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Sundance Filmfestival : Lehnt euch zurück - und hütet eure Illusionen

  • -Aktualisiert am

Banksy-Graffiti hinter dem Egyptian Theater Bild: AP Photo/Chris Pizzello

Einmal im Jahr bittet Robert Redford zu seinem Sundance Filmfestival ins verschneite Park City nach Utah, wo sich der unabhängige amerikanische Film längst durch die Industrie vereinnahmt sieht. Da hlefen auch die wiederholten Aufrufe zur Revolution nicht weiter.

          5 Min.

          „Ihr Wegweiser zum rebellischen Film“, schreit das Programmheft des Sundance Filmfestivals 2010 in knalligem Rot. Auf der Innenseite geht es dann in pseudorevolutionärem Pathos weiter: „Rebelliert!“ lautet der erste jener Aufrufe, die auch vor jeder Vorführung in großen Lettern auf der Leinwand erscheinen.
          „Dies ist die neuerliche Rebellion ...“
          „Dies ist der erneute Kampf gegen etablierte Normalität ...“
          „Dies ist die Neuauflage der Schlacht um kühne neue Ideen ...“
          Alles klar?
          „Das ist Sundance“, erklärt das Programmheft.




          Drei Seiten weiter werden natürlich die Sponsoren der Rebellion gefeiert: Entertainment Weekly (Time Warner), Hewlett Packard und Honda - ein ziemlicher Abstieg nach den Jahren, als Mercedes eine Flotte von SUVs bereitstellte, in denen magere, schwarzgekleidete Groupies durch die aufgemöbelte einstige Bergarbeiterstadt kutschiert wurden, deren Immobilienblase die amerikanische Wirtschaft hätte ruinieren können und mit ihr die ganze Welt. Und angesichts der kleineren Sponsoren (American Express, Microsoft, YouTube, Sony, Stella Artois und so weiter) musste klar sein, dass die angekündigte Rebellion, wenn sie überhaupt stattfand, sich entweder Marlon Brando zum Vorbild nehmen würde, der in „The Wild One“ auf die Frage, wogegen er rebelliere, die Antwort gibt: „Was ist denn so im Angebot?“ Oder Mel Brooks, der als Ludwig XVI. in „The History of the World“ den Ausruf „Sire, the people are revolting“ mit der Bemerkung quittiert: „You said it! They stink on ice.“

          Ein Magnet, ein Wegbereiter

          Das diesjährige Sundance war das sechsundzwanzigste unter Leitung unseres guten alten Bob. Diese uramerikanische Veranstaltung - ursprünglich gedacht, mit der Präsentation unabhängiger Filme, deren Drehbücher in Robert Redfords Institut entstanden waren, zugleich Werbung für den Wintersport in den Wasatch-Bergen zu machen, die bei den betuchten Skifahrern von Colorado alles andere als populär waren - ist überhaupt nicht mehr wegzudenken.

          Neuer Programmdirektor: John Cooper

          Sundance ist ein Magnet, ein Wegbereiter: Tarantino, Soderbergh, Harvey Weinsteins letzte Produktionen, Kevin Smith, Steve Buscemi, Parker Posey, Al Gores Nobelpreis, der oscarprämierte Song „It's Hard Out Here for a Pimp“ (erklären Sie das mal Jerome Kern, der 1938 für „Thanks for the Memory“, oder Irving Berlin, der 1942 für „White Christmas“ einen Oscar erhielt), Todd Solondz, Christopher Nolan, Rebecca Miller, Oliver Stones Techtelmechtel mit Fidel und so fort. Tausend Filme haben seit 1985, dem Annus Redfordianus, ihren Weg gemacht, zweitausend sind abgestürzt und verbrannt. Mittlerweile ist Sundance ein sturmreifer Koloss. Also wurde diesmal, unter John Cooper als neuem Programmdirektor, eine Rebellion gegen sich selbst inszeniert.

          Düsternis war das vorherrschende Motiv in diesem Jahr, was hier nicht sonderlich auffiele. Während es in den Jahren zuvor um Gender, Klasse, Rasse, häusliche Gewalt gegangen war, verlor man sich nun in endlosen Abwärtsspiralen, als wären Vorurteile das Problem und nicht Geld. Jetzt also: Filme einer wirtschaftlichen Verdauungsstörung, mittlere Beleidigungen für Kopf oder Bauch, die Sonnenschein und Säureblocker bieten, damit alles rauskommt und schön sediert wird. Die Figuren, ob fiktional oder real, wirkten matt und kraftlos.

          Dann ist Krieg Scheiße

          Am besten war noch Debra Graniks „Winter's Bone“, die Geschichte einer Siebzehnjährigen (glänzend gespielt von Jennifer Lawrence), deren Vater abgetaucht ist und möglicherweise sein Haus verliert, weil es als Kaution in einem Drogenprozess dient - Crystal Meth statt Whiskey in diesem Genrebild einer heruntergekommenen Familie im ländlichen Missouri. Mit seinem gnadenlosen Blick auf das amerikanische Lumpenproletariat, das in Bildungsferne und tödlichem Misstrauen gefangen ist, passt „Winter's Bone“ perfekt in die Obama-Ära. Er gewann unangefochten in der Kategorie amerikanischer Spielfilm.

          Als bester Dokumentarfilm wurde „Restrepo“ von Tim Hetherington und Sebastian Junger ausgezeichnet, die fünfzehn Monate eine amerikanische Kampfeinheit im ostafghanischen Karengal-Tal beobachtet haben. Der Film ist jedoch flach, wirkt wie ein Video-Tagebuch und eignet sich vielleicht für Antirekrutierungskampagnen, wenn er den Krieg als langweilige Routine schildert, bis es bei einem Gefecht jemanden erwischt. Man wird das Gefühl nicht los, dass Kathryn Bigelow recht hat: Für die Jungs ist der Krieg tausendmal besser als der öde Alltag daheim, es sei denn, man krepiert. Dann ist Krieg Scheiße.

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