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Filmkritik „Suzanne“ : Tanz mit dem Schicksal

Die Schulter der Schwester als einzige Stütze: Sara Forestier (links) als Suzanna und Adele Haenel als Maria. Bild: dpa

Ohne Richtungsänderung auf der Straße der Verlierer: In Katell Quillévérés „Suzanne“ kämpft die Schauspielerin Sara Forestier auf bewegende Weise mit dem Schicksal.

          Die Schauspielerin Sara Forestier ist bei uns wenig bekannt. In Frankreich wurde sie nach ihrem Auftritt in „L’esquive“ entdeckt, einen Film von Abdellatif Kechiche („Blau ist eine warme Farbe“), der von einer Marivaux-Aufführung in einer Pariser Vorstadtschule erzählt; sie spielt das Mädchen, in das sich der Held, ein Sohn algerischer Einwanderer, hoffnungslos verliebt und an dem er scheitert, auf der Bühne wie im Leben. Denn Sara Forestiers Lydia ist einfach zwei Nummern zu groß für ihn.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und das gilt auch für die junge Frau namens Bahia Benmahmoud, die Sara Forestier vor vier Jahren in Michel Leclercs Liebeskomödie „Der Name der Leute“ spielte, und es gilt erst recht für jene Namenlose, die sie in Jacques Doillons „Love Battles“ verkörpert, einem Film, der in Deutschland nur auf DVD herauskam. Die eine schläft mit Männern, deren politische Ansichten sie verachtet, weil sie glaubt, im Bett aus Spießern Linke machen zu können, die andere prügelt sich mit ihrem Liebsten, bis beide vor blauen Flecken kaum noch laufen können. In beiden Filmen geht es darum, den eigenen Körper einzusetzen, um die Welt zu verändern, und sei es in einem einzigen Moment großen Schmerzes und höchster Lust. Und beide Male spielt Sara Forestier ihre Filmpartner mühelos an die Wand.

          Eine Frau, die den falschen vertraut. im Auto mit Baby und Julien (Paul Hamy).

          In „Suzanne“ von Katell Quillévéré, einer Regisseurin, die zur jüngsten Generation des französischen Kinos gehört, hat Sara Forestier nun einen ebenbürtigen Gegner: das Schicksal. Es ist Suzanne, deren Leben der Film über zwanzig Jahre hin erzählt, immer einen entscheidenden Schritt voraus. Als die Geschichte mit einem Schultheaterauftritt der Elfjährigen einsetzt, ist ihre Mutter schon gestorben; man sieht Suzanne mit ihrem Vater und ihrer Schwester Maria an ihrem Grab stehen. Ein paar Jahre später ist Suzanne schwanger, für eine Abtreibung ist es zu spät; sie schmeißt die Schule hin und wird alleinerziehende Mutter. Dann lernt sie einen Kleinkriminellen kennen, taucht mit ihm (und ohne ihr Kind) in Nordafrika unter, wird bei der Rückkehr verhaftet und kommt wegen Drogenschmuggels und versuchten Raubs ins Gefängnis. Und wieder läuft ihr das Schicksal davon, denn die Schwester stirbt bei einem Unfall, und Julien, der Geliebte, verschwindet und taucht plötzlich wieder auf, für wie lange, ist unklar. Man kann Suzannes Vater (François Damiens) verstehen, der am Ende wie ein ermatteter Ödipus alles mit sich machen lässt: Es hilft ja doch nichts, wenn man sich wehrt.

          Genau diese Resignation aber ist Sara Forestiers Sache nicht. Wie in allen ihren Rollen kämpft sie um das Glück ihrer Figur, nur dass sie es diesmal auf fast zärtliche Weise tut. Alles, was schiefgeht in Suzannes Leben, stärkt nur ihre Entschlossenheit, die Welt zu lieben, wie sie ist. Sie habe die Gefühlsmechanismen von Frauen ergründen wollen, die sich in Verbrecher verlieben, hat Katell Quillévéré zu ihrem Film erklärt. Aber im Grunde zeigt „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“, so der deutsche Verleihtitel, vor allem, was es heißt, seiner eigenen inneren Richtung treu zu bleiben, auch wenn sie unausweichlich auf die Straße der Verlierer führt. Und deshalb ist dieser Film, der mit einer Autofahrt in den Sonnenuntergang und Nina Simones Live-Version von Leonard Cohens „Suzanne“ endet, trotz seiner gelegentlich holprigen und unsicheren Erzählweise keine verlorene Zeit. Denn er lässt uns eineinhalb Stunden lang dabei zuschauen, wie Sara Forestier mit ihrem Schicksal tanzt.

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