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Dokumentarfilm „Wettermacher“ : Das Gedächtnis der Körper

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Film „Wettermacher“. Bild: W-Film / Zinnober Film

Immer weiter nach Osten: Stanislaw Mucha erkundet in seinen Dokumentarfilmen den postsowjetischen Raum. „Wettermacher“ kommt an die Grenzen der Zivilisation.

          3 Min.

          Selbst für eine Bauchentscheidung brauchen die meisten Menschen ein bisschen Zeit. Der Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha hatte an einem Tag im Jahr 2018 fünf Minuten für einen relativ weitreichenden Entschluss. Er stand im sehr hohen Norden Russlands vor drei Leuten, die an dem Ort Chodowaricha auf einer Wetterstation Dienst taten.

          Er wollte mit ihnen reden, um herauszufinden, ob sie gute Protagonisten sein könnten, aber der Pilot des Hubschraubers, der ihn hingebracht hatte, machte schon Druck. Ein Polarsturm drohte, der Aufenthalt musste verkürzt werden. „Wir haben dann im Wesentlichen fünf Minuten geschwiegen“, erinnert sich Mucha an den Tag, an dem er sich entschloss, den Film zu machen, der nun „Wettermacher“ heißt.

          Die Protagonisten heißen Wladimir, Alexander und Sascha. Alexander und Sascha sind ein Paar, Wladimir ist der Veteran, irgendwie müssen die drei miteinander auskommen auf engstem Raum. Das geht nicht ohne Spannungen. Dass der Ort etwas mit den Menschen macht, die hier arbeiten, wusste Mucha auch deswegen von Beginn an, weil er eigentlich ursprünglich mit einem anderen Mann in der „Hauptrolle“ drehen wollte. „Aber der wurde verrückt. Als ich ihn für ein Vorgespräch treffen wollte, wurde er gerade ausgetauscht. Er war ein Wrack von einem Menschen.“

          Stanislaw Mucha hat sich relativ systematisch an diese Grenzen der Zivilisation vorgearbeitet. 2001 wurde er mit „Absolut Warhola“ bekannt, er besuchte dafür die Gegend, aus der Andy Warhol kam, im Dreiländereck zwischen der Slowakei, Polen und der Ukraine.

          Die Fähigkeit, Menschen zum Sprechen zu bringen

          2014 brachte er einen Film über das Schwarze Meer heraus („Tristia“), den man schon als Studie postsowjetischer Befindlichkeiten lesen konnte. „Kolyma – Straße der Knochen“ (2017) war eine Erkundung von Regionen im fernen russischen Osten, in denen der stalinistische Terror fast noch zum Kurzzeitgedächtnis zu gehören scheint – oder zu diesem Körpergedächtnis, auf das sich Mucha so gut versteht, der Menschen auf vielfältige Weise zum Sprechen bringt. Sagen müssen sie dabei meist gar nicht so viel.

          In Kolyma fand sich die Spur, die nach Chodowaricha führte. Diejenigen, die hier Dienst tun, lassen sich auf so etwas wie ein „freiwilliges Arbeitslager“ ein. Täglich fallen eine Menge Daten an, die mit dem Funkgerät („Wurzel 15 an Wurzel 11“) an eine ferne Zentrale durchgegeben werden. Eigentlich sollte es auch Internet geben, über Satellit, aber so richtig klappt das nicht, ein weiteres Detail, das Chodowaricha wie einen verwunschenen Ort erscheinen lässt. Draußen verliert man sich dort in der Weite, drinnen auf der Station drängt man sich. Wie lässt sich ein Film drehen, wenn selbst für die Figuren vor der Kamera kaum Platz ist?

          „Wir haben das Team bis zum Äußersten verkleinert, drei Leute, eine Assistentin, der Kameramann und ich, mehr wollten wir nicht sein, es hätte auf keinen Fall eine Überzahl auf unserer Seite sein dürfen.“ Ein improvisierter Umbau der Küche gab dann immerhin der Assistentin ein bisschen Privatsphäre, hinter einer notdürftigen Wand „haben der Kameramann und ich uns zugeschnarcht“, so Mucha.

          Wenn man die Schicksale von Sascha, Alexander und Wladimir mitbekommt, fragt man sich unwillkürlich, wie repräsentativ sie für das Russland von Wladimir Putin sind – oder vielleicht sogar noch ein bisschen für den „Homo sovieticus“, dessen hartnäckiges Fortleben so viele Historiker staunen lässt. „Was wir auf jeden Fall mitbekommen haben, ist, wie sehr sie selbst an diesem Ort täglich mit Ideologie und den alten Zeiten gefüttert werden. Im Fernsehen laufen eigentlich nur Kriegsfilme oder Musicals, die im Krieg spielen.“

          Alles war da schon ausgesprochen

          Mit den Jahren hat Mucha das heutige Russland immer besser verstehen gelernt, im Rückblick befremdet es ihn geradezu, wie deutlich alles schon gesagt war, als er noch gar nicht darauf achtete: „Als wir am Schwarzen Meer drehten, hieß es dauernd, dass Russland die Ukraine schlucken werde, dass Chruschtschow einen Riesenfehler begangen hatte, als er die Krim der Ukraine zuschlug. Dabei gibt es die Ukraine gar nicht, wie uns immer wieder versichert wurde.“

          Mucha sieht seine „Wettermacher“ als beispielhaft dafür, dass die Menschen in Russland große Schwierigkeiten haben, miteinander zu reden. Er sieht eine Gesellschaft, die vom Schweigen und Verschweigen geprägt ist, und erzählt eine Geschichte, die er im Film nur andeutet: Ein Mann verrät einem anderen aus Missgunst die Auflösung eines Krimis, den dieser gerade liest, und wird aus Ärger darüber erstochen.

          „Wir im sogenannten Westen halten Gorbatschow für einen historischen Helden. Viele Menschen in Russland sehen das genau anders herum: Mit Gorba­tschow begann der Zerfall.“ Für Mucha ergaben sich zuletzt die Projekte ein bisschen wie bei einer Matrjoschka-Figur: Zieht man eine heraus, enthält sie gleich eine weitere. Er würde nun im Grunde im hohen Norden weitermachen, er hätte ein fertiges Konzept für einen Film, auf dessen Geschichte er stieß, weil sich ein Pilot auf einer Recherche verflogen hatte.

          „Aber das wird jetzt lange nicht mehr möglich sein“, sagt Mucha, der bisher viel Glück und Geschick mit heiklen Drehgenehmigungen hatte. Vielleicht auch deswegen, weil alle seine Filme trotz ihrer harten Themen fast so etwas wie Komödien sind.

          Da Russland nun als Drehort und als Thema ausfällt, hat Mucha sich entschieden, weiter nach Osten zu gehen. Er registriert auch die Alternative zum Kapitalismus, die sich dort abzeichnet, konsequenterweise wird er seinen nächsten Film in China drehen. Kann man schon sagen, worum es näherhin gehen wird? „In China interessiert mich der Tee“, antwortet er ausweichend. Von der nächsten Matrjoschka-Figur in Stanislaw Muchas Werk werden wir uns wieder überraschen lassen.

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