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Tarantinos Vorbild : Der Rambazamba-Virtuose

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In den Babelsberger Studios bespritzt Quentin Tarantino für seinen Film „Inglourious Basterds“derzeit eifrig deutsche Filmstars mit Kunstblut. Vorbild ist dabei ein fast gleichlautender Film Enzo G. Castellaris, Genremeister des italienischen Kinos. Ein Porträt.

          Es dürfte sich weit über die üblichen Cineastenzirkel hinaus herumgesprochen haben, dass der Welt liebster Exploitation-Regisseur Quentin Tarantino derzeit in den Babelsberger Studios eifrig deutsche Filmstars mit Kunstblut bespritzt. „Inglourious Basterds“ lautet der Titel des Projekts, einem im Jahr 1944 angesiedelten Kriegsfilm über eine Truppe von Halunken - unter ihnen Til Schweiger als psychopathischer Nazi-Jäger -, die unfreiwillig zu Helden werden.

          Die Vorlage zur Geschichte entstammt einem frühen Lieblingsfilm Tarantinos, den er erstmals in jenen Jahren sah, als er noch in einer Videothek in Manhattan Beach die Kundschaft mit nutzlosem Filmwissen behelligte. Allein der Titel - im Original noch korrekt „Inglorious Bastards“ - hatte es dem Fan italienischer B-Movies angetan. Regisseur des 1977 produzierten Films war der sympathische Römer Enzo G. Castellari - eine Lichtgestalt des italienischen Action-Kinos, ein Regie-Rauhbein mit Herz und Charme, der seine stark von Peckinpah beeinflussten Arbeiten stets mit eigentümlicher Wehmut und einem schlitzohrigen Humor versah.

          Kino als körperliches Spektakel

          Doch „Ein Haufen verwegener Hunde“, so der deutsche Titel, ist bei weitem nicht Castellaris bestes Werk. Der Film, ein Rip-Off von Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“, entführt in eine Welt, die regiert wird von Kanonen, Sprüchen und Backpfeifen, und bietet zünftiges Macho-Kino, wie man es heute nur noch selten antrifft, prall gefüllt mit Nazi-Verhohnepipelungen und Raimund Harmstorf als freundlichem Soldat namens Adolf. Allerdings zeigt der Film exemplarisch, was der Rambazamba-Virtuose Castellari (der in einer Mini-Rolle als Nazi einen Schießbefehl erteilt) zu seiner Hochphase mit einem Schmalhans-Budget zu leisten imstande war. Castellaris Karriere kann als beispielhaft für Aufstieg und Fall des italienischen Genre-Kinos betrachtet werden, das in seiner Glanzzeit, zwischen 1966 und 1980, annähernd fünfhundert Filme im Jahr abwarf und auf dreiste Weise mit den Extremen spielte. Wie viele andere seiner Landsmänner begann Castellari mit Italo-Western, übertrug das Konzept des entrechteten Rächers in den Siebzigern erfolgreich auf den Polizeifilm und strandete schließlich in den frühen Achtzigern als Auftragsregisseur launiger C-Versionen amerikanischer Erfolgsfilme.

          Zum Kino kam Castellari denkbar jung. Schon sein Vater, Marino Girolami, ein ehemaliger Profi-Boxer, war Regisseur, und statt wie andere römische Kinder im Sommer ans Meer zu fahren, spielten Enzo und sein Bruder, der spätere Schauspieler Ennio Girolami, lieber auf den Filmsets des Vaters. Als junger Mann bekam Castellari vom Vater Boxunterricht und arbeitete häufig als Stuntman, was sich als prägend für seine Definition von Kino als körperlichem Spektakel auswirken sollte. Nach etlichen Lehrjahren als Cutter, Waffenmeister und Regie-Assistent drehte er 1966 schließlich seinen ersten Film „Die Satansbrut des Colonel Blake“, den man beruhigt verpassen kann. Um nicht auf ewig als Vaters Sohn durch Cinecittà zu spazieren, änderte er seinen Namen von Girolami zu Castellari, dem Mädchennamen seiner Mutter. Mit seiner dritten Arbeit „Django - Die Totengräber warten schon“, legte er dann seinen ersten bemerkenswerten Film vor, in dem Shakespeares „Hamlet“ in den Wilden Westen verlegt wird und der sich auch sonst um keinen kruden Einfall verlegen zeigt.

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