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„Ein verborgenes Leben“ im Kino : Woran glaubt dieser Film?

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Ein Gefangener schaut ins nicht ganz diesseitige Licht: August Diehl in der Rolle des österreichischen Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter Bild: Reiner Bajo/Pandora Film

Sind Frömmigkeit und Widerstand unter Hitler Naturereignisse? „Ein verborgenes Leben“ von Terrence Malick tut so.

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          Franz Jägerstätter war ein frommer Mann. Ein Bauer aus dem Innviertel in Oberösterreich, der sich Jesus näher fühlte als den Nachbarn. Als er 1943 in den Krieg ziehen sollte, verweigerte er den Eid auf Hitler: Man kann nicht gleichzeitig Katholik und Nationalsozialist sein, bekundete er. Er hatte sich auch einen Begriff von diesem Krieg gemacht: er sah vor allem „Raubzüge“. Jägerstätter wurde im August 1943 unter dem Vorwurf der Wehrkraftzersetzung in Brandenburg enthauptet. Er wurde zum Märtyrer seiner Gewissensentscheidung. Seine Witwe Franziska, die seinen Entschluss mitgetragen hatte, hielt ihm zeitlebens ein liebendes Angedenken. Sie wurde hundert Jahre alt.

          Terrence Malick ist auch ein frommer Mann. Ein amerikanischer Filmkünstler aus Texas, der sich Dichtern und Denkern näher fühlt als Hollywood. Als junger Mann übersetzte er einen berühmten Text von Heidegger in Englische („Vom Wesen des Grundes“ wurde zu „The Essence of Reasons“). In den siebziger Jahren wurde er mit „Badlands“ und „Days of Heaven“ berühmt, danach verschwand er für eine Weile, seit 1999 macht er wieder relativ regelmäßig Filme. Sie gleichen zunehmend religiösen Meditationen, mit einer Tendenz zu einem filmischen Pantheismus oder Pneumatismus. Wo der Blick der Kamera hinfällt, zeigt sich ein heiliger Geist. Oder es geht jedenfalls ein Wind.

          Nun hat Terrence Malick die Geschichte von Franz Jägerstätter verfilmt. Lange Zeit lautete der Arbeitstitel des Projekts einfach „Radegund“, nach dem Heimatdorf seines Protagonisten, St. Radegund. In die Kinos kommt der Film nun unter dem Titel „Ein verborgenes Leben“ („A Hidden Life“). Die Anspielung wird im Abspann offengelegt: Malick zitiert George Eliot, die einmal geschrieben hat, dass das Gute in der Welt auch auf „unhistorischen Handlungen“ beruht, also auf den Handlungen von Menschen, von denen die Geschichtsschreibung nichts berichtet und die in „unvisited tombs“ ruhen, in Gräbern, die niemand aufsucht.

          Überhöhung einer filmischen Weltanschauung

          Das trifft bei Franz Jägerstätter zwar der Sache nach nicht zu, denn im Gegensatz zu vielen weniger stark erinnerten Kriegsdienstverweigerern aus der Zeit des NS-Regimes ist seine Geschichte gut dokumentiert und mindestens in Österreich auch geschichtspolitisch relativ gut aufgearbeitet. Zudem wurde er 2007 von der römisch-katholischen Kirche seliggesprochen, was man auch als ein spätes Zugeständnis einer Institution lesen kann, die mit dem „Dritten Reich“ viele Kompromisse geschlossen hatte.

          Die Rolle von Jägerstätter in den Auseinandersetzungen um die Vergangenheitsbewältigung in Österreich und beim Heiligen Stuhl muss Terrence Malick natürlich nicht interessieren. Er kann sich sein eigenes Bild von ihm machen, er kann ihn in seine Vision der Welt integrieren. Er kann den historischen Jägerstätter überhöhen zu einem verborgenen Zeugen einer Eigentlichkeit, die mit dem stark biblisch geprägten Glauben von Jägerstätter wenig zu tun hat (ob sie mit Heidegger etwas zu tun hat, steht hier nicht zur Debatte). „Ein verborgenes Leben“ geht aber noch weiter: Die Aneignung einer historischen Figur zum Zweck der Überhöhung einer filmischen Weltanschauung enthält auch deutliche Aspekte der Machtverteilung in der heutigen Medienwelt.

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