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„Sommerfest“ im Kino : Blätter mal das Buch um, Bochum

  • -Aktualisiert am

In Fahrt: Toto (Nicholas Bodeux, links) und Stefan (Lucas Gregorowicz) Bild: STILLS PHOTOGRAPHER _TOM TRAMBOW

Jugendliebe, Männerfreundschaft, Ruhrpott, Fußball: Sönke Wortmanns Film „Sommerfest“ will von allem gleichzeitig erzählen. So gerät die Geschichte zum Anekdotenmarathon ohne Zentrum.

          Sönke Wortmanns neuer Film „Sommerfest“ ist ein bisschen wie eine Currywurst rot-weiß: überladen. Weil der Regisseur gleichzeitig von Heimat, Jugendliebe, Männerfreundschaften, dem Ruhrpott und auch noch Fußball erzählen will, gerät die Geschichte zum Anekdotenmarathon ohne Zentrum, aber mit vielen Gemeinplätzen.

          Es gibt ein paar Stellen in diesem Film, an denen man schmerzlich an Herbert Grönemeyers „Bochum“ denken muss, diese zärtlich-rauhe Liebeserklärung an einen der Herzflecken im Ruhrpott. Das liegt natürlich daran, dass „Sommerfest“, der neue Film von Sönke Wortmann, dort spielt.

          Den ins klassizistische München emigrierten Theaterschauspieler Stefan Zöllner (Lucas Gregorowicz) zieht es, des Todes seines Vaters wegen, nämlich zum Gelsenkirchner Barock zurück. Schon bald erinnert er sich dort an die Hymne für „die schönste Stadt der Christenheit“, die er in seiner Jugend ersonnen hat. Und so darf „Sommerfest“, sowohl der Film als auch der zugrundeliegende Roman von Frank Goosen aus dem Jahr 2012, ebenfalls als Ode an die Ruhrpottmetropole verstanden werden.

          Goosen ist der deutsche Nick Hornby

          Eine mit deutlich geringerer Schlagkraft als Grönemeyers Hit aus den Achtzigern allerdings. Das gilt schon für Goosens Vorlage. Die Fußball- und Männerfreundschaftswelt des Ruhrpotts bildet den Mikrokosmos, in dem der Autor seinen Helden kreisen lässt, einen entscheidungsschwachen Jungen im Männerkörper, der Frauen anhimmelt, die wissen, wo es langgeht.

          Komplettiert wird das Ganze von einem Freundeskreis aus Proto-Ruhrpottlern, mitunter kleinkriminellen Prolls, die sich als herzensgut und lebensweise entpuppen. Goosen ist, wenn man so will, der deutsche Nick Hornby. Solide Unterhaltungsliteratur, nichts Tiefgreifendes oder Originelles, auch wenn es das vermutlich gerne wäre, vorhersehbar und etwas brav, in seinen guten Momenten allerdings warmherzig.

          Filmwürdig ist das schon, verlangt aber Feingefühl bei der Figurenzeichnung, weil Gefahr vor Überzeichnung, und Handlungsstraffung, weil schon bei Goosen die Anekdoten paradieren. An beidem fehlt es Regisseur und Drehbuchautor Sönke Wortmann, der mit Filmen wie „Das Wunder von Bern“ (2003) und „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006) bereits Fußball- und Ruhrpottaffinität nachgewiesen hat.

          Selbst das titelgebende Sommerfest sticht nicht hervor

          Die Geschichte des Rückkehrers Stefan Zöllner, der in der Heimat nicht nur alte Freunde, sondern vor allem auch seine Jugendliebe Charlie (die immer wieder bezaubernde Anna Bederke) trifft, gerät bei ihm zum Anekdotenmarathon und Pointen-Best-of der Vorlage. Selbst das titelgebende Sommerfest, auf das alles zuläuft, sticht daraus nicht hervor. Zu Hause, das betont Zöllners Kumpel Toto (Nicholas Bodeux) ständig, „liegen die Geschichten nur so auf der Straße“. Eine Bemerkung, die Wortmann leider zu wörtlich genommen hat.

          Warum nicht lieber die ein oder andere Geschichte vertiefen, beispielsweise von Jürgen, der aufopfernden Sportvereinsseele? „Opel und Nokia sind weg, die meisten Arbeitsplätze auch“, referiert Zöllners bester Freund Frank Tenholt (Peter Jordan). Das wäre doch ein Ansatz gewesen, die Auslotung der Fallhöhe zwischen der von Grönemeyer besungenen Hochofenromantik und der Alltagstristesse in Europas einstmals größter Zechenstadt nach dem Strukturwandel. Dem scheint Wortmann aber nicht recht zu trauen.

          Der Liebesgeschichte hätte etwas mehr Zeit gutgetan

          Dabei sind es vor allem seine Ideen, die gefallen: die Anfangssequenz, wenn Stefan Zöllner noch in martialischer Theaterkostümierung für eine Inszenierung von Schillers „Die Räuber“, die die Bochumer Büdchen-Oma „neumodisch“ nennen würde, den Zug in die Heimat besteigt.

          Das spürbare Unbehagen im leeren Bergarbeiterreihenhaus, in dessen Küche noch die letzte Mahlzeit des Vaters steht. Die Soap-Parodie in Stefans Albtraum vom Telenovela-Job („Die Forstklinik“), für den er sich beworben hat. Und sicherlich auch das Ende mit einer sprichwörtlichen Reise zurück in die Kindheit. Doch ein paar gute Ideen machen noch kein Sommerfest – dafür resultiert Wortmanns Erzähldruck auch zu oft in übereffizienten Dialogen und Begegnungen.

          Daran leidet vor allem die Liebesgeschichte, um die es laut Widmung des Films („Für alle Jugendlieben“) vor allem gehen soll. Ihr hätte etwas mehr Zeit gutgetan. So geht alles sehr schnell, ist man selbst als Zuschauer überrumpelt, wenn Charly Stefan einen Plan für eine gemeinsame Zukunft ausmalt.

          Die Nebenfiguren bleiben Schablonen

          An anderer Stelle erkennt ein wildfremder Teenie auf einen Blick in Stefan den Darsteller eines Kunstfilms. Oder werden Eheprobleme in wenigen Sätzen gebeichtet. Stefan Zöllner lässt das alles erst einmal über sich ergehen, ihn gibt Gregorowicz zurückhaltend als Statisten im eigenen Leben.

          Konsequenterweise bleiben die zahlreichen Nebenfiguren Schablonen, sei es die resolute Büdchen-Oma, seien es die dicken Kinder im Abrisshaus, die stumpf Junkfood und Fitnessvideos konsumieren, oder Hardrocker Diggo mit Gartenzwerg und Wasserstoffblondine im Schrebergarten. Einzig Mandy, die mit Hingabe die gleichnamige Manilow-Schnulze (auf Spanisch!) interpretiert, kommt authentisch rotzig rüber. Aber die verkörpert auch Jasna Fritzi Bauer, die kann so etwas.

          Es gibt ein paar Running Gags in diesem Film. So wird Stefan Zöllner von fast jedem alten Bekannten, der erfährt, dass er Schauspieler ist, gefragt, ob man ihn denn kennen müsse. Nein, antwortet Stefan dann – und das gilt auch für den Film.

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