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Stills aus Fassbinders Filmen : Ein Knicks vor einem Großen

Eine der Schauspielerinnen, die in seinen Filmen groß wurden: Hanna Schygulla als Lale Andersen in Rainer Werner Fassbinders Film „Lili Marleen“ Bild: Copyright: Foundation / courtesy Schirmer/Mosel

Fassbinder hat noch nach seinem Tod eine wahre Flut von Veröffentlichungen provoziert. Ein neuer Bildband lädt zum Herumlungern in den Erinnerungen ein.

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          Fünfundsiebzig Jahre alt wäre Rainer Werner Fassbinder in diesem Jahr geworden, und der Gedanke daran, was aus dem deutschen Film hätte werden können, wäre Fassbinder nicht schon seit achtunddreißig Jahren tot, hat viele immer wieder melancholisch gestimmt. Niemand war radikaler und ungemütlicher (und damit auch unterhaltsamer) als er, niemand litt an diesem Land wie er, niemand setzte sich ihm, seiner Geschichte und wie sie sich in der deutschen Seele abgesetzt hat, derart aus wie er. Wenn wir heute auf seine Filme schauen, dann mit einem historischen Blick. Nicht, weil sie nicht gut gealtert wären, das Gegenteil ist der Fall. Sondern weil sie Deutschland in einem Zustand zeigen, von dem aus wir erst dort angekommen sind, wo wir uns heute wiederfinden.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Fassbinder hat vor allem nach seinem Tod eine wahre Flut von Veröffentlichungen provoziert, Studien, Analysen, seine eigenen Schriften kamen heraus, seine Theaterstücke, die Drehbücher, Ausstellungskataloge und immer wieder Bild-bände, über einzelne Filme und seine Serie „Berlin Alexanderplatz“, über die Schauspielerinnen, die in seinen Filmen groß wurden, über sein Gesamtwerk. Kaum ein anderer deutscher Regisseur ist derartig erforscht und postum geehrt worden wie er. Und die Fassbinder Foundation und ihre Präsidentin Juliane Lorenz haben für eine vorbildliche digitale Werkedition gesorgt (und tun das weiterhin), die fast jeden seiner vierundvierzig Filme verfügbar macht, und das in zeitgemäßer 4K-Qualität.

          Rainer Werner Fassbinder: „Film Stills“. Schirmer/Mosel Verlag
          Rainer Werner Fassbinder: „Film Stills“. Schirmer/Mosel Verlag : Bild: Schirmer/Mosel Verlag

          Was also bleibt für noch ein Buch? Noch ein Bilderbuch, diesmal mit Film-Stills? Gibt es in Fassbinders Filmen noch etwas zu entdecken, das bisher von all den Autoren, die sich über ihn und sein Werk gebeugt haben, übersehen wurde? Ein Knicks vor einem anderen Großen, der nicht erkannt, ein Schmerz, der nicht erfasst, eine Wut, eine Liebe, ein Rausch, denen nicht nachgegangen wurde in den vergangenen Jahrzehnten? Sicher nicht übersehen wurde, dass er selbst sexy war, ein „Filmhengst, umgeben von lauter schlauen, begabten Frauen“, wie John Waters in seinem überdrehten Geburtstagsgruß hervorhebt. Das ist schon anderen aufgefallen. Aber Waters betont auch, dass man in seinen Filmen nicht nur weinen, sondern oft auch lachen kann, und nicht immer sadistisch wie in „Martha“, sondern oft auch einfach aus Freude an der Klugheit seiner Frauen, an einem Bildeinfall, einem bösen Dialog, einer Übertreibung hin zum Kitsch.

          Es gibt mindestens eine Handvoll Bücher, die in einer Kombination von Fotos und Drehbuchdialogen die Filme Fassbinders nacherzählen. Film-Stills tun etwas anderes. Sie hingen in den Aushangkästen der Kinos, man ging vorbei, blieb stehen, um zu schauen und sich den Film vorzustellen, mindestens die dargestellte Szene. Diese Fotos, die am Set extra gestellt wurden, hatten nicht die Aufgabe, zu erzählen, sondern zu animieren. Lust zu machen, ins Kino zu gehen, und zwar in diesen Film. Für eine Weile in der Erinnerung herumzulungern, bis man tatsächlich im Kinosessel saß. Um dann möglicherweise festzustellen, dass die Szene, deren Bild Lust auf den Film machte, dort gar nicht vorkam. In diesem Sinn ist auch dieses Buch zu verstehen: als Anregung und als Erinnerung. Ob es sich bei der Bildauswahl tatsächlich um Film-Stills im ursprünglichen Sinn handelt, darüber gibt es keine Auskunft über den Titel hinaus. Nehmen wir einmal an, es sei so. Denn tatsächlich funktioniert dieses Buch auf dieselbe Weise wie einst die Aushangfotos – als ein Teaser für alle, die Fassbinder kennenlernen wollen. Und als kurzer Hauch der Erinnerung für die anderen, die ihn längst kennen und immer wieder einmal schauen wollen, was da war.

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