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Stauffenberg-Film : Wir in ihren Augen

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„Das Deutschland des Jahre 1944 war nicht auf einem anderen Planeten, es war nur weit von Amerika entfernt“, sagt Tom Cruise, während sein Jugendfreund, der die Küche betreut, eine wirklich unfassbare und unvergessliche Torte serviert. „Er hat mir versprochen, mich mitzuziehen, wenn er Karriere macht“, sagt Cruise über den Koch, und der fühlt sich bemüßigt, zurückzukommen und vertraulich zu erklären: „Glauben Sie Tom nicht. Kein Wort wahr. Es war umgekehrt. Tom hat die Karriere gemacht, und ich bin seit dreißig Jahren dabei. Ich bin jetzt weit über sechzig. Immerhin ist Tom genauso alt wie ich.“

Tom Cruise und Bryan Singer - geboren in New York und ein Mann, der seit seinem Film „Die üblichen Verdächtigen“ zu Recht als einer der klügsten Regisseure Hollywoods gilt - wissen nicht nur, wovon sie reden, sie wissen mehr davon als der Großteil der deutschen Öffentlichkeit. „Ich traue Speer nicht“, sagt Cruise, „er war am Abend des 20. Juli am Bendler-Block aber sein Bericht wirkt so künstlich.“ Beim Verwandeln nackter Daten und Fakten in den Film werden Wahrscheinlichkeiten neu sortiert, bestimmte Behauptungen stellen sich als unlogisch oder gar unmöglich heraus, und dazu zählt auch Speers Behauptung, am 20. Juli trotz der Nachricht vom Attentat bis zum frühen Nachmittag normal weitergearbeitet zu haben. Singer rekapituliert, aus dem Kopf, die selbst für Eingeweihte komplizierten Beziehungsstrukturen zwischen militärischem und zivilem Widerstand.

Vergnügungs- und partysüchtige Amerikaner?

Sähe man den Regisseur irgendwo in Berlin-Mitte, man würde ihn für den Szenekritiker des deutschen „Vanity Fair“ halten können, der sich im „Grill Royal“ über die Editorials seines Chefs beschwert. Tut er aber nicht und ist er auch nicht: Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht. Es wäre jetzt, September 2007, an der Zeit, endlich anzuerkennen, was das Ausland, was neunundneunzig Prozent der Zuschauer auf der Welt denken: dass bis 1945 jeder einzelne Deutsche an Adolf Hitler glaubte, ihn verehrte, seine Taten billigte und die Ermordung der europäischen Juden guthieß.

Selbst diejenigen, die wie der geniale Drehbuchschreiber Christopher McQuarrie von Widerstand und Attentat wussten, übernahmen die bis heute im Ausland gängige Lesart, die von Winston Churchill stammt. Als die Meldung vom Attentat bekannt wurde, sagte Churchill, es handle sich um „Ausrottungskämpfe innerhalb der deutschen Führung“, die britische und amerikanische Presse vermutete in einer ebenfalls bis heute allgemein akzeptierten Deutung des Geschehens, die „Junker“ hätten „einen verzweifelten Versuch unternommen, sich selbst und ihre Privilegien zu retten“.

In der deutschen Öffentlichkeit ist, befeuert vom Leiter der Gedenkstätte 20. Juli, der Eindruck entstanden, irgendwo in Potsdam hätten sich ein paar vergnügungs- und partysüchtige Amerikaner versammelt, um aus dem 20. Juli eine Art Hollywood-Thriller zu machen. Das ist nicht nur im höchsten Maße ungerecht, es ist ein in seiner Anmaßung geradezu verhängnisvoller Irrtum. Christopher McQuarrie, der Autor von „Valkyrie“, hatte 2002 die Ausstellung im Bendler-Block besucht, weil er gehört hatte, dies sei der einzige Ort, der deutschen Helden gewidmet sei. Sofort ahnte er die Story. Den Namen Stauffenberg hatte er noch nie gehört, er wusste nur, ein Soldat mit Augenklappe sei ein Held gewesen. Jetzt sah er, mit den Augen des Filmemachers im Bendler-Block stehend, was sich hier einst abgespielt hatte. Fast drei Jahre lang, seit Frühjahr 2004, hat er zusammen mit Nathan Alexander an dem Buch geschrieben.

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