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Stauffenberg-Film : Wir in ihren Augen

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Die Gerechtigkeit Hollywoods

„Es geht immer weiter“, sagt Tom Cruise, „das Netz des Wissens wird immer enger.“ Und dann sagt Cruise, was alle sagen, die mit diesem Film zu tun haben: „It began as a movie, but it turned out to become something different - Es begann als Film, aber es wurde etwas anderes.“ Das sagen nicht nur diese drei. Das sagt Paula Wagner, die Chefin von United Artist, und es sagt Gilbert Adler, einer der Mitproduzenten des Films. Gilbert Adler ist froh, dass seine Frau mit nach Berlin gekommen ist. Er hätte als jüdisches Kind im Dritten Reich keine Chance gehabt. Vor ein paar Tagen sei er in Berlin-Mitte über die im Pflaster eingelassenen Gedenksteine gestolpert. Drei Namen von Ermordeten, die Eltern und ihr Kind. „Das zwölfjährige Kind“, sagt Gilbert Adler, „wurde drei Monate vor den Eltern deportiert.“ Auch Adler sagt, dass dies mehr ist als ein Film. Es ist die für uns womöglich in ihrer absoluten Verblüfftheit schmerzhafte, aber nichtsdestoweniger bedeutsame Entdeckung Hollywoods, dass es Menschen im Dritten Reich gab, die Hitler töten wollten.

Der jüdisch-amerikanische Regisseur Bryan Singer rühmt die Unterstützung, die er von Deutschland erhält, auch als seine Mutter anruft und ihn fragt, ob er aus Deutschland ausgewiesen worden sei. Die Nachricht über das Drehverbot im Bendler-Block wird immer monokausaler, je länger sie unterwegs ist: Am Ende klingt es so - und das wäre noch eine harmlose Variante -, dass Deutschland keinen Film über Leute wolle, die Hitler töten wollten.

Florian Henckel von Donnersmarck hat darauf hingewiesen, was es weltweit bedeutet, wenn ein Mann wie Tom Cruise Stauffenberg spielt. Die von einigen sofort verhöhnte Kategorie des Ruhms ist hier die einzig relevante. Helden gibt es im Kino. Ein Held der Gegenwart spielt in der moralisch düstersten Zeit deutscher Geschichte einen Deutschen, um dessen heldenhaftes Tun verständlich zu machen. Das geschieht ohne Zweifel auch mit den Mitteln des großen Kinos: Nina Stauffenberg, der so oft Vergessenen, wird in diesem Film, wenn nicht alle Zeichen trügen, die Gerechtigkeit Hollywoods widerfahren.

Vielleicht ein Missverständnis

Wer Cruise sieht, wie er Stauffenberg spielt, wie er die Behinderung verinnerlicht, wer die ganz alltäglichen und dabei doch brillanten Dialoge hört („Du machst einen guten Bürokraten, Stauffenberg“ - „Das ist der einzige Moment, wo ich mich erholen kann“), kann eine Wette eingehen: Dieser Film wird uns nicht nur eine Saison beschäftigen, er wird das Bild Stauffenbergs für Jahrzehnte und das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern prägen. „Wir wollen im Bendler-Block einen Schnitt zwischen dem Berlin von heute und dem Berlin von gestern machen“, sagt Singer. „Das kann man am Computer nicht simulieren.“

Deutschland tut auf sonderbare Weise so, als gäbe es keinen Bendler-Block mehr. Wir schneiden ihn buchstäblich aus diesem ehrenwerten Film heraus. Es ist nicht richtig, nach den religiösen Überzeugungen eines Schauspielers zu fragen, wie sonderbar sie uns auch scheinen mögen. Es ist auch nicht richtig zu erklären, die Amerikaner wären dem Stoff nicht gewachsen. Hier ging vieles durcheinander. Vielleicht ein Missverständnis. Aber dieser Film hat das Missverständnis nicht verdient. Es könne sonst, wenn der Film lebt und Wirklichkeit geworden ist, zu einem Missverständnis über uns selber werden. Indem wir Cruise und Singer nicht im Bendler-Block drehen lassen, verweigern wir ihnen nicht nur den historischen Ort, sondern die Wirklichkeit.

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