https://www.faz.net/-gqz-7o9tr

„Superhypochonder“ im Kino : Ein Herz für Neurosen aller Art

  • -Aktualisiert am

Mit allen Wassern gewaschen: Dany Boon als „Superhypochonder“ Bild: Prokino

Die Handlung ist absolut hanebüchen, die Stimmung im Kinosaal trotzdem kolossal. Ist ein Film vielleicht schon deshalb gut, weil er für große Heiterkeit sorgt? Dany Boons „Superhypochonder“ läuft in unseren Kinos an.

          3 Min.

          Wenn es stimmt, was Schauspieler manchmal vermuten, dass die Menschen an schlechten Tagen am liebsten Filme schauen, die sie zum Lachen bringen, dann müssen die Zeiten wirklich miserabel sein. Anders ist der schnelle Erfolg des neuen Films von Dany Boon nicht zu erklären: Seit sechs Wochen läuft „Superhypochonder“, der jetzt auch hierzulande startet, in den französischen Kinos, fünf Millionen Menschen haben ihn dort bisher gesehen, und es ist nicht davon auszugehen, dass er bei uns viel schlechter wegkommen wird – im Gegenteil.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn als der Film kürzlich, ein paar Tage vor dem offiziellen Kinostart, in Frankfurt einem größeren Publikum gezeigt wurde, brachen die Leute unentwegt und trotz der Geschichte, die für jedermann erkennbar absolut hanebüchen ist, in schallendes Gelächter aus. Hatte man dem freundlichen Mann, der in seiner kurzen Einführung vor dem Film en passant meinte, man werde nun sehen, ob Dany Boon es mit den großen französischen Komikern Pierre Richard und Louis de Funès aufnehmen könne, gedanklich also geraten, die Kirche doch vielleicht lieber im Dorf zu lassen, musste man ihm am Ende beinahe recht geben.

          Heilung in Tscherkistan

          Was die Gunst des Publikums angeht, scheint der 47 Jahre alte Boon jedenfalls auf keinem schlechten Weg zu sein. Die Witze in „Superhypochonder“, für dessen Drehbuch und Regie er verantwortlich zeichnet und in dem er (genau wie in seinem sagenhaft erfolgreichen „Willkommen bei den Sch’tis“) auch eine Hauptrolle übernommen hat, sind zwar oft belanglos, aber die Pointen sitzen. Das Geschehen ist vorhersehbar, aber das Timing stimmt. Man lacht sozusagen ständig wider besseres Wissen, so dass sich die Frage aufdrängt, ob ein Film schon allein deswegen gut sein kann, weil er für große Heiterkeit sorgt.

          Dany Boon als eingebildeter Kranker, mit Öl befleckt und von einer Naturkatastrophe namens Regen heimgesucht
          Dany Boon als eingebildeter Kranker, mit Öl befleckt und von einer Naturkatastrophe namens Regen heimgesucht : Bild: dpa

          Dany Boon würde das sicher bejahen. Dafür spricht etwa, dass er mit „Superhypochonder“ beinahe ausschließlich auf die komische Karte setzt. Es gibt hier, anders als etwa bei den „Sch’tis“, wo es um provinziell-kleinbürgerliche Ressentiments ging, und auch anders als in „Ziemlich beste Freunde“ (von Eric Toledano und Olivier Nakache), wo der Humor ein Vehikel war, der zwei ungleiche Menschen einander näherbrachte, so gut wie keinen Hintersinn und keinen noble cause.

          Es geht nur um Gags: Romain Faubert (Dany Boon) ist bald vierzig Jahre alt und lebt allein, weil er den ihn umgebenden Menschen mit seiner Hypochondrie schnell auf die Nerven geht. Der Einzige, den das Mitleid an seiner Seite hält, ist sein Freund und Arzt Dimitri Zvenka (Kad Merad), der erst versucht, ihn zu verkuppeln, um ihn loszuwerden, und ihn schließlich in ein Lager der „Ärzte ohne Grenzen“ mitnimmt, um ihm zu zeigen, was echtes Leid ist. In diesem Lager landen Flüchtlinge aus dem fiktiven Tscherkistan. Hier wird der eingebildete Kranke mit dem Rebellenführer Anton Miroslav verwechselt. Auf diese Weise lernt er die schöne Anna kennen, darf sein Spiel mit ihr eine Weile treiben, gerät bald indes in echte Gefahr, wird gerettet und am Ende – wie sollte es anders sein – sogar geheilt.

          Ein großer Spaß

          Der Film lässt sich also keinem bestimmten Genre zuordnen, er ist Verwechselungs- und romantische Komödie, er wagt kleine Ausflüge ins Reich des politischen Dramas und baut sogar eine solide Actionszene ein. Er kippt munter vom Burlesken ins Absurde und wieder zurück ins Tragikomische und verfügt mit Dany Boon und Kad Merad über ein Hauptdarsteller-Duo, das an sein in den „Sch’tis“ eingeübtes Pingpong-Spiel von meist sinnfreien Frotzeleien nahtlos anknüpft.

          Wenn es hier somit etwas gibt, das inhaltlich der Rede wert wäre, dann ist es ein beinahe liebevoll zu nennender Umgang mit Neurosen, den der Film gleich an mehreren Figuren pflegt. Denn wie sich zeigt, ist Romain nicht der Einzige, der unter Obsessionen leidet. Auch die in einer sagenhaften Villa wohnende Anna (Alice Pol) frönt mit ihrem alle Grenzen sprengenden Engagement für den tscherkistanischen Freiheitskampf einer Leidenschaft, die in krassem Widerspruch zu den Verhältnissen steht, in denen sie lebt. Und selbst der Romain Faubert in der Abschiebehaft zugeteilte Pflichtverteidiger, der auf Romains inständige Versicherung, er stamme gar nicht aus Tscherkistan, sondern aus dem Pariser Vorort Issy-les-Moulineaux, nur erwidert, dass Frankreich nach Issy-les-Moulineau aber niemanden ausliefere („das ist zu nah“), zeigt, wie sehr er in seiner kleinen Pariser Blase lebt – in einer Welt mithin, die an nichts krankt außer an ihrem Blick auf sich selbst.

          Um solche zarten Anspielungen allerdings geht es nicht hauptsächlich in „Superhypochonder“. Der Film will einfach vor allem ein großer Spaß sein. Und ob die Zeiten nun gut oder schlecht sind – dagegen lässt sich ja kaum etwas sagen.

          Weitere Themen

          Langsam rotierende Menschenrechte

          Kinofilm „Stowaway“ : Langsam rotierende Menschenrechte

          Wie sollen Menschen da leben, wo Leben überhaupt nicht vorgesehen ist? Der Film „Stowaway“ stellt die Frage naturwissenschaftlich, technisch, aber auch moralisch - und gibt sehr drastische Antworten.

          Topmeldungen

          Delta könnte zur Gefahr für die Herdenimmunität werden.

          Fragen und Antworten : Was macht Delta so gefährlich?

          Wie ansteckend ist die in Indien festgestellte Variante des Coronavirus, was müssen Geimpfte beachten und welche Informationen haben wir über die neueste Mutante „Delta plus“? Die Antworten in Kürze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.