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Film „Tender Bar“ : Außer Tresen nix gewesen

Der junge J.R. (Daniel Ranieri) und sein Ersatzvater Onkel Charlie (Ben Affleck). Bild: AP

So macht Literaturkino endlich wieder richtig Zahnweh: George Clooney serviert als Regisseur mit „Tender Bar“ einen nostalgischen Cocktail samt Glitzerpalme.

          3 Min.

          Der Unterschied zwischen dem Film „Tender Bar“ und einer Badewanne voller handwarmer Nutella erschließt sich nicht sofort. Denn in beides legt sich der, der’s mag, trotz immanenter Klebrigkeit hin­ein und steht nie wieder auf. Badewannen voller Fettmasse lassen sich auch nicht ganz leicht nach den üblichen ästhetischen Kriterien bewerten, denn nach was soll man da fragen? Hat „Tender Bar“ eine Bildsprache? Ja, alles bräunlich. Eine Handlung? Zäh. Eine innere Spannung? Bedingt, sehr bedingt.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          In erster Linie beschwört die Regiearbeit von George Clooney nach der literarischen Vorlage von J. R. Moehringer eine Welt herauf, für die viele Menschen warme Gefühle der Sehnsucht hegen. Man fährt auf einer dieser schnurgeraden amerikanischen Straßen in die erste sepiagetönte Szene hinein, das Auto ist amerikanisch groß, das Fenster geöffnet, die Musik im Radio noch handwerklich hergestellt. Im Auto sitzt der kleine J. R. (Daniel Ranieri) mit seiner Mutter (Lily Rabe), die nach einer gescheiterten Be­ziehung in New York zurück nach Manhasset auf Long Island fährt. Ihr Ziel ist der brummelige, aber herzensgute Vater (Christopher Lloyd), in dessen etwas schäbiges Holzhaus sie wieder einzieht. Drumherum liegt die braune, melancholische Schwere der Siebzigerjahre in der Luft, Haare wehen, dafür liegt Kleidung eng an, und für viele ist es eine Zeit der Unschuld ohne die hässlichen Konflikte, die unsere heutige, komplizierte Zeit prägen. Wer das denkt, dem lässt der Film seinen guten Glauben. Er schwelgt lieber, anstatt irgend etwas zuzuspitzen.

          Ein Minimalmaß an Schmerz

          J. R.s leiblicher Vater, ein verkrachter DJ, ist nur als Radiostimme präsent und bleibt in der Großstadt zurück. Doch auf Long Island haben Mutter und Sohn, die „beiden Musketiere“, alles, was sie brauchen. Noch wichtiger als das Dach über dem Kopf ist die Nestwärme, und von der gibt es im Elternhaus reichlich. Das liegt nicht nur am Vater, auch an Onkel Charlie, gespielt von Ben Affleck mit Bart. Dieser bärtige Onkel Charlie ist äußerlich etwas angeraut, aber ebenfalls herzensgut. Onkel Charlie führt eine Bar mit Namen „The Dickens“ und liest gerne, weshalb die Bar nicht nur mit Flaschen, sondern auch mit Büchern gut bestückt ist. An seinem Tresen ist er nicht geizig mit Lebensweisheiten und guten Ratschlägen und wird bald zum Ersatzvater für den Jungen. J. R. sitzt nachmittags in der Bar herum, die voller leicht angetrunkener, aber kauziger und herzensguter Kleinstadtoriginale ist, die man aber nicht richtig kennenlernt, denn dafür ist der Film zu kurz. Und er liest.

          Als der ältere J. R. (Tye Sheridan), der mit einem Stipendium in Yale studiert, einen schwarzen Kommilitonen mitbringt, guckt in der Bar niemand schräg. Als er hingegen Weihnachten bei seiner Freundin Sidney verbringen will, die Mutter schwarz, der Vater weiß und beide ambitionierte Architekten, geht das gründlich schief. Sie sind nämlich äußerst elitär und herablassend und kein Stück herzensgut. Am Ende erweist sich auch Sidney, mit der er immer wieder lockere Verbindungen eingeht, als gefühllos. Dass die Dichotomie, die sich hier eröffnet, wirklich so schlicht dargestellt wird, ist äußerst unbefriedigend. Aber der Film braucht den Platz für all die Autofahrten bei Sonnenschein und handgemachter Musik, die müssen ja irgendwo hin.

          Eigentlich soll J. R., geht es nach seiner Mutter, Rechtsanwalt werden. Aber geht es nach ihm, will er schreiben. Er arbeitet dann recht übergangslos und ohne den Konflikt mit den mütterlichen Erwartungen wirklich ausgehandelt zu haben, als Hospitant bei der Times, wobei man davon wenig mitbekommt. Meist sinniert er nur in den Newsroom hinein, in dem sich andere an vorsintflutlichen Computermodellen abrackern. Hier beginnt der fiktionale J. R., seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben, was der reale J. R. Moehringer der Romanvorlage erst sehr viel später anging. Der fiktionale J. R. ist in dieser Hinsicht konsequenter oder waghalsiger oder weniger realistisch, was die Wahrscheinlichkeit angeht, sich als Sohn aus eher bescheidenen Verhältnissen mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

          Am Ende fährt J. R. in einem großen Auto auf einer dieser schnurgeraden Straßen aus der Szene heraus, das Wetter ist schon wieder schön und die Musik entsprechend. In diesem Moment, so resümiert die Erzählerstimme aus dem Off, auf dem Weg nach Manhattan, wusste er, dass er ein Schriftsteller war. War, nicht werden wollte, das ist ein Unterschied. Der Film unterschlägt die zwanzig Jahre, die Moehringer als Journalist arbeitete, lernte, nachdachte und sich zum Schriftsteller formte, wie „Tender Bar“ nahezu jeden Konflikt unterschlägt oder abkürzt. Auch das enttäuschende Treffen mit dem leiblichen Vater, dem Radio-DJ, gerät letztlich zur Episode, die den angehenden Autor mit genau dem richtigen Minimalmaß an Schmerz versorgt, dass er etwas hat, worüber er schreiben kann. Das schrammt in seiner erzählerischen Faulheit schon sehr hart am Kitsch.

          Doch wer dem Amerika der Siebzigerjahre etwas abgewinnen kann, wer die Musik mag, die großen Autos, die schnurgeraden Straßen, die engen Hemden und die vermeintlich einfacheren Zeiten, der wird sich in diesen Film hineinlegen wie in eine Badewanne voll handwarmer Nutella und nicht mehr aufstehen wollen. Es ist farblich monoton, wenig gehaltvoll und klebt, aber manche mögen ja genau das.

          „Tender Bar“ läuft auf Amazon Prime.

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