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„Sturm“ im Kino : Heiß und kalt

Kerry Fox in „Sturm” Bild: dpa

Die Mörder sind unter uns: Hans-Christian Schmids „Sturm“ erzählt vom Bosnienkrieg und seiner Aufarbeitung vorm UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Der Film nimmt die Wahrheit ernst und spart sich die Effekte.

          Man könnte sich Hannah Maynard gut als Kommissarin oder Detektivin in einer anderen Geschichte vorstellen, einem anderen Film. Da könnte sie mit Herz und Schnauze Verbrecher jagen, mit der Dienstwaffe oder trockenen Witzen die Zumutungen des Alltags parieren und ihrem Assistenten zeigen, wie man einen Mörder zur Strecke bringt. Aber hier ist nicht Chicago oder L.A., hier ist das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, und die Verbrecherjagd findet hinter Sicherheitsglasscheiben in schallgedämpften Gerichtssälen statt. Goran Duric, der Angeklagte, soll während des Bosnienkriegs ethnische Säuberungen befohlen haben, aber er hat clevere Anwälte, und die Beweisführung der Staatsanwaltschaft steht, wie sich zeigt, auf wackligen Füßen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In einem amerikanischen Gerichtsfilm wäre das der Augenblick, in dem die Heldin ihr Zwölf-Uhr-Mittags-Gesicht aufsetzt und loszieht, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, aber die Anklägerin Hannah hat nur einen Leihwagen, mit dem sie zu einem Ferienhotel in der Republika Srpska fährt, um dem Manager ein paar Fragen zu stellen. Plötzlich jedoch zieht der Mann einen Umschlag mit Fotos aus seiner Schublade und schlägt einen drohenden Ton an, und draußen auf dem Parkplatz fliegt ein Stein durch die Scheibe des Leihwagens. Und abermals verpasst Hannah den Moment, zur Furie zu werden. Stattdessen sagt sie mit einer Stimme, die in Essig gebadet hat: „Ich komme wieder.“

          Ein schwarzer Engel

          Kerry Fox spielt das großartig, diese Beherrschtheit einer Frau, die den Zenit ihrer Jahre beinahe überschritten hat, diese Ruhe, hinter der sich Zorn, Gekränktheit und Sehnsucht nach Berührung verbergen. Um ihren Liebesbedarf zu stillen, hat Hannah eine Affäre mit dem EU-Politiker Dahlberg (Rolf Lassgård, der Wallander aus den Mankell-Verfilmungen) angefangen, aber Dahlberg liebt seine Karriere mehr als sein Leben, und so sind die Dienste, die er ihr leistet, vor allem beruflicher Art, hier ein kleiner Fingerzeig, dort ein kurzes Auftrumpfen vor serbischen Politikern. Bei alledem hat Hannah allmählich das Gespür für die Welt da draußen verloren, so dass sie bei Terminen außerhalb des Gerichtssaals, etwa beim Begräbnis ihres Hauptzeugen in Sarajevo - der Mann hat sich aus Verzweiflung darüber erhängt, dass er Duric nicht ins Gefängnis bringen konnte -, wie ein Gespenst wirkt, kalt und abstrakt, ein schwarzer Engel aus dem Reich des Rechts. Aber hinter ihrer starren Miene brodelt es. Irgendwann muss es heraus.

          Und so wie Hannah Maynard ist auch der Film: einerseits ruhige, wie mit der Rasierklinge geschnittene Bilder von Hotellobbys, Fluren, Besprechungszimmern, andererseits Handkamera, Unruhe, Gewühl; einerseits Kälte, andererseits Wut. Hans-Christian Schmid, der Regisseur, hat seit fünfzehn Jahren eine Kunst daraus gemacht, kühl kalkulierte Geschichten über Menschen in Panik zu erzählen, aber die Stimmungsgegensätze in „Sturm“ sind selbst für Schmids Verhältnisse gewaltig: das Rauschen der Roben im Haager Gerichtssaal und die Schüsse, die Schreie, die Qualen, die dort verhandelt werden; das Familienleben der Zeugin Mira (Anamaria Marinca) in Kreuzberg und die Erinnerung an Mord und Massenvergewaltigung, die jederzeit aufbrechen kann.

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