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Südafrika : Nationalstolz durch Filme

  • -Aktualisiert am

Filmszene aus „Tsotsi” Bild: AP

Armut, Aufsässigkeit und der schmale Grat zwischen Härte und Lebensfreude: Nicht nur der Oscar für „Tsotsi“ zeugt von einem bemerkenswerten Aufschwung des südafrikanischen Kinos.

          3 Min.

          „Unsere Geschichten sind die gleichen wie die euren - über das menschliche Herz und Gefühle.“ So stellte Regisseur Gavin Hood, als er den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, das südafrikanische Kino vor, verknüpft mit dem Wunsch „Gott segne Afrika!“.

          Der Oscar für „Tsotsi“ ist der dritte Preis für einen südafrikanischen Filmemacher innerhalb eines Jahres. Vergangenes Jahr hatte Mark Dornford-Mays „U-Carmen eKhayelitsha“ den Goldenen Bären auf der Berlinale gewonnen und Zola Masekos „Drum“ den Großen Preis des Panafrikanischen Filmfestivals in Ouagadougou, dem Zentrum afrikanischen Films. Alle drei Filme spielen in Townships, und stets geht es auch um Armut, Aufsässigkeit und den schmalen Grat zwischen Härte und Lebensfreude.

          Keine Einzelfälle mehr

          Schon im Vorjahr war der mit knappen Mitteln gedrehte Film „Yesterday“ um Aids ebenfalls für einen Auslands-Oscar nominiert, und Charlize Theron ist seit ihrem Oscar für „Monster“ ohnehin eine Art Aushängeschild des Landes. Die Erfolge sind also keine Einzelfälle mehr, immer häufiger finden sich südafrikanische Filme in den Kinos der Welt wieder. Schon in den Apartheid-Jahren hatten zwar die südafrikanischen Steueranreize dafür gesorgt, daß beständig Komödien, Abenteuergeschichten um heldische Söldner oder Naturfilme gedreht wurden, aber nur wenige hatten Bestand.

          Sooo groß ist die Freude bei Gavin Hood, den Regisseur von „Tsotsi” - dem besten nicht-englischsprachigen Film

          Vor allem zwei Produzenten war der Aufschwung zu verdanken, Darrell Roodt und Anant Singh, die sich von Mitte der Achtziger an Themen wie Rassenkonflikte oder ländliche Armut wagten. Dazu kamen Einzelgänger wie Oliver Schmitz mit „Mapantsula“ und „Hijack Stories“ und Michael Hammon mit „Wheels and Deals“ und „Hillbrow Kids“ - beide zogen später nach Berlin -, die politische Schärfe mit Witz im Milieu der Gangster verbanden: Ohne Politik und eine klare Stellung waren solche Filme undenkbar.

          Unterdrückung und Freiheitswillen

          Südafrikaner mußten viele Jahre jonglieren zwischen Unterdrückung und Freiheitswillen. Das trug bei zu einer schöpferischen Kraft seiner Künstler, die sich von der Literatur mit zwei Nobelpreisträgern bis zu Bühne, Tanz und Musik erstreckt. Im Film kamen zu den schauspielerischen Talenten und den lohnenswerten Geschichten noch eine gut entwickelte Infrastruktur, landschaftliche Vielfalt und fähige Techniker. Schließlich konnte Südafrika von großen Erzählern zehren wie Athol Fugard, auf dessen Roman „Tsotsi“ der jetzt ausgezeichnete Film beruht, und von Filmkünstlern wie William Kentridge und Jürgen Schadeberg mit seinem Klassiker „Have you seen Drum recently?“.

          Der südafrikanische Film steht derzeit an einer doppelten Schwelle. Er braucht nicht mehr politisch zu sein; zeitweise hatte die Botschaft die Qualität übertönt. Zudem setzt sich erst seit wenigen Jahren eine neue Generation begabter schwarzer Regisseure und Produzenten durch. Bezeichnend für diesen Wandel: Es gibt fast ein halbes Dutzend umfassender Bücher über die Geschichte oder Einstufungen des südafrikanischen Films, manche behäbig, andere politisch korrekt. Alle aber sind von Weißen geschrieben. Jetzt plant mit dem Filmemacher Khalo Matabane, dessen Filme ihm bereits einige Auszeichnungen brachten, wohl erstmals ein schwarzer Produzent ein Buch über Film und Politik seiner Heimat.

          Junge schwarze Darsteller

          Ähnlich steht es mit den Filmen und ihrem Blickwinkel: Fast alle apartheidkritischen Filme hatten weiße Drehbuchschreiber, Regisseure, oft auch Darsteller, und wenn sie schwarz waren, trugen sie große amerikanische Namen wie Sidney Poitier, Danny Glover oder gar Ice Cube. „U-Carmen“, „Drum“ und jetzt „Tsotsi“ brachten zumindest dort eine Wende. Hauptdarsteller waren junge, im Ausland unbekannte schwarze Darsteller, die belegten, daß sie Preise ebenso wie Kassenerfolge bringen konnten.

          Der neuen Generation junger Zorniger geht es weder um Thriller noch um jene Erfolgsfilme, die in unsere Kinos kommen wie Singhs „Sarafina!“ und „Cry The Beloved Country“ mit bewegend-wohlmeinenden Geschichten vom Kampf gegen die Apartheid und mal gutem, mal wehmütigem Ausgang. Die junge Generation wird sich auch nicht, so sehr sie ihn bewundern, an den sechsten oder siebten Mandela-Film machen wie derzeit Singh und der Däne Bille August. Für sie steht nicht mehr die Debatte um Schuld und Sühne, um Widerstand und Unterdrückung, also um die Bewältigung der Vergangenheit im Vordergrund.

          Sie bekümmert Gegenwart und Zukunft - Aids und das Überleben der Generation, die zwar noch viele Jahre die Folgen der Apartheid spüren wird, ihre Auswüchse selber aber kaum mehr bewußt erlebte. Sie konzentrieren sich auf uralte und doch neue Themen wie Exil und Vertreibung - eine der vielen unlösbaren Fragen, vor denen Südafrikaner stehen. Wie stehen sie zu den illegalen Einwanderern aus jenen Ländern, die in den Jahren der Apartheid ihren politischen Flüchtlingen eine Heimstatt boten und nicht verstehen, daß sie dennoch bei ihrem „wohlhabenden“ Nachbarn nicht willkommen sind?

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