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Stipe Erceg : Das wahre Gefühl kennt kein Geheimnis

Findet seine Figuren in sich selbst: Stipe Erceg Bild: Chrstian Thiel

Der deutsch-kroatische Schauspieler Stipe Erceg („Die fetten Jahre sind vorbei“) ist ein Einzelgänger, dessen sensible Rollenporträts durch ihre Eindringlichkeit und Unnahbarkeit beeindrucken. Ein Gespräch über Schauspielerei, Ruhm und das Leben zu Hause.

          6 Min.

          Es gibt Schauspieler, deren Gesichter sind so leer, daß man jede Rolle auf sie projizieren kann. Auf der Leinwand füllen sie sich mit Grimassen der Liebe, des Schmerzes und der Trauer. Dreht man ihnen den Rücken zu, werden sie zu Gespenstern, an die jede Erinnerung verblaßt. Der Schauspieler Stipe Erceg ist anders: Peter, der Freizeit-Revolutionär. Lino, der Hotelangestellte, der eine Auftragskillerin liebt. Und Fabo, ein vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien gezeichneter, selbstzerstörerischer junger Mann, der nachts durch Frankfurts Straßen treibt. All sie machte Stipe Erceg unvergeßlich.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An dem Gesicht des Schauspielers, den dunklen Augen und hohen Wangenknochen, umrahmt von schwarzem Haar, bleibt die Erinnerung hängen. Doch nicht das ist das Geheimnis seiner Kunst: Der Schauspieler mimt die Gefühle seiner Figuren nicht nur, er verkörpert sie.

          „Ich mag die stille Art“

          „Filmszenen, in denen ich nur mit meiner Mimik arbeiten kann, fallen mir schwer“, sagt Stipe Erceg. Der Kroate sitzt in einem Cafe in Prenzlauer Berg, seine 1,87 Meter Körpergröße passen kaum hinter den kleinen Tisch. Als Fabo in „Der Typ“ rempelt er, strauchelt und fällt. Der Film erzählt die Geschichte einer Nacht: Allein streift Fabo durch die Stadt, säuft, provoziert und prügelt. Wiegenden, schlendernden Schrittes, die Brust offen, die Hände tief in die Taschen seiner Jeans vergraben, übersetzt der Schauspieler Fabos Suche nach Konfrontation. Nur ganz leise ist zu spüren, daß sich hinter der männlich-harten Fassade eine wunde Seele verbirgt. Was sie erlebt hat, sagt Fabo nicht. In stillen Momenten, wenn die Kamera auf seinem Gesicht ruht, erzählen einzig seine Augen davon. Klein sieht der große Mann in diesen Momenten aus. Verletzlich. Als sich aus der Begegnung mit einer Krankenschwester das Band der Verliebtheit zu spinnen beginnt, weicht er zurück. Statt Nähe sucht Fabo Betäubung. Bevor es Morgen wird, liegt er halb tot auf der Straße.

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          „Fabo ist die Figur, in der ich mich am meisten wiederfinde“, sagt der Schauspieler und zupft behutsam an einer selbstgedrehten Zigarette. „Ich mag die stille Art, wie Fabo seine Gefühle zeigt. Oft sieht man in einem Film einen Menschen, der weint, weil er leidet. Aber so ist das Leben nicht. Wir können uns nicht erlauben, Gefühle zu zeigen. Wir wollen sagen: Ich liebe dich, wir sagen aber: Ich liebe dich nicht. Wir wollen nach rechts gehen, wenden uns aber nach links.“ Die Hände des Schauspielers zerschneiden in schnellen Bewegungen die Luft. „Ich finde es viel schmerzhafter, im Film jemanden zu sehen, der immer kurz davor ist, zu weinen, aber so gefangen ist in sich selbst, daß er sich nicht dazu überwinden kann. Es ist spannend, wenn ein Film nur indirekt die Gefühle seiner Figuren preisgibt. Wenn der Zuschauer merkt, daß die Figuren das eine sagen, aber das andere meinen. Kommt das wahre Gefühl der Figuren zum Vorschein, dann gibt es kein Geheimnis mehr.“ Er schweigt, und auch seine Hände ruhen. Stipe Erceg ist ein physischer Mann. Wenn er spricht, sprechen seine Hände mit. „Jemanden zu spielen, der rein gar nichts mit mir zu tun hat, funktioniert nicht“, sagt er. „Vor allem nicht, wenn es um die Körpersprache der Figur geht.“

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