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Zum Tod Stéphane Audrans : Nach ihren Regeln

Je älter sie wurde, desto besser wurde sie darin, stark zu sein: Stéphane Audran Bild: mauritius images

Stéphane Audran konnte auf der Leinwand enorme erotische Energien entfesseln – und ihren Zuschauern zugleich Respekt einflößen. Erinnerung an einen französischen Kinostar, neben dem jeder Mann verblasste.

          Ach, Stéphane Audran ist gestorben – und zur Trauer um diese wundervolle Frau und Schauspielerin kommt die schmerzliche Ahnung, dass es eine wie sie wohl nicht mehr geben wird, nicht im Kino und nicht im Leben, was bei Stéphane Audran sehr eng zusammenhing. Nicht weil ihre Kunst, ihre Technik als Schauspielerin so unwiederholbar gewesen wäre; an ihrem Können gab es niemals etwas auszusetzen – aber mit Stéphane Audran verschwindet auch die Welt, in welcher sie dieses Können eingesetzt hat. Wenn sie nicht längst verschwunden ist.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Allein die großartige Erwachsenheit, die sie verkörperte und über die sie verfügte, kaum dass sie über dreißig war: Die ist heute, selbst bei Menschen, die weitaus älter sind, kaum noch denkbar; sie brauchte als Resonanzraum jenen bourgeoisen französischen Lebensstil, dessen Regeln sie nicht in Frage stellen musste, um sich über sie hinwegzusetzen; sie war halt stärker als die anderen, selbstbewusster, ziemlich abgehärtet im Kampf der Geschlechter, als welchen sie die patriarchalische Gesellschaft interpretierte.

          Sie stand nicht zur Verfügung

          Stéphane Audran, 1932 in Versailles geboren, berühmt geworden 1969 mit dem Film „Die untreue Frau“ und von 1964 bis 1980 verheiratet mit dessen Regisseur Claude Chabrol, mit dem sie einige der schönsten, bösesten und genauesten Szenen aus dem privaten Leben der Franzosen drehte – Stéphane Audran war nicht unbedingt die Französin, auf welche sich die Sehnsucht und das Begehren des Publikums einigen wollte. Sie konnte enorme erotische Energien auf der Leinwand entfesseln, aber zugleich hatte sie etwas Respekteinflößendes, ja Furchterregendes: Sie stand nicht zur Verfügung, noch nicht einmal den Blicken – und ganz egal, welche Rolle sie spielte: Ihre männlichen Partner wirkten immer schwächer neben ihr.

          Es gibt, am Anfang der „Untreuen Frau“, eine Szene, da liegt ihr Mann, Michel Bouquet, erwartungsfroh im Ehebett; sie sitzt im Bad, macht Abendtoilette, er legt Musik auf, und dann kommt sie, schaut herab, zeigt ihm, was er begehrt. Und er scheint zu spüren, dass, was auch immer jetzt gespielt wird, nach ihren Regeln geschehen wird. Was ihn so einschüchtert, dass er das Licht löscht. Und nichts geschieht. Es sind solche Momente, in welchen man, als männlicher Kinogänger jedenfalls, einerseits absolut hingerissen ist von Stéphane Audran – und andererseits ganz froh, dass zwischen ihr und dem Zuschauer die unüberwindliche Grenze der Leinwand steht.

          Stéphane Audran hat, außer bei Chabrol, solche Rollen auch für Bertrand Tavernier gespielt, für Luis Buñuel, Claude Sautet, und je älter sie wurde, desto besser wurde sie darin, stark zu sein. Was anscheinend auch im Leben galt: Vor kurzem erst meldete eine amerikanische Zeitung, sie sei die reichste aller Schauspielerinnen. Am Dienstag ist Stéphane Audran gestorben.

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