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Wortmann-Film „Der Vorname“ : Soll das ein Witz sein?

Menschen, die sich Sorgen machen, sind für andere zum Lachen: Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) Bild: Constantin Film

Nachnamen sind hier unwichtig, aber die Figuren nicht: In Sönke Wortmanns Filmkomödie „Der Vorname“ streitet man sich um die Frage, ob ein Kind heute noch Adolf heißen darf.

          Eine gute Komödie besticht durch guten Witz. Blöd nur, dass „Der Vorname“ mit einem schlechten Scherz beginnt. Das erschwert auch fünf Freunden den Start in einen Abend, der eigentlich so gemütlich hätte werden sollen und dann doch so ungemütlich wird wie bei manch einer Familie an Heiligabend. Nur dass sich zu diesem Abendessen nicht etwa entfernte Verwandte treffen, die sich nur einmal im Jahr sehen und dann auf die Nerven gehen, sondern Freunde, die wegen einer Frage aneinandergeraten, die ihre Freundschaft auf die Probe stellt.

          „Der Vorname“, das ist die deutsche Version von „Le Prénom“, ein Remake der französischen Komödie von Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte aus dem Jahr 2012, die weltweit fast dreißig Millionen Dollar einspielte und wiederum schon als Theaterstück zuvor erfolgreich war. In der ursprünglichen Fassung will ein Ehepaar sein Kind Adolphe nennen, mit dem Suffix -phe am Ende, also nach dem Helden des gleichnamigen Romans von Benjamin Constant. Für die Freunde der werdenden Eltern macht das phonetisch keinen Unterschied. Adolphe bleibt für sie Adolf und damit ein Vorname, der auf alle Ewigkeit mit Hitler verbunden ist.

          Ein deutsches Spießerhaus

          In der deutschen Version von Sönke Wortmann wären die Freunde schon froh, wenn es nur eine phonetische Überschneidung wäre, das Kind also doch wenigstens mit -ph oder -phe geschrieben werden würde. Statt in Paris, wie im Original, spielt der deutsche „Vorname“ in Bonn, der ehemaligen Hauptstadt, die, von den zahlreichen Studenten abgesehen, auch einen spießigen Charme ausstrahlt.

          Stephan („12,50 Euro – für eine Pizza Tonno? Was ist da drauf, Trüffel?“) ist das fleischgewordene Klischee eines Literaturprofessors. In seinen Cordsakkos fühlt er sich am wohlsten. Stephan, gespielt von Christoph Maria Herbst, und seine Frau Elisabeth (Caroline Peters) – Nachnamen sind in „Der Vorname“ ohnehin unwichtig – haben ihre Freunde also zum Abendessen eingeladen. Da wären Thomas (Florian David Fitz), Elisabeths Bruder, und seine schwangere Freundin Anna (Janina Uhse), eine mäßig erfolgreiche Schauspielerin, sowie René (Justus von Dohnányi). Das Anwesen: ein deutsches Spießerhaus – mit Kamin, Holzboden, Holztisch, Schallplatten, einer großen Buchsammlung. Doch mit der Wohlfühlatmosphäre ist es so eine Sache. Ein falsches Wort – und es rumst.

          Schnell kommt man auf den Namen zu sprechen, den das Kind von Thomas und Anna bekommen soll. Thomas, perfekt sitzender rheinischer Oberlippenbart, wird als junger eloquenter Geschäftsmann vorgestellt und als jemand, der Eskimos Eis verkaufen könnte. Nicht nur seine Figur ist klischeehaft überzeichnet. Nach seinem Tipp, der Name des Kindes fange mit dem Buchstaben A an, und dem Ratespiel, in dem alle Namen von Andreas über Anders bis hin zu Artemis und Abraham gefallen sind, lässt Thomas das Streichholz ins Öl fallen und gibt den Namen preis. Adolf.

          Jeder teilt gegen jeden aus

          Der Name lässt nicht nur Stephans Gesicht anschwellen und rot werden. „Millionen von Menschen tragen Adolf an den Füßen“, versucht sich Thomas noch zu wehren, in Anspielung auf die als Adiletten bekannten Badesandalen der Marke Adidas, dessen Gründer Dassler ja den gleichen Vornamen trug. Doch seine Argumente helfen ihm nicht. Mit seiner Antwort auf die Frage nach dem Namen des Kindes stößt Thomas, wie er erst später selbst feststellen wird, das Tor zur Hölle auf. Von nun an heißt es: Feuer frei. Jeder teilt gegen jeden aus, Gemeinheiten fallen, und an einen entspannten Abend ist nicht mehr zu denken. „Hebt der nicht sogar ein kleines bisschen den Arm?“, fragt Stephan, das Ultraschallbad in der Hand.

          Vor lauter Anspannung und Gehässigkeit wird in „Der Vorname“ viel zu viel geraucht.

          Es wird gehässig. Derweil kann sich der Zuschauer aber genüsslich zurücklehnen und erfährt alsbald so manche Geheimnisse der Freunde, die, jede für sich, den abendlichen Konflikt noch einmal mehr verschärfen. Vermeintlich Banales wird gewichtig – und hinter allem steckt die Frage: Was ist moralisch vertretbar?

          Da „Le Prénom“ dem Gros des deutschen Publikums verborgen geblieben sein dürfte, kann es sich also auf ordentliche Unterhaltung freuen (sofern einem bei der heiklen Ausgangsfrage nicht schon das Lachen vergeht), Nicht zuletzt deshalb, weil Christoph Maria Herbst seine Rolle als spießiger Stephan ideal verkörpert und somit einen Hauch von Sympathie erzeugt. „Der Vorname“ zeigt, dass eine gute Komödie nicht vom guten Witz abhängt, sondern manchmal auch durch einen schlechten bestechen kann.

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