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Stasi-Vorwurf : Halbe Wahrheiten über Günter Wallraff

Ankläger als Angeklagter: Günter Wallraff Bild: dpa

Springers späte Rache an dem Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war: Das waren erste Reaktionen auf die Vorwürfe der „Welt“, Günter Wallraff habe für die Stasi gearbeitet. Doch der „Spiegel“ untermauert die These.

          Als die "Welt" vor ein paar Tagen Günter Wallraff als vermeintlichen Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi geißelte, schien der Fall zunächst klar: die späte Rache Axel Springers an dem "Mann, der bei ,Bild' Hans Esser war". Dem fünfspaltigen Aufmacher folgte die massive Gegendarstellung auf dem Fuß. Die Stasi-Unterlagenbehörde winkte ab - im Osten nichts Neues. Sommerlochtheater, mochte mancher denken und die Sache abhaken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Springer aber schien man sich der Sache denn doch sehr sicher. Mit Gegendarstellung und einstweiliger Verfügung sei zu rechnen gewesen, erklärte eine Sprecherin, die Recherche aber sei juristisch bestens abgesichert. Und heute - wann hat es das schon einmal gegeben - springt auch noch der "Spiegel" den Springer-Zeitungen zur Seite. Über "die verlorene Ehre des Günter W." schreiben im "Spiegel" der Chefrechercheur Georg Mascolo und sein Kollege Jürgen Dahlkamp. Die Darstellung in "Welt" und "Berliner Morgenpost" bezeichnen sie zwar als "maßlos", doch was sie hernach im einzelnen darlegen, deutet darauf hin, daß Günter Wallraff über seine Kontakte zur Stasi "wohl nur die halbe Wahrheit" preisgibt. Und das ist für eine Ikone des Enthüllungsjournalismus schon viel zuviel.

          Vier Lieferungen

          Wenn Wallraff tatsächlich der IM "Wagner" gewesen sei, schreibt der "Spiegel", "dann war er es, nach allem, was man weiß, nur drei Jahre lang, von 1968 bis 1971". Zwar sei nicht erwiesen, daß Wallraff überhaupt wußte, daß die Stasi ihn als IM führte, doch seien unter der Registriernummer des IM "Wagner" vier Lieferungen von Material verzeichnet worden: Schulungsmaterial der Offiziersschule Hamburg-Wandsbek, Papiere zu biologischen und chemischen Waffen in Deutschland und die Richtlinien des Unternehmerverbands Gesamtmetall bei "wilden Streiks".

          Hinzu kommt eine Episode aus dem Jahr 1971, wie sie die Hamburger Rechercheure schildern, bei der sich Wallraff mit einem Stasi-Helfer in Kopenhagen traf, der bei seiner späteren Festnahme in Hamburg einen Brief mit sich führte, den ein Student an Wallraff geschrieben hatte. In diesem bot er - so der "Spiegel" - dem Enthüller an, ihm Kontakt zu einem Kellner zu verschaffen, der in dem Hamburger Varieté "Haus Vaterland" des öfteren den damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt bediente. Wie aber kam dieser Heinz Gundlach, stellvertretender Chefredakteur der "Ostsee-Zeitung" in Rostock, der wegen Urkundenfälschung verurteilt und in die DDR abgeschoben wurde, an den Brief, der Wallraff zugeeignet war? Die Bundesanwaltschaft kam bei ihren Ermittlungen zu dem Ergebnis, daß Wallraffs Aussage "nach Aktenlage gelogen ist", heißt es in dem Magazin aus Hamburg. Und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) wird mit der Einschätzung zitiert: "Das BfV geht von einer sicheren Identifizierung von Günter Wallraff als IM Wagner aus."

          In der Rosenholz-Datei

          Das wiederum ist als Zitat heute in der "Welt" zu lesen, die ihrerseits auf den "Spiegel" verweist und noch einmal ergänzt, daß Günter Wallraff "nach Aussagen hoher Sicherheitskreise" auch in der sogenannten Rosenholz-Datei der Stasi als IM "Wagner" registriert sei: "Wallraff sei in der Klarnamen-Datei F16, der Vorgangsdatei F22 und einem Statistikbogen erfaßt. Dieser Statistikbogen gehöre zu einer ,Mobilisierungskarte' von etwa 2000 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) außerhalb der DDR, die selbst im Spannungs- und Krisenfall weitergeführt beziehungsweise aktiviert werden sollten." In der Sache gleichlautend steht es mit Blick auf die Rosenholz-Akte, welche die CIA kürzlich erst der Stasi-Unterlagenbehörde übergeben hat, wiederum heute im "Spiegel".

          Das Magazin beginnt zwar mit Wallraffs Einlassung - "Ich habe mich zu keiner Zeit gegenüber dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit zur Lieferung von Informationen bereit erklärt oder diesem Informationen gegeben" - doch was es hernach an Einzelheiten aus den Jahren 1968 bis 1971 ausbreitet, bietet keine Entlastung, muß für Wallraff vielmehr bedrückender zu lesen sein als alles, was "Welt" und "Berliner Morgenpost" aufgeboten haben. Es gipfelt schließlich in der Kritik, die der "Spiegel" an Marianne Birthler und dem von ihr geführten Amt übt: Ein offizielles Statement gebe es nicht, was um so prekärer sei, als andere Verdächtige auf soviel Verständnis nicht hoffen dürfen: "Was die Stasi-Unterlagenbehörde weiß, hat ihr in vergleichbaren Fällen schon gereicht, um eine Verstrickung anzunehmen."

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