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„The Act of Killing“ im Kino : Ein Symptom totaler Straflosigkeit

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Dazu ist es wichtig zu wissen, dass diese Männer alle ihre Operationsbasis in Kinos hatten. Die Todesschwadronen verkauften Filmtickets auf dem Schwarzmarkt. Anwar arbeitete in dem prächtigsten dieser Kinos. Sie alle liebten amerikanische Filme, sie töteten „für“ amerikanische Filme, denn einer der politischen Konflikte der Zeit ging genau darum: Die Kommunisten waren gegen den Import amerikanischer Filme. Die Mörder in Indonesien mochten mich allein schon deswegen, weil ich ein amerikanischer Filmemacher bin. Sie hatten auch keinen Begriff davon, was ein Dokumentarfilm ist. Sie wollten „produzieren“, mit Requisiten, Kostümen, Schminke. Wenn sie einen Moment erleben, in denen ihnen bewusst wird, was sie getan haben, können sie sich durch Details ablenken. Dann sagt Anwar: Ich habe nicht das richtige Kostüm, wir müssen noch einmal neu drehen. Aber ich folge ihm bis in das Hasenloch, in dem er schließlich gefangen sitzt.

Wir können diesem Anwar Congo bei der Gewissensarbeit zusehen. Dabei bleibt aber immer ein Rest an Uneindeutigkeit: Macht er sich wirklich Schuld klar, oder spielt er nur für die Kamera den Mann, den die Geister seiner Opfer in den Träumen heimsuchen?

Die meisten Leute wollen da eine klare Antwort bekommen: Sehen wir einen Zusammenbruch von Anwar, oder spielt er uns nur einen vor? Doch so eindeutig ist das nun einmal nicht: Er hält eine Rede, aber der reale Horror unterbricht seine Rede, die Erinnerung unterbricht seine Performance, er hat das Gefühl, er müsste sich übergeben. Ein Psychologe hat mir gesagt: Ekel ist das Gefühl, das am härtesten zu spielen ist, deswegen halte ich seine Reaktion vor der Kamera für glaubwürdig. Wir beginnen ja mit einer starken Allegorie für Straflosigkeit: Ein Mann tanzt, während er von dem Tod Tausender Menschen spricht, den er auf dem Gewissen hat. Das war die erste Provokation, die mich dazu brachte, ihm später dieses Material zu zeigen und auch seine Reaktion darauf zu filmen. Da ist sein Gewissen schon da. Er versucht, den Schrecken zu vergessen, indem er tanzt, trinkt, feiert.

„The Act of Killing“ im Kino : Filmszene 1

Sie deuten an, dass es gar nicht sonderlich schwierig war, die Mörder zur Mitarbeit an dem Film zu bewegen.

Ich musste ihnen schon ein plausibles Motiv geben. Das „reenacting“ kann den Horror entschärfen, die gespielten Szenen können an die Stelle der Erinnerung treten. So entsteht ihrer Meinung nach ein schöner Familienfilm über Massenmord, etwas, das die Schuld überlagert. Doch dieser Prozess geht anders auf, als sie dachten. In den Reenactments begann Anwar das durchzuarbeiten, was er damals tatsächlich getan hatte: Er kam aus einem Elvis-Presley-Musical, tänzelte über die Straße, um auf der anderen Seite Menschen zu töten. Er spielte schon damals.

Haben Sie nie eingegriffen in die zum Teil haarsträubenden Filmszenen?

Das war unser Prinzip: Die ästhetischen Entscheidungen sollten von ihnen kommen. Anwar war immer sehr steif, wenn er ein Drehbuch hatte, wir wollten aber an seine Gefühle heran, deswegen wurden die Film-Noir-Szenen, die sein Lieblingsgenre waren, ohne Drehbuch konzipiert. So entstand Raum für Improvisation, für Unterhaltungen, in denen sie viel preisgeben. Wenn ich Situationen gestaltet hätte, wäre das falsch gewesen.

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