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Stauffenberg im Kino : Der schöne vierzigste Juli

Im Frühjahr dieses Jahres bescherte Bryan Singers Blockbuster „Valkyrie“ dem Hitler-Attentäter des 20. Juli ein medienwirksames Comeback. Doch Stauffenberg im Kino - das war nicht immer der hehre Held à la Tom Cruise. Eine Berliner Filmreihe gibt Einblicke in eine wechselhafte Rezeption.

          Im Grunde gibt es nur eine Frage, die sich jeder Regisseur stellen muss, der sich mit dem Offizierskomplott gegen Hitler beschäftigt: Drehe ich einen Film über Stauffenberg - oder einen über den 20. Juli? Male ich ein Helden- oder ein Gruppenbild? Jo Baiers Fernseh-“Stauffenberg“ von 2004 gibt darauf schon im Titel die Antwort, während Bryan Singers im Januar gestarteter „Valkyrie“ sich scheinbar alle Möglichkeiten offenhält. Aber in Wahrheit ist die Entscheidung natürlich bereits dadurch gefallen, dass Tom Cruise den Hitler-Attentäter spielt: zwei zu null für den Grafen Claus.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vor gut fünfzig Jahren ging die Partie noch anders aus. Gleich zwei Produktionsgesellschaften, die eine in München, die andere in Berlin, waren im Frühjahr 1955 damit beschäftigt, die Geschichte des Aufstands gegen Hitler auf die Leinwand zu bringen - nicht ohne wechselseitige Verleumdungen, Anwaltsbriefe, einstweilige Verfügungen und Klagen von Zeitzeugen. Während Artur Brauners CCC-Film als Regisseur den jungen Falk Harnack verpflichtete, der im Krieg Kontakt zur „Weißen Rose“ gehabt und bei den griechischen Partisanen mitgekämpft hatte, setzte die Münchner Ariston auf den Veteranen Georg Wilhelm Pabst, dessen italienische Karrierephase gerade mit der Tragikomödie „Cose da pazzi“ ein wenig spektakuläres Ende gefunden hatte.

          Stauffenberg-Filme von Papst und Harnack

          Am Ende startete Pabsts „Es geschah am 20. Juli“ genau einen Tag vor Harnacks „Der 20. Juli“, und große Kassenerfolge wurden sie beide nicht. Die Kritiker reagierten verhalten (“blutleer“, „ein Abziehbild“, „nicht von innen her glaubhaft“), während sich die Klatschpresse auf das PR-Duell der Filmfirmen (“Sie sehen den 40. Juli“) und auf Äußerlichkeiten der Kostümierung konzentrierte - etwa die Augenklappe, die Pabsts Stauffenberg-Darsteller Bernhard Wicki auf der richtigen, linken Seite trägt, während sie Harnacks Held Wolfgang Preiss über das rechte Auge gespannt hat. Nach der Kinoauswertung verschwanden beide Filme im Archiv, aus dem sie das Fernsehen sporadisch hervorholte, bis es mit Franz Peter Wirths Zweiteiler „Operation Walküre“ ab 1971 eine eigene, stärker dokumentarisch ausgerichtete Version der Ereignisse des 20. Juli anbieten konnte.

          Einsamer Held: Tom Cruise als Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg in Bryan Singers „Operation Walküre”

          Inzwischen gibt es sowohl den Film von Pabst (unter dem absurden Titel „Aufstand gegen Adolf Hitler!“) als auch das Konkurrenzprojekt von Harnack auf DVD, und ab nächster Woche wird auch die Tom-Cruise-Variante der Geschichte in Scheibenform verfügbar sein. Dennoch sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die drei „Walküre“-Spielfilme im Berliner Zeughaus-Kino auf der großen Leinwand zu sehen - zusammen mit Wirths Fernsehspiel, einer Dokumentation von Jochen Bauer (1979) und Thomas Mitscherlichs Film „Die Denunziantin“ (1993) über die Frau, die Goerdeler an die Gestapo verriet -; und sei es nur, um zu erkennen, wie weit das Kino sich immer wieder von der historischen Wahrheit entfernen muss, um dem Geschehen eine filmische Form zu geben.

          Im Sog der Tragödie

          Am entschiedensten veristisch geht dabei Pabst zu Werke. Sein Film beginnt mit dokumentarischen Bildern vom Bombenkrieg und endet nach fünfundsiebzig Minuten mit der Erschießungsszene im Bendlerblock. Dazwischen fällt alles weg, was dem Geschehen Atmosphäre, Tiefe, Kolorit geben könnte. Nur eine frei erfundene Szene, in der Stauffenberg auf dem Weg zum Flughafen vor einer Kirche Halt macht (“der hatte was mit unserem Herrgott auszumachen“, sagt der zuschauende Pfarrer zu seiner Frau), setzt einen ungewöhnlichen Akzent - und ein Satz, den Bernhard Wicki gleich zu Beginn zu Beck (gespielt von Karl Ludwig Diehl) sagt: „Es wird immer unsere Tat sein, auch wenn ich sie ausführe.“ Bei Papst tritt der Attentäter hinter die Gruppe zurück, zunächst nur in Worten, dann aber zunehmend auch visuell; er wird von der Tragödie, die sich entfaltet, buchstäblich aufgesogen. Für den angehenden Kinostar Wicki muss das eine Zumutung gewesen sein. Entsprechend lustlos ist sein Spiel.

          Der weniger berühmte Wolfgang Preiss - später spielte er für Fritz Lang den Doktor Mabuse - fügt sich leichter in Falk Harnacks Bilderbogen zum 20. Juli ein. Am Anfang wirkt Harnacks Film wie eine einzige Folge von Arabesken: Arbeitergruppen, die gegen die Nazis agitieren und ihr Blut vergießen; nächtliche Strategietreffen im Stehlampenlicht; eine Sekretärin (Annemarie Düringer), die das Herz auf dem rechten Fleck hat und für Stauffenberg nicht nur moralische Sympathien hegt. Immerhin bekommt man so eine Ahnung davon, was der von Artur Brauner in Hollywood konsultierte Fritz Lang mit seiner Bemerkung meinte, das Filmprojekt hätte nur Sinn, wenn zum Ausdruck käme, „dass verschiedene Kreise über politische Gegensätze hinweg sich zusammengefunden haben“. Als es dann ernst wird im Bendlerblock, schickt Stauffenberg das Fräulein Klee fort in die Freiheit; schließlich muss sie mithelfen, das Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Etwas von diesem zivilen Pathos hätte auch Bryan Singers „Valkyrie“ gutgetan.

          Gibt es jetzt einen neuen Blick auf Stauffenberg? Nein, es gibt nur verschiedene alte, immer neu bebilderte Perspektiven. Bis die Flamme dieser Figur irgendwann erloschen ist.

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