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Stummfilm „La Roue“ : Eine Licht-Symphonie von sieben Stunden

  • -Aktualisiert am

Leidenschaft in der Welt der Maschinen: Im Zentrum des Films „La Roue“ steht der Eisenbahningenieur Sisif (Armand Jean Malafayde, Mitte). Bild: Foto Fondation Jérôme Seydoux-Pathé

Monumental: Der Stummfilm „La Roue“ von Abel Gance ist jetzt rekonstruiert worden. Beim Musikfest Berlin wird er gezeigt. Frank Strobel dirigiert dazu die Originalmusik.

          Ein gewissermaßen totales Kunstereignis, ein siebenstündiges Gesamtkunstwerk aus Musik und Film erwartet Berlin am 14. September: Im Rahmen des Musikfests wird Abel Gance’ Stummfilm „La Roue“ („Das Rad“) von 1923 gezeigt, live begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Frank Strobel. Als ob es so leicht wäre, wie diese kurze Mitteilung es vorgibt! In Wahrheit stecken hinter der bevorstehenden Weltpremiere der rekonstruierten und restaurierten Fassung des Filmes mehrere Jahre cineastischer und musikwissenschaftlicher Forschungsarbeit, eine knappe Hundertschaft musikalisch Beteiligter und der Zusammenschluss gleich mehrerer Institutionen.

          Anders gesagt, haben sich Arte und ZDF bereits vor langem mit dem Deutschlandfunk und dem RSB darauf geeinigt, den von der Bologneser Fondation Jérôme Seydoux-Pathé restaurierten Stummfilm für die Wiederaufführung mit Live-Musik vorzubereiten. Der Musikwissenschaftler Jürg Stenzl hat fast sämtliche der 117 Stücke identifiziert, die ehedem Arthur Honegger und der Kinokapellmeister Paul Fosse als Kinomusik auswählten oder sogar erst schrieben. Der Komponist Bernd Thewes hat sie sekundengenau für den Film eingerichtet und, wo nötig, durch eigene Stücke ergänzt.

          Dass die Geschichte, die „La Roue“ erzählt, eher kraus ist, tut der Vorfreude in Berlin keinen Abbruch. Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Norma, die wie die griechische Helena, um deren Schönheit einst ein ganzer Krieg ausbrach, in eine eher passive Rolle gestellt ist. Früh verwaist, wächst Norma bei dem Eisenbahningenieur Sisif und dessen Sohn Elie auf. Beide lieben sie, beide meinen, sie unrechtmäßig zu lieben. Verheiratet wird Norma dann an den vermögenden Hersan, der sich fürchterliche Auseinandersetzungen um ihre Gunst liefern wird. Bei einem dieser Konflikte kommen Hersan und Elie in den Bergen zu Tode, worauf der inzwischen erblindete Sisif seine Adoptivtochter verstößt. Erst in den letzten Lebenstagen söhnt er sich wieder mit ihr aus.

          Wie der Kölner Dom

          Dieses Geschehen, halb Ödipus-Tragödie, halb Vierecksbeziehung, verschränkt Gance einerseits mit einer weiteren Ehegeschichte (die mit einem Gattenmord im Affekt endet), andererseits mit einem Übermaß an filmischen Metaphern, das sich aus dem beständigen Verweis auf Natur und Technik, Schienen und Weichen, Leben und Tod, Fernweh und Heimeligkeit ergibt. Auch Schwarz und Weiß habe er gegenübergestellt, berichtete Gance, „da der zweite Teil im Schnee als weiße Sinfonie spielt und der erste Teil in Schwarz und dem Ruß“.

          Die Aufführung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird von Frank Strobel dirigiert, der seit langem als Experte für die Live-Begleitung von Stummfilmen gilt. Am Pult wird Strobel in Verlängerung der Partitur mit ihren akribischen Zeitangaben einen Monitor stehen haben, über den er das Geschehen im Orchester genau auf den laufenden Film abstimmen kann. „Die Kunst ist es“, sagt er, „nach Verzögerungen wieder so auf den Punkt zu kommen, dass es musikalisch noch sinnvoll wirkt. Deswegen sitzen die Musiker in solcher Habt-Acht-Stellung, deswegen ist es so anstrengend für alle.“

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