem Freiheitskampf gegen die niederländische Kolonialmacht hervorgegangen war. Der Machtwechsel ging mit einer Welle der Gewalt einher: Hunderttausende „Kommunisten“ wurden in den Massakern der Jahre 1965/66 getötet. Bis heute sind diese Verbrechen in Indonesien nicht aufgearbeitet. Der Dokumentarfilm „The Act of Killing“ bedient sich einer ungewöhnlichen Methode, dieses nationale Trauma zu thematisieren. Joshua Oppenheimer und sein Team gaben einer Reihe von Mördern die Gelegenheit, ihre Taten zu „verfilmen“, mal als Bollywood-Schnulze, mal als Film Noir. Aus der Dokumentation dieser „reenactments“ erwächst eine komplexe Beobachtung über historische Schuld, individuelles Gewissen und nationale Vergangenheitsbewältigung, die „The Act of Killing“ zu einem der meistdiskutierten Filme dieses Genres werden ließ. Am Donnerstag, 14. November, kommt er in Deutschland in die Kinos.

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Unser Autor: Martin Benninghoff

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