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Kino : Küssen oder nicht küssen?

  • -Aktualisiert am

Stirn aneinander - doch geküßt wird nur in Amerika: „Stolz und Vorurteil” Bild: AP

Wieviel Körperkontakt darf sein? Am Ende von „Stolz und Vorurteil“ küssen sich die Hauptdarsteller - aber nur in der amerikanischen Kinoversion. Nun fordern auch Zuschauer in Europa einen Kuß.

          Wer bei uns dieser Tage im Kino die Verfilmung von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ sieht, darf am Ende erleben, worauf man einen Film lang gewartet hat: daß Elizabeth und Darcy endlich zusammenkommen und im heraufdämmernden Morgenlicht die Stirn aneinanderlegen.

          Wer in Amerika denselben Film sieht, darf acht Minuten länger um die beiden bangen und wird dafür mit einem etwas anschaulicheren Ende belohnt: Ihre Lippen berühren sich, sie küssen sich. Das ist es natürlich, was Jane Austen schätzungsweise im Sinn gehabt, aber so nicht ausgedrückt hat und in dieser Anschaulichkeit nie zugelassen hätte: „Er erklärte sich bei dieser Gelegenheit so gefühlvoll und warmherzig, wie man es von einem heftig verliebten Mann erwarten darf.“ Andererseits wußte Jane Austen auch nichts vom Kino und seinen Notwendigkeiten in der Neuen Welt.

          Die Zuschauer lachten

          Tatsache ist, daß das Ende mit dem Kuß in Großbritannien vor Testpublikum erprobt und herausgenommen wurde, als die Zuschauer dabei laut auflachten. In Amerika hatte das Publikum hingegen offenbar nichts einzuwenden gegen diesen Bruch mit der Etikette von Austen-Verfilmungen. Dort betrachtet man den Film als „dating movie“, und also muß am Ende vorgemacht werden, wie der weitere Abend nach dem Kino verlaufen soll. Die ehemalige Vorsitzende der „Jane Austen Society of North America“ ist allerdings entsetzt: „Das hat mit Jane Austen nichts zu tun und paßt auch nicht zu den vorangegangenen zwei Dritteln des Films. Es beleidigt in seiner Banalität die Zuschauer.“

          „Elizabeth” Keira Knightley: Petition für einen Kuß

          Allerdings muß niemand glauben, daß die sonst so prüden Amerikaner allein sind in ihrem Verlangen nach Körperkontakt. Auf der Website www.petitiononline.com hatten sich bis zum Mittwoch nachmittag bereits 650 Fans eingetragen, die Gleichberechtigung für Europa fordern und auf ihrem, wie sie meinen, wohlverdienten Kuß bestehen. Was daran verblüfft, ist der Umstand, daß dieselben Leute sich begeistert einen Film lang auf den anderen Verhaltenskodex einlassen, um dann am Ende doch schwach zu werden und ihr gewohntes Hollywood ending zu fordern.

          Regisseur Joe Wright hatte eigentlich seinen diskreteren Schluß für glücklich genug gehalten: „Das ist mein erster Film mit einem Happy-End. Früher hielt ich das für Ausweichmanöver, aber jetzt sehe ich ein, daß glückliche Enden ein wichtiger Teil unserer Kultur sind.“ Was den Kuß angeht, sieht er die Sache eher pragmatisch: „In Amerika brauchen sie offenbar immer etwas Zucker in ihrem Champagner.“

          Bevor die Angelegenheit vollends überschäumt, sollten sich die Kußsüchtigen beruhigen. Denn natürlich wird es ein 2-Disc-Set des Films auf DVD geben, wo man dann zwischen amerikanischer und europäischer Version, zwischen Küssen und Nichtküssen wählen kann.

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