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„Star Wars – Episode VII“ : Ein Mädchen weckt das lebende Licht

Bild: F.A.Z., Disney, Lucasfilm Ltd. & TM

„Star Wars“ ist zurück – die Fortsetzung der Saga, die 1983 nach dem Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ unterbrochen wurde, legt die Zukunft der Legende in weibliche Hände.

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          Schauder? Ehrfurcht? Vorfreude auf physikalisch und logisch unmögliche Weihnachtsgeschenke? Wie nennt man diese Mischung aus Sprechen und Atem-anhalten, in dem Daisy Ridley als Schrotthändlerzulieferin Rey auf der allerletzten Hinterwelt der Galaxis einen Namen ausspricht, den auf unserem Planeten Millionen kennen? Rey sagt: „Luke Skywalker? I thought he was a myth.“ Der Mythos, von dem sie redet, ist ihr Erbe und das aller Figuren im Film „Star Wars – Episode VII: The Force Awakens“, der heute in die deutschen Kinos kommt.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass in der von George Lucas erschaffenen „Star Wars“-Filmreihe, die diesen Mythos stiftete, mehr steckt als Spielwarenladenschaufensterauslagen und Kostümfestmotti, ahnte und bewies bereits vor fünfunddreißig Jahren eine Frau, die sich seit ihrer ersten, 1944 erschienen Erzählung „A Martian Quest“ mit der Herstellung und Veredelung modernistischer Mythen beschäftigt hat – die Science-Fiction-Autorin Leigh Brackett. Als Drehbuchinspiratorin für den nach Ansicht zahlreicher Fans und Fachleute besten der klassischen drei „Star-Wars“-Filme, „Episode V: The Empire Strikes Back“ von 1980, gab Brackett wohl einen entscheidenden Anstoß, die simplen Märchenmuster, die den Vorgängerfilm „Episode IV: A New Hope“ getragen hatten, mit gebrochenen Figuren, unsicheren Schicksalen, Weltraumkälte, ambivalenten Allianzen und moralischen Graustufen zu strapazieren.

          Der vielseitige Kollege Lawrence Kasdan, der ihr dabei half, ist auch für den neuen Film wieder an Bord. Der Regisseur J.J. Abrams, der außer im Filmwesen auch als Fernsehkreativer und Schriftsteller glänzt, hat Kasdan und seinen ersten Offizier Michael Arndt darauf vereidigt, alle Elemente mitzunehmen, die „Star Wars“ groß gemacht haben, vom Blasterkreuzfeuer über die an wehende Vorhänge, kippende Klappen oder sich schließende Linsen erinnernden Szenenwechsel bis hin zu goldigen Robotern (die Ölfleckaugen von BB-8 und seine zwitschernden Seufzer sind geradezu mörderisch süß) sowie der Leitmotivmusik von John Williams, die Abrams mit einer großartigen Szene feiert, in der Carrie Fisher als in Würde gealterte Prinzessin Leia aus einem Truppentransporter schreitet und sich dabei die Klänge des Williamsschen Leia-Themas vor ihr entrollen wie ein flüssiger roter Teppich mit Goldbommeln.

          Das weibliche Gesicht der Macht: Rey (Daisy Ridley) mit Kugelroboter Bilderstrecke
          Das weibliche Gesicht der Macht: Rey (Daisy Ridley) mit Kugelroboter :

          Dass solche nostalgischen Reize nicht abendfüllend sind, weiß Abrams allerdings auch – er will überdies Nachgeborene ansprechen, die „Star Wars“ nur aus zweiter oder dritter Hand kennen, zum Beispiel von den dank Lucas mittels allerlei digitaler Verschlimmbesserungen korrumpierten DVD-Editionen der drei Klassiker, außerdem aber etwa aus der animierten „Clone Wars“-Fernsehserie oder von Computerspielen.

          Einerseits Quellentreue, andererseits zeitgemäße Auffrischung, die verhindert, dass sich die Leute vor lauter Kinosessel-Erinnerungen ins Koma kuscheln – wie macht man das? Abrams weiß es: Man läuft vor dem Problem, dass die Sache ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat als etwas Neues, nicht davon, sondern macht sie zum Thema des Films.

          So sind denn die Heldin Rey, ihr von John Boyega mitreißend atemlos gespielter wichtigster Begleiter Finn und beider finsterer Gegenspieler, der bis ins Haaröl von düsterem Charme vollgesogene Adam Driver als Kylo Ren, von Anfang an als Kinder und Enkelkinder der überlebensgroßen Gestalten aus der „Star Wars“-Klassik ausgewiesen. Wenn Rey und Finn mit dem eben noch zum Altmetall aussortierten legendären Raumschiff „Millennium Falcon“ eine Verfolgungsjagd in den Eingeweiden eines havarierten imperialen Sternzerstörers veranstalten, dann spiegelt ihre Erregung die von Abrams vorweggenommene und beschworene Reaktion wirklicher Kinder und Enkelkinder des alten „Star Wars“-Publikums auf seinen Film; und wenn Harrison Ford als Han Solo die junge Frau, die hier im Mittelpunkt des Geschehens steht, unzweideutig lobt: „She knows her stuff“, dann ist das eine Fackelübergabe der abtretenden Generation an die hiermit antretende.

          Vom bösen zum guten Vater

          Wie schon bei seiner sorgfältigen Neuinterpretation der Raumschiff-Enterprise-Welt mit „Star Trek“ (2009) und „Star Trek: Into Darkness“ (2013) verlässt sich Abrams in „Episode VII“ immer wieder auf den Kunstgriff, handlungsentscheidende Momente der hier fortgesetzten Vorbildfilme jeweils für sich genommen zwar intakt zu lassen, ihre Konstellationen untereinander aber zu verändern – oft genug einfach als perspektivische Umkehrung. In „Star Trek: Into Darkness“ zum Beispiel nahm er sich die Sequenz in „Star Trek: Wrath of Khan“ (1982) vor, in der Spock sich opfert und Kirk darüber fast verzweifelt, nur dass bei Abrams die Rollen vertauscht wurden. Jetzt, in „The Force Awakens“, zitiert er ganz ähnlich die Konfrontation zwischen einem Vater und seinem Sohn über einem stahlverkleideten Abgrund aus „The Empire Strikes Back“ – nur war es damals ein böser Vater, der seinen guten Sohn zum Unrecht verführen wollte, während es diesmal ein guter Vater ist, der seinem fehlgeleiteten Sohn eine letzte Chance zur Läuterung einräumt.

          Die wichtigste der von Abrams riskierten Umdeutungen nimmt sich nichts Geringeres zur Brust als die unbestreitbare Tatsache, dass „Star Wars“ stets eine patriarchalische Saga, eine Welt der Großväter, Väter und Söhne, war, während Abrams sich bei der Sichtung der Vorgeschichte nun wohl in den geheimnisvollen Augenblick in „The Empire Strikes Back“ verliebt zu haben scheint, in der die Abkehr des noch unfertigen Jedi-Ritters Luke Skywalker von seiner Ausbildung den Schatten von Alec Guiness zu dem Stoßseufzer zwingt, damit sei die letzte Hoffnung gestorben – nein, erwidert der kleine grüne Zen-Meister Yoda, es gebe da noch eine andere. Eine weibliche nämlich: Gemeint war nach heutiger Lehrmeinung Lukes Schwester Leia, ein Dreh, der die Handlungsentsprechung für die Hilfestellung ist, die der „Star Wars“-Erfinder George Lucas sich von Leigh Brackett leisten ließ. Wie weit Bracketts Einfluss aufs Schicksal des „Star Wars“-Kosmos wirklich reichte, ist bis heute kontrovers. Erfahrung damit, berühmten Jungs auf die Sprünge zu helfen, hatte sie jedenfalls: Auch ihr Mann Edmond Hamilton, Urheber der Science-Fiction-Ikone „Captain Future“, hatte nach seiner Eheschließung mit dieser viel zu selten gewürdigten Frau endlich nicht mehr nur gute Ideen, sondern konnte wundersamerweise plötzlich lesbar schreiben.

          Sieht man im neuen Film der ebenso beweglichen wie zähen Daisy Ridley dabei zu, wie sie auf einem Sandschlitten eine Düne hinunterrutscht, sich im Cockpit des „Falcon“ zurechtfindet oder bei der Selbstversenkung die kosmische Urkraft „The Force“ in ihrem Herzen findet, dann kann man Brackett gleichsam vom Firmament des Science-Fiction-Genres wohlwollend auf diese Heldin herablächeln sehen. Und wenn Rey das erste Mal die Fähigkeit des Jedi-Ordens ausspielt, Gedanken willensschwacher Leute zu manipulieren, wird sogar Alec Guiness als Obi-Wan Kenobi in „A New Hope“ übertroffen, der einigen Sturmtruppentrotteln damals nur einreden konnte, die Roboter, die sie gerade gesucht und gefunden hatten, seien gar nicht die, nach denen gefahndet worden war. Rey, die Nachgeborene, bringt einen solchen Trottel zu noch mehr: Er befreit sie und lässt ihr seine Waffe da.

          Die mit solchen Einfällen gewagte Verweiblichung des „Star Wars“-Kosmos beschränkt sich in „Episode VII“ nicht auf den wichtigsten Part. Während es in den beiden Originaltrilogien stets weise Männer waren, die an besonders verwirrenden Stellen des Plots mit Wissen aus der Eichentruhe ihres Gedächtnisses oder dem tiefen Blick in irgendeine Seele für die nötigen Erklärungen sorgten, ist es diesmal eine alte Schmuddelkaschemmenwirtin, die erkennt, wie alles zusammenhängt, und statt Admiral Ackbar oder General Solo salutieren die Widerstandskämpfer gegen das wiedererstarkende Reich des Bösen eben Carrie Fisher.

          Im Internet, wo bekanntlich die verstrahltesten Formen der Dummheit ihre Gemeinheitswettkämpfe abhalten, hat man Abrams derlei ebenso als Verstoß gegen die Bubenatmosphäre der Vorlagen verübelt wie seinen nichtweißen Co-Star Boyega. Das sei doch alles politisch korrekter Unfug, das wolle doch eine unheilige Allianz zwischen dem Gedanken der Vielfalt („Diversity“) und der traditionsverhafteten, konservativen Ehre der Jedi-Ritter erzwingen, jener Elite, die als Legierung aus Mönchsorden, Samuraikaste und Blauhelm-Eingreiftruppe jedenfalls nicht um der „Jediversity“ willen geschaffen worden sei. Wahr ist daran, dass George Lucas damals, in den siebziger Jahren, sein berühmtestes Geschöpf mit allem nährte, was Jungs Spaß machte, die einander im Chemielabor der High School oder der Realschule als Fans von „Star Trek“ und Marvel-Comics erkannt hatten.

          Während die Mythen-Tiefenexegese „The Hero with a Thousand Faces“ (1949) des Carl-Gustav-Jung-Anhängers Joseph Campbell aufgeschlagen neben dem Konzeptblatt lag, plünderte Lucas die Sternenzivilisations-Spekulationen von Schriftstellern wie Robert A. Heinlein, James Blish oder Isaac Asimov, baute seinen Darth Vader aus Teilen von Superschurken wie Jack Kirbys Doctor Doom zusammen, entlieh seine mysteriöse „Force“ der „Source“, die ebenfalls Kirby erdacht hatte, sowie der „Vril-Energie“ des viktorianischen Phantasten Bulwer-Lytton (später spann er dann noch Para-Biologisches aus Wilhelm Reichs Orgon-Kasten drum herum, aber von den „Midichlorians“, winzig kleinen Organismen, welche die „Force“ vermitteln, schweigt Abrams diesmal klugerweise).

          Vor langer Zeit in einer fernen Galaxie

          Auch filmästhetisch stand allerlei Erzmännliches Pate, vor allem Akira Kurosawa, immerhin (für das Ende von „Episode IV“) auch mal eine Frau, allerdings eine, die sich mit der Inszenierung von martialischen Männerkörpern und deren Choreographien einen Namen gemacht hatte – Leni Riefenstahl. Als das Allerjungshafteste an „Star Wars“ wurde seinerzeit das wahrgenommen, was an dem Film, den Abrams jetzt gedreht hat, das bloß Selbstverständliche, ja manchmal fast Langweilige ist: der hyperballistische Technik-Overkill, die Mückenschwärme von Kampffluggeräten, das Beiseitedrücken des Erzählens durch Effekte.

          Als Vater des gegenwärtigen Computer-Generated-Imaging-Leinwandwahnsinns hat George Lucas gewiss eine Menge Bahnbrechendes zu verantworten; seine Effektfirma „Industrial Light and Magic“ hat für „Wrath of Khan“ 1982 die erste komplett computeranimierte Filmsequenz produziert, 1989 das erste dreidimensionale Rechnerwesen für James Camerons „Abyss“ programmiert und das Zusammenspiel von Realmodellen und Virtualität für Steven Spielbergs „Jurassic Park“ 1992 auf ein Niveau gehoben, unter das Blockbuster seitdem nicht mehr fallen dürfen.

          Wer Lucas aber für einen reinen Bastler und Trickser hielte, würde ihn sträflich unterschätzen – zumindest eine Erkenntnis nämlich hatte er nicht zuletzt der meisten Literatur- und Filmkritik voraus, die immer noch glaubt, Science-Fiction handele „von der Zukunft“. Der „Star Wars“-Vater ließ sein Märchen im Gegensatz zu diesem Irrtum mit der genialen Formel „A long time ago in a galaxy far, far away“ beginnen. Denn auch wenn Science-Fiction gewohnheitsmäßig nach Zukunft riecht und von Zukunft flunkert, geht es darum nicht – sie handelt von Geschichte überhaupt, aber eben unter Absehung von sämtlicher Geschichte, die je stattgefunden hat, und unterscheidet sich von Fantasy, bei der das genauso ist, darin, dass sie weiß, dass Geschichte auch Technik hervorbringt und zerstört, wobei sich die sozialen und politischen Verhältnisse bis zur Unkenntlichkeit verändern können. Das ist der Sinn hinter den diversen „Epochen“ zwischen der Alten Republik, dem Imperium, der Neuen Republik und dergleichen, um die es in „Star Wars“ so breit geht und die das Design der Filme in unterschiedlichen Raumschifftypen oder Masken codiert.

          Star Wars als Teil der Mädchensozialisation

          Eben daran aber knüpft Abrams an, wenn er jetzt die Geschichte einer jungen Frau erzählt statt die eines jungen Mannes. Gerade jetzt nämlich, in unserer hochtechnisierten Gegenwart, verändert sich die nicht nur World-Wide-Web-gestützte Science-Fiction-Fanbasis: Die glamouröse Netzprominente Felicia Day schildert in ihrer eben erschienenen Autobiographie „You’re Never Weird on The Internet (almost)“, wie „Star Wars“ ganz selbstverständlich Teil ihrer Mädchensozialisation war, der Ratgeber „The Fangirl’s Guide to the Galaxy: A Handbook for Girl Geeks“ von Sam Maggs ermutigt weibliche Fans von „Star Wars“, „Star Trek“ oder „Doctor Who“, sich nicht länger an den Rand ihrer Szene drängen zu lassen, und selbst Computerspielgestalterinnen und -journalistinnen verschaffen sich Gehör. Da passt es wie das Krönchen auf die Prinzessin, dass Luke Skywalker, wie Eingeweihte wissen, ursprünglich ebenfalls beinahe mal ein Mädchen gewesen wäre.

          Abrams hat also sein übliches Spiel gespielt: Nase im Wind, inhaltlich wie ästhetisch, und das Neueste schnuppern, um es sich anzueignen. Das Ergebnis kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen – auch wenn „The Empire Strikes Back“ immer noch der beste „Star Wars“-Film ist. Bis jetzt jedenfalls. Weitere Episoden sind angekündigt.

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