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„Da 5 Bloods“ bei Netflix : Rache, Recht und Beute

Da geht es lang: Clarke Peters (links) und Delroy Lindo in „Da 5 Bloods“.
Da geht es lang: Clarke Peters (links) und Delroy Lindo in „Da 5 Bloods“. : Bild: DAVID LEE/NETFLIX

Der gewaltige Delroy Lindo erweckt diesen Mann zum Leben, als hinge sein eigenes davon ab, und spricht schließlich am Ende seines schweren Weges einen apokalyptischen Monolog, der in die Filmgeschichte eingehen wird. Dieser Riese aus Schmerz, Hass und wahnsinnig gewordenem Humor ist wohl die größte Gestalt, die der begnadete Figurenformer Spike Lee je in Szene gesetzt hat: kein Held, kein Schurke, sondern ein lebenslang Betrogener, der sein Recht, das er fordert, nicht mehr von seiner Rache an allem und jedem unterscheiden kann, weil man seine Seele vergewaltigt hat, „mit Salz in der Vaseline“, wie er finster sagt. Falls der Oscar noch irgendetwas mit einer Meilensteinauszeichnung für Kinokunst zu tun hat, gehört er Lindo dafür sicher; der Film kann ihn nicht bändigen, nur gerade noch im Bildraum festhalten, als lebende Abbreviatur der Tragik erniedrigter und brutalisierter schwarzer Männlichkeit in Amerika seit vierhundert Jahren.

In „Chi-Raq“ hat Spike Lee noch die Konturen weiblicher schwarzer Widerstandsmacht in dieser verheerenden Dauerkrise des schwarzen maskulinen Selbstbewusstseins gezeichnet; die göttliche Teyonah Parris als Lysistrata stand dabei für die Hoffnung, dass eine Emanzipation von im Leid erstarrten Geschlechterrollen eine Zukunftsperspektive für die Emanzipation der geschundenen Gesamtminderheit bieten könnte. Der Gedanke hat viel für sich, in der heutigen Kulturlandschaft der Vereinigten Staaten repräsentieren ihn Schauspielerinnen wie Parris oder Regina King, Musikerinnen wie Janelle Monae oder Beyoncé, Schriftstellerinnen wie N.K. Jemisin oder Nicky Drayden.

„Da 5 Bloods“ ergänzt das Bild nun um die komplementäre Männeraufgabe: Väter müssen ihren Söhnen das gelebte Leben weitergeben, Erfahrungen, Niederlagen, Erfolge, damit darauf aufgebaut werden kann – die belastete, gestörte, verletzte Beziehung zwischen dem vom Schicksal monströs zugerichteten Paul und seinem Sohn David, dem Jonathan Majors ein unvergesslich liebendes, verstörtes und hilfloses Gesicht gibt, gehört zu den essentiellen Erzählsträngen des Films, als Mikrobild der historischen Dimension von Moral: Freiheit und Würde gibt es für Entrechtete nur im Kampf, aber kämpfen mussten Amerikas schwarze Männer eh immer, wenn nicht für sich, dann für die Herrschaft ihrer Unterdrücker, ob in Vietnam (wo zehn Prozent der amerikanischen Truppen schwarz waren, aber nur zwei Prozent der höheren Dienstgrade) oder zu Beginn der Geschichte jener Großmacht: Der erste Tote im Befreiungskrieg gegen die Engländer, aus dem die Vereinigten Staaten hervorgingen, hieß Crispus Attucks und war afrikanischer Abstammung.

So etwas erfährt man in „Da 5 Bloods“ ganz nebenbei. Dokumentarisches ist mit entspannt enzyklopädischem Gestus eingeflochten, unaufgeregt wie die filmgeschichtlichen Referenzen zwischen „Apocalypse Now“ (1979) und „The Treasure of the Sierra Madre“ (1948). Anstatt seine Hauptdarsteller mit Computerschnickschnack, dem selbst Autorenfilmgiganten der Jetztzeit nicht mehr widerstehen können, in Rückblenden offensiv zu verjüngen, spielt Lee mit den Zeitebenen lieber per Bildformat: Die Vergangenheit ist im Unterschied zur Breitwandgegenwart quadratisch, passend zu den Fernsehfarben, in denen die Zeitgeschichte unserem Youtube-Bewusstsein präsent ist.

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