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Stasi-Vergangenheit : Hagen Boßdorf bleibt bei der ARD, moderiert aber nicht

  • Aktualisiert am

Abmahnung und „Kameraverbot” für Hagen Boßdorf Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die ARD-Intendanten haben sich im Fall Boßdorf auf einen Kompromiß geeinigt: Der ARD-Sportkoordinator bleibt bis März 2007 auf seinem Posten, erscheint aber weder bei Olympia noch bei der Tour de France vor der Kamera.

          Die Intendanten der ARD haben sich bei ihrer Sitzung in Köln mit dem Ergebnis des Stasi-Gutachters Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin zum Fall Boßdorf befaßt und sich auf einen Kompromiß verständigt: Der ARD-Sportkoordinator bleibt bis zum Ablauf seines Vertrages am 31. März 2007 auf seinem Posten, er erscheint aber weder bei den Olympischen Winterspielen in Turin noch bei der Tour de France vor der Kamera und - er erhält eine Abmahnung.

          So jedenfalls ist die offizielle Mitteilung der ARD zu verstehen, in der davon die Rede ist, daß der Programmdirektor des Ersten und Vorgesetzte von Boßdorf, Günter Struve, von den Intendanten beauftragt worden sei, "arbeitsrechtliche Konsequenzen zu ergreifen". In der Abmahnung dürfte es darum gehen, daß sich die Intendanten von Boßdorf bislang unzureichend informiert fühlen. Man habe festgestellt, teilt die ARD mit, "daß die von Herrn Boßdorf bei seiner Berufung zum Koordinator Sport im Jahr 2002 erteilten Auskünfte unvollständig waren". Dies hätten die Intendanten "ausdrücklich mißbilligt".

          Noch kein Nachfolger für Günter Struve als Programmchef

          2002 hatte Boßdorf, der bei der Stasi als IM "Florian Werfer" geführt worden war, seine Geheimdienstkontakte in ein eher mildes Licht getaucht und unter anderem angeben, daß diese im Mai 1988 im Zusammenhang mit einem Besuch von Göttinger Studenten in der DDR begonnen hätten. Zu diesen, insbesondere einer Studentin, wollte die Stasi von Boßdorf Auskunft und hatte wenig später auch seine private Korrespondenz mit der Studentin aus dem Westen vorliegen. Daß dies ohne Boßdorfs Zutun oder Kenntnis geschehen konnte, das zieht man bei der ARD aufgrund der Untersuchung des Stasi-Fachmanns Staadt in Zweifel. Inzwischen hat Boßdorf auch eingeräumt, daß die Stasi bereits im Januar 1988 Kontakt zu ihm aufnahm, das war den von der Birthler-Behörde zuvor gefundenen Akten auch zu entnehmen gewesen. Auf dieses scheibchenweise veränderte Bild der Lage gründet die Mißbilligung der ARD-Chefs.

          Die juristische Auseinandersetzung zwischen Boßdorf und dem Norddeutschen Rundfunk hängt derweil in der Schwebe. Die Anwälte beider Seiten, teilte der NDR-Sprecher Martin Gartzke auf Anfrage mit, hätten mit Blick auf die ARD-Intendantensitzung übereinstimmend das Arbeitsgericht Hamburg gebeten, den Termin für eine Güteverhandlung aufzuheben. Ein neuer Termin soll erst auf Antrag einer der beiden Parteien anberaumt werden. Der NDR hatte Boßdorf am 28. Oktober 2005 zum neuen Sportchef berufen, nach dem Fund neuer Stasi-Akten die Anstellung jedoch widerrufen. Jetzt versucht man sich vor Gericht zu einigen. Ob oder wie es für Boßdorf bei der ARD in der Münchner Programmzentrale weitergeht, scheint offen.

          In drei anderen Personalien haben die Intendanten schnell entschieden oder noch gar nicht: Thomas Baumann vom MDR wird als Nachfolger von Hartmann von der Tann neuer Politikkoordinator der ARD. Verena Wiedemann ist für den neuen Posten der Generalsekretärin in Berlin vorgesehen, doch müssen darüber noch die Rundfunkräte entscheiden. Die Nachfolge Günter Struves als Programmchef des Ersten wurde derweil heiß diskutiert, aber nicht bestimmt. Der WDR-Programmdirektor Ulrich Deppendorf steht parat, doch hatte sich Struve, den einige in der ARD für unersetzlich halten, zwischenzeitlich für eine Verlängerung seines Vertrags bereitgefunden. Im April wollen die Intendanten darüber beraten.

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