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Interview mit Steven Spielberg : Ein Klima tiefen Misstrauens

Steven Spielberg Bild: ACE Pictures

Steven Spielbergs Film „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ erzählt von Agenten und Anwälten, von Mauerbau und vom Kaltem Krieg, dessen Stimmung uns heute wieder überraschend nah ist. Ein Gespräch.

          6 Min.

          Bridge of Spies – Der Unterhändler“ beruht auf den Memoiren von James Donovan. Donovan (gespielt von Tom Hanks) war der Anwalt, der den Sowjetspion Rudolf Abel (Mark Rylance) vor Gericht verteidigte und durch sein Beharren auf einem rechtsstaatlichen Verfahren vor der Todesstrafe bewahrte. Sein unbeirrter Einsatz war für alle Hardliner eine Provokation. Und für ihn die logische Konsequenz aus der Verfassung, durch die ein freies Land sich von einem autoritären Regime unterscheidet. 1961 wurde Donovan dann als Unterhändler nach Berlin geschickt, wo er erreichte, dass nicht nur der Pilot Gary Powers, der bei einem Spionageflug über der Sowjetunion abgeschossen worden war, sondern auch der amerikanische Student Frederic Pryor ausgetauscht wurde, den das Regime in Ostberlin inhaftiert hatte.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir sitzen hier mit Blick aufs Brandenburger Tor, wo früher die Mauer verlief. Der passende Ort für ein Gespräch über Ihren Film. Als die Mauer gebaut wurde, gingen Sie allerdings noch zur Schule. Können Sie sich noch daran erinnern?

          Steven Spielberg: Nein, ich habe überhaupt keine Erinnerungen, 1961 war ich noch nicht mal in der Highschool. In meiner Erinnerung an diese Zeit spielt die Angst vor dem nuklearen Holocaust eine große Rolle. In der Schule übten wir, wie man sich bei einem Atomschlag zu verhalten hatte, wir krochen unter die Tische und bedeckten uns mit einem Mantel oder einer Zeitung, das war wie in dem Film „Duck and Cover“, in dem Bert, die Schildkröte, vormacht, was zu tun ist. Und ich hatte den Eindruck, Bert habe deutlich bessere Chancen zu überleben als ich. Außerdem gab es immer wieder Gespräche beim Abendessen zu Hause über Chruschtschow oder über Spione. Und als Sputnik ins All geschossen wurde, erzählten uns unsere Eltern, das sei ein Spionagesatellit. Als Gary Powers dann 1960 abgeschossen und inhaftiert wurde von den Russen, war das natürlich auch Thema.

          Das klingt fast schon ein wenig nostalgisch, Ihr Films hat ja auch etwas davon, wenn er sich einer Zeit zuwendet, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse klarer schienen.

          Das stimmt, aber was für mich bei der Arbeit an dem Film mehr als alles andere deutlich wurde, das ist, wie gefährlich diese Zeit damals war, welches Klima eines tiefen Misstrauen in meinem Land herrschte. Und wenn ich mich umsehe, dann gibt es heute in Amerika eine vergleichbare Stimmung gegenüber dem Terrorismus. Meine Kinder haben vermutlich ähnliche Gefühle gegenüber dem, was in der Welt passiert, wie ich damals, als wir ernsthaft glaubten, die Sowjetunion werde uns überfallen.

          Tom Hanks bei den Dreharbeiten zu „Bridge of Spies“, Regisseur Steven Spielberg an der Kamera
          Tom Hanks bei den Dreharbeiten zu „Bridge of Spies“, Regisseur Steven Spielberg an der Kamera : Bild: Twentieth Century Fox

          Auch die Art und Weise, wie Ihr Film gemacht ist, wirkt bei aller modernen Technik auf eine sehr charmante Weise altmodisch. Man sieht das nicht mehr allzu oft.

          Da war weniger Nostalgie im Spiel. Ich habe mich vor allem als Student der Geschichte empfunden. Die Geschichte hat das Rohmaterial für das Drehbuch geliefert. Matt Charman hat diese vergleichsweise unbekannte Episode für sein Drehbuch ausgegraben, vor allem den Austausch auf der Glienicker Brücke. Gary Powers‘ Flug dagegen war bekannt. Als ich mit der Arbeit begann, habe ich mich zuerst gefragt: Wen interessiert das? Welche Bedeutung haben diese Ereignisse? Wir haben dann schnell begriffen, dass der Film relevant wird durch die ethischen Prinzipien von James Donovan. Er hat mit seinem Beharren auf der Verfassung ein Opfer gebracht, er wurde angefeindet, seine Familie wurde angefeindet. Es war eine Zeit, in der jemand, der eintrat für eine Person, die auch nur äußerst entfernt mit dem Kommunismus in Verbindung stand, geächtet war. Und ich musste an den Satz aus dem Baseball-Film „Field of Dreams“ denken: „Wenn wir es bauen, kommen die Leute auch.“ So denke ich immer bei meinen Filmen, ich füge lediglich hinzu: Dann hoffe ich, dass die Leute auch kommen.

          War denn sofort klar, dass der Großteil des Films in Berlin gedreht werden muss? Eine überzeugende Glienicker Brücke hätte man doch auch in Kalifornien hingekriegt.

          Das stand nie in Frage. Ich wollte von Anfang an auf der echten Glienicker Brücke drehen. Für mich ist das ein historischer Meilenstein und zugleich ein Ort, der für die Schauspieler und das Team die Geister der Vergangenheit heraufbeschwört. Genau das passierte auch. Als wir zu drehen begannen auf der Brücke, wurden alle geradezu ehrfürchtig, empfanden Respekt vor der Vergangenheit, der Geschichte. In einigen meiner Filme spielt ja Geschichte eine große Rolle. Auch bei „Schindlers Liste“ haben wir jeden historischen Schauplatz aufgesucht, Auschwitz eingeschlossen. Und es hat einen enormen Einfluss auf Schauspieler, es vertieft ihre Auffassung der Rolle, wenn man gewissermaßen in den Fußstapfen derer geht, die man spielt.

          Steven Spielberg und Tom Hanks rahmen die Kanzlerin ein bei deren Besuch auf der Glienicker Brücke im November 2014.
          Steven Spielberg und Tom Hanks rahmen die Kanzlerin ein bei deren Besuch auf der Glienicker Brücke im November 2014. : Bild: Reuters

          Die historische Bedeutung ließ sich auch daran erkennen, dass Angela Merkel Sie am Drehort besucht hat. Schmeichelt Ihnen ein solcher Besuch nach all den Jahren noch?

          Aber klar, es kommt ja nicht ständig vor, dass die Führerin eines Landes, für das ich sehr viel Respekt habe, einen besucht. Sie war sehr interessiert, sie hat kluge Fragen gestellt und mit dem ganzen Team geredet. Sie ist eine beeindruckende Frau, ein „Peacemaker“. Und man schaut auf sie, wenn die Welt in einer schwierigen Situation ist, man schaut beispielsweise, ob sie noch mit Putin redet oder nicht.

          Sie haben das erste Mal mit den Coen-Brüdern zusammengearbeitet...

          Das stimmt so nicht ganz. Ich habe ja ihren Western „True Grits“ produziert, aber ich muss gestehen, dass ich nicht ausführender, sondern eher abwesender Produzent war, weil ich so großes Vertrauen in sie hatte.  Ich habe ihnen gesagt: „Macht einen tollen Film“, dann haben wir uns beim Rohschnitt wiedergesehen, und alles war gut.

          Mit welchen Erwartungen haben Sie die beiden jetzt hinzugezogen?

          Joel und Ethan haben das sehr gute Buch von Matt Charman bearbeitet, das die Struktur vorgegeben hat. Sie haben diverse Fassungen geschrieben, die Charaktere vertieft, Ironie und Humor hinzugefügt und vor allem die Dialoge entwickelt. Ich hatte darauf gezählt, dass sie die Paradoxien herausarbeiten würden, die in der Geschichte liegen; dass sie die beiden Stränge der Geschichte, Donovans Verteidigung Abels und den Abschuss von Powers, auf subtile Weise verknüpfen. Und das haben sie getan.

          Man fragt sich beim Ansehen des Films häufig, ob ein bestimmtes Detail womöglich eine Zutat der Coens ist. Abels Refrain, dieses „Would it help?“, wenn Donovan ihn fragt, ob er nicht nervös, alarmiert oder bedrückt sei, ist doch bestimmt von den Coens.

          Ja, das stimmt.

          Das erste Bild des Films, der dreifache Abel, man sieht ihn, das Selbstporträt, das er malt, und sein Spiegelbild - das ist nicht von den Coens, oder?

          Nein, das ist mir am ersten Drehtag eingefallen. Es war ein gutes Bild für das Doppelleben eines Spions, denn in den 15 Jahren, die Abel als Spion unentdeckt geblieben ist, hat er den Leuten nie das Original, sondern nur das Spiegelbild gezeigt. Und der Spiegel wird im Film zu einer Art Leitmotiv.

          Man merkt das auch an dem Deja-vu-Erlebnis im Zug, wenn Donovan auf der Fahrt zur Arbeit Kinder über Zäune klettern sieht, das erinnert ihn an Berlin, an Menschen, die über die Mauer zu fliehen versuchen, was er aus der S-Bahn beobachtet hat.

          Das war nun aber Tom Hanks‘ Idee. Ich fand sie brillant. Es ist Erleichterung und Erinnerung an eine Gefahr. Tom war auch derjenige, der auf Donovans Erkältung bestanden hat. Aus der Lektüre von Donovans Memoiren wussten wir, dass er, als er nach Berlin kam, von dem Flug in einer eiskalten Frachtmaschine krank war. Er kam mit Fieber und laufender Nase an. Tom fand das gut, weil es auch klar macht, dass Donovan so schnell wie möglich nach Hause und sich erholen will.

          Tom Hanks als Anwalt Jim Donovan und sein Klient, der Sowjetspion Rudolf Abel (Mark Rylance)
          Tom Hanks als Anwalt Jim Donovan und sein Klient, der Sowjetspion Rudolf Abel (Mark Rylance) : Bild: Twentieth Century Fox

          Der Film hat auch visuell viele verschiedene Schichten und Stimmungen. Das Berlin erinnert an alte Spionagefilme, Abels Wohnung in New York wirkt realistisch karg, Donovans Vorstadtwelt und Familienleben wie ein Idealbild aus Werbung und Fernsehen der ausgehenden fünfziger Jahre.

          Das ist komisch, denn ich hatte bei den Familienszenen nicht so sehr eine Norman-Rockwell-Idylle vor Augen. Es sind eher meine eigenen Erfahrungen, wir haben jeden Abend gemeinsam gegessen, mein Vater hatte sich nach der Arbeit nicht umgezogen, er saß im Anzug am Tisch, nur die Krawatte hatte er abgenommen, und meine Mutter trug auch ihre Perlenkette und hübsche Sachen. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Wenn man sich das heute ansieht, wo das gemeinsame Abendessen in Familien nicht mehr so üblich ist, kommt es einem im Film sehr fern und unrealistisch vor, wie aus dem Fernsehen. Die Kostümbildner haben sich übrigens auch nicht von Werbespots oder Fernsehserien inspirieren lassen, sondern von Familienfotos aus der Zeit. Und wovon waren denn die Fernsehserien damals beeinflusst? Natürlich davon, dass die Autoren aus ihren Erfahrungen zu Hause schöpften. Es wurde zum Stereotyp, weil es dauernd im Fernsehen auftauchte. Es kommt aus der Realität, es wird zum Exempel und dann zum Klischee. Und heute kommt es einem dann wie eine Norman-Rockwell-Idylle vor.

          Sie haben schon nach „Lincoln“ gesagt, die Filmindustrie werde früher oder später eine „Implosion“ erleben, weil man sich viel zu sehr auf den Erfolg der Superhelden-Blockbuster verlasse. Ein paar Flops könnten eine schwere Krise auslösen. Bisher ist von einem Umdenken noch nichts zu spüren.

          Meine Ansicht hat sich nicht geändert. Man kann sich nicht nur auf ein Genre, auf ein Produkt stützen. Ich habe auch gesagt, den Superheldenfilmen drohe ein ähnliches Schicksal wie damals dem Western, dessen Erfolg allerdings deutlich langlebiger war. Er ist ja auch nicht ganz verschwunden, aber seine Ära war vorüber. Wir brauchen ganz einfach mehr Vielfalt. Ich liebe Superheldenfilme, ich schaue sie mir alle an mit Kindern und Enkeln. Aber irgendwann wird das Publikum sagen. Gebt uns mehr Auswahl!

          Gibt es einen Film, den Sie gerne machen würden, aber nicht machen werden, weil er keine Chance hat, sein Publikum zu finden?

          Nein. Ich habe ja schon meine letzten vier, fünf Filme mit sehr geringen kommerziellen Hoffnungen gemacht. Bei „Lincoln“ hatte ich fest mit Verlusten gerechnet. Und er hat eine Menge eingespielt. Kommerzielle Überlegungen sind für mich bei der Entscheidung für einen Stoff nicht das Entscheidende. Es muss mich interessieren, dann mache ich es. Deshalb produziere ich „Jurassic World“, und zugleich liebe ich historische Stoffe, Geschichten, die wirklich passiert sind.

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