https://www.faz.net/-gqz-vc9g

Streit über Tom Cruise : Posse peinlichster Art

Kritik und Unterstützung für Donnersmarck Bild: REUTERS

Darf Tom Cruise Stauffenberg spielen? Florian Henckel von Donnersmarcks Plädoyer für den Schauspieler wird von einem Kritiker als „verkommen“ geschmäht. Auch andere deutsche Regisseure sprechen sich indes gegen Drehverbote aus.

          2 Min.

          Die Druckerfarbe auf dem Ablehnungsbescheid des Bundesfinanzministeriums für seine Liegenschaft im Berliner Bendlerblock war noch nicht trocken, da bekam die Produktionsgesellschaft Studio Babelsberg schon eine weitere Absage zugestellt. Das Studio, das zusammen mit der Hollywoodfirma United Artists Bryan Singers Filmprojekt „Valkyrie“ („Walküre“) mit Tom Cruise als Graf Stauffenberg produziert, muss nicht nur auf den Bendlerblock als Drehort verzichten, es darf nun auch auf dem Gelände der Polizeidirektion 5 in Berlin-Kreuzberg nicht die Geschehnisse des 20. Juli 1944 nachstellen lassen. Die Dreharbeiten in den ehemaligen Kasernengebäuden aus rotem Backstein, in dem heute Dienststellen der Schutz- und Kriminalpolizei untergebracht sind, hätten die Arbeit der Beamten eine Woche lang „erheblich eingeschränkt“, erklärte ein Polizeisprecher. An der „medienfreundlichen Haltung“ der Berliner Polizei ändere sich dadurch aber nichts.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Weniger freundlich reagierte der Leiter der im Bendlerblock residierenden Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, auf das Plädoyer Florian Henckel von Donnersmarcks für Tom Cruise und das „Valkyrie“-Projekt (siehe: Donnersmarck: Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise). Es sei „würdelos“, wenn „eine historisch wichtige, wertvolle, als Orientierung dienende Persönlichkeit“ wie Stauffenberg an den Glanz eines Kinostars gekoppelt werde, sagte Steinbach in einem Rundfunkinterview. Donnersmarcks Argumentation sei „verkommen“, der Gebrauch des Begriffs „Übermensch“ für Stauffenberg „leichtfertig und verantwortungslos“. Steinbach hält einen „Superman“ und Scientology-Adepten wie Tom Cruise nicht für geeignet, die dramatische innere Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter zum Gegner von Hitlers Regime überzeugend darzustellen.

          „Posse peinlichster Art“

          Diese Meinung wird in der deutschen Filmbranche nicht geteilt. Der Regisseur Volker Schlöndorff etwa, der ebenso wie Donnersmarck einen Regie-Oscar gewonnen hat, hält die Diskussion um Cruise und Stauffenberg für eine „Posse peinlichster Art“, weil die religiöse Orientierung des Schauspielers mit seiner beruflichen Tätigkeit vermischt werde. „Das finde ich oberlehrerhaft bis zum Gehtnichtmehr.“ Das „Valkyrie“-Projekt dürfe nicht anders betrachtet werden als jede andere Produktion. Mit Verweis auf die Würde des Ortes war auch Schlöndorff vor drei Jahren eine Dreherlaubnis für seinen Film „Der neunte Tag“ auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau verweigert worden, die entsprechenden Szenen mussten in Kulissenbauten gedreht werden.

          Hans-Christoph Blumenberg, Autor des Fernsehspiels „Die Stunde der Offiziere“ über den Aufstand vom 20. Juli, hält die Entscheidung des Finanzministeriums, den Bendlerblock für das „Valkyrie“-Team zu sperren, für „scheinheilig“. „Wenn es dem Regisseur Jo Baier erlaubt worden ist, dort zu drehen, gibt es keinen Grund, warum es Bryan Singer nicht erlaubt sein soll.“ Jo Baiers Fernsehfilm „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch in der Hauptrolle war vor vier Jahren unter anderem an Originalschauplätzen im Bendlerblock entstanden. Dass Tom Cruise Scientologe sei, so Blumenberg, interessiere in diesem Zusammenhang überhaupt nicht.

          Weitere Themen

          Liebe im Maßanzug

          Opern-Uraufführung : Liebe im Maßanzug

          Claus Guth bringt an der Deutschen Oper in Berlin „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin zur Uraufführung – mit allen regietechnischen Raffinessen ganz nach Publikumsgeschmack.

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt

          Eine Lehrerin rechnet ab : Woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt

          Kampf gegen Windmühlen: In ihrem Buch „Eine Lehrerin sieht Rot“ zeigt Doris Unzeitig, woran es der Berliner Bildungspolitik fehlt – und warum sie nach fünf Jahren an der Spreewald-Grundschule in Schöneberg das Handtuch warf.

          Topmeldungen

          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.