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Sundance-Festival : Zeigt uns die Welt, wie sie wirklich ist!

  • -Aktualisiert am

Ashotn Sanders in „Native Son“ von Rashid Johnson. Bild: Matthew Libatique/Sundance Institute

Das Streben nach Authentizität zieht sich wie ein Faden durch das Sundance Film Festival, das zum letzten Mal unter der Leitung von Robert Redford stattfindet.

          Auf den ersten Blick scheint das Sundance Film Festival 2019 all den Kummer und die Sorgen widerzuspiegeln, welche die progressive linke Film-Community und ihr meist progressives Publikum jeden Tag in den Schlagzeilen finden. Oder fast alle.

          Hinter dem Chaos der aufs Kino übertragenen amerikanischen Identitätspolitik steckt jedoch eine tiefere Sehnsucht. Das gilt für amerikanische wie auch international produzierte Filme. Zeigt uns etwas Authentisches! Es ist das letzte Sundance für Robert Redford, den Gründer und Zauberer des Filmfests, der von einem „Abschluss“ sprach. Bei der Preisverleihung am 2. Februar trat er als dessen öffentliches Gesicht und Leiter ab.

          Es ist schon seltsam mit Redford. Als junger Mann erlebte er einen raschen Aufstieg dank seines typisch amerikanischen blendenden Aussehens – perfekt blondes Haar, blaue Augen, weiße Zähne. Er hat immer noch perfekt blondes Haar, blaue Augen und weiße Zähne – mit 82. Vielleicht ist das echt Hollywood, das heißt echt unecht. Es ist jedoch fraglos wahr, dass es keinen authentischeren Vorkämpfer für Außenseiterstimmen gegeben hat als Redford.

          Wenn die in diesem Jahr hier gezeigten Filme irgendetwas waren, dann eine Collage der Minderheiten, ob nun solcher der Rasse, der Ethnie, der Genderzugehörigkeit oder der sexuellen Präferenz. Die besten von ihnen verbanden aktuelle gesellschaftliche Spannungen jenseits der Identitätspolitik mit weiterreichenden Kräften, die das Leben irgendwo zwischen Hölle und Hochwasser erscheinen lassen.

          Monströse Unmenschlichkeit

          Chinonye Chukwu ließ sich zu ihrem Film „Clemency“ von der Hinrichtung des Afroamerikaners Troy Davis im Jahr 2011 anregen, der wegen Mordes an einem Polizisten in Savannah, Georgia, 1989 zum Tode verurteilt worden war. Mit einer brillanten, meist schwarzen Besetzung handelt der Film von dem Preis, den die Todesstrafe der Seele und der Gesellschaft abverlangt. Afre Woodard spielt eine Gefängniswärterin, die zerrissen ist zwischen ihrem Streben nach Professionalität – gleichsam der als Frau und als Schwarze empfundenen Verpflichtung dazu – und der monströsen Unmenschlichkeit, die darin besteht, dass in der überwältigenden Mehrheit Männer hingerichtet werden, die Minderheiten angehören. Wendell Pierce als ihr Mann, ein Wissenschaftler, hat genug davon; Richard Schiff ist ein Pflichtverteidiger, der es satt hat, unter die Räder zu kommen; und Aldis Hodge ist ein junger Insasse des Todestrakts, der emotional in einem tiefen Schlaf liegt und zu spät daraus erwacht. Das Timing ist alles. Zur rechten Zeit veröffentlicht, könnte Woodward im nächsten Jahr mit einer Oscar-Nominierung rechnen. Hier in Park City gewann der Film den Großen Preis der Jury, die höchste Auszeichnung in der Sparte amerikanischer Spielfilm.

          Joe Talbots „The Last Black Man in San Francisco“ spielt im Mission District der Stadt, wo der Hauptdarsteller Jimmie Fails eine fiktionalisierte Version seiner selbst spielt und ein verfallenes viktorianisches Haus umkreist, das einst sein Großvater gebaut hat – er nimmt sogar Reparaturen daran vor, gegen den Willen des alten weißen Paars, das darin wohnt. Jimmies Streben ist mehr als ein Versuch, sich gegen die Flut der Gentrifizierung zu stemmen, es ist eine Suche nach Wahrheit. Talbots majestätisch-theatralischer Film erinnert an den Pittsburgher Hill District in August Wilsons „Fences“ und erhielt Preise für das beste Ensemble und die beste Regie. „Jimmy und ich begannen schon über diesen Film zu reden, als wir noch kleine Kinder waren und in San Francisco aufwuchsen“, sagte Talbot. Und Fails erklärte: Der Film sei „für all die Menschen, die dafür kämpfen, in San Francisco bleiben zu können.“

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