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So war Cannes : Alle Gewalt geht vom Kino aus

Madame le Président: Isabelle Huppert, Vorsitzende der diesjährigen Jury Bild: AFP

Große Namen und gleichmäßige Geschäfte, gequälte Frauen und kein Leerlauf auf der Leinwand. Wird das diesjährige Festival in Cannes als Krisenfestival in Erinnerung bleiben?

          Je nachdem, was einen nach Cannes führte, waren die Erwartungen in diesem Jahr sehr hoch - das galt für die Kritiker - oder ganz niedrig für den, der hier kaufen und verkaufen wollte. Würde das diesjährige Festival als Krisenfestival in Erinnerung bleiben? Mussten die Geschäfte bei etwa dreißig Prozent weniger Marktteilnehmern notwendig einbrechen? Würden die Filme das stimmungsmäßig ausbalancieren? Und die in diesem Jahr deutlich kleinere Zahl der Besucher der Côte d'Azur, die in der Nähe des Festivalpalasts herumstanden, um den einen oder anderen Star zu sehen - würden sie auf ihre Kosten kommen?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der rote Teppich

          Der Eröffnungsanimationsfilm gab naturgemäß keine Stars her, die an der Palasttreppe hätten aufmarschieren können. Dafür war die Jury ungewöhnlich glamourös, und der erste Auftritt auf dem roten Teppich gehörte ganz und gar Isabelle Huppert, Robin Wright und Asia Argento, die anderen Juroren fielen neben ihnen kaum auf. Dass Ballettmädchen in weißen Tutus die Treppe rahmten, war eine neue, nicht so gute Idee.

          Nein, zur Hebefigur kam es dann doch nicht. Aber ein Tänzchen auf dem roten Teppich wurde es immerhin: Quentin Tarantino und Melanie Laurent

          Obwohl in den folgenden Tagen Johnny Hallyday kam, der sich in Johnnie Tos "Vengeance" mühelos in die Gruppe cooler Hongkong-Auftragskiller einreiht, obwohl der einstige französische Fußballstar Cantona zur Premiere von Ken Loachs Film "Looking for Eric" einlief und Penélope Cruz mit Pedro Almodóvar die Stufen hinaufschritt, beklagte sich die örtliche Presse etwas deutlicher noch als sowieso immer darüber, dass die Stars ausblieben.

          Das änderte sich am Abend der Premiere von "Inglourious Basterds". Erstens legte Quentin Tarantino mit Mélanie Laurent einen ausgelassenen Rock 'n' Roll hin, bei dem die beiden so viel Spaß hatten, dass auch ins Publikum Bewegung kam. Zweitens hatte Tarantino Brad Pitt und Angelina Jolie dabei. Neben dem Regisseur ganz in Schwarz und der zarten Französin, die statt im Abendkleid im weißen Anzug gekommen war, wirkten die beiden sehr gesetzt, wie sie da in klassischem Smoking und großer Robe den Fotografen ihr gefrorenes Lächeln schenkten. Zu Quentin Tarantino kam außerdem auch Sharon Stone.

          Die Partys

          Einige fielen aus, bei manchen gab es nichts zu essen, und zur deutschen Party am "Carlton Beach" fiel dem "Hollywood Reporter", der Partys bewertet wie andere Filme, Folgendes ein: "Eine lange, pseudo-patriotische Eröffnungsrede des Kulturstaatsministers Bernd Neumann rief Erinnerungen an eine DDR-Party wach." Die Wertung lag mit zwei von fünf möglichen Martinis unter dem Durchschnitt.

          Wäre Leonardo DiCaprio dabei gewesen, der von einem hell angestrahlten "Shattered Island"-Banner auf die Gäste herabschaute, wäre das anders gewesen. Aber es kam nur Daniel Brühl. Was ein Star ist, zeigte Susanne Lothar bei der Strandparty für Michael Hanekes Wettbewerbsfilm "Das weiße Band". Sie spielt in dem Film eine verhärmte, graue Haushälterin in hündischer Liebe zu ihrem Arbeitgeber, der sie entsetzlich demütigt.

          Im Anschluss an die Galavorstellung erschien sie dann weit nach Mitternacht strahlend schön in einem blutroten, lang gerafften Tüllkleid, das über der Brust zum Rücken hin gebunden war, ein Stück Haut sehen ließ und sich dann zum Boden bauschte.

          Die Pressekonferenzen

          Weil sie vollständig im Internet abrufbar waren, hatten die Ordner vor dem Saal wenig zu tun. Tumult gab es nur bei Lars von Trier, der sich selbst zum besten Filmemacher der Welt erklärte. Am lustigsten war's bei Tarantino, der in seiner aufgeregten Art derart liebenswürdig von seinen Darstellern sprach, dass er Luftküsse von der einen Seite bekam, richtige von der anderen. Daniel Brühl stand dafür eigens auf.

          Und Eli Roth, der als einer der "Inglourious Basterds" mit seiner Rolle eine lang gehegte jüdische Rachephantasie befriedigte, rief ein neues Genre aus: "Kosher Porn".

          Frauen

          Immerhin drei Frauen - Andrea Arnold, Jane Campion und Isabel Coixet - konnten ihre Filme im Wettbewerb zeigen, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass es eine von ihnen schafft, als zweite in der Geschichte des Festivals mit einer Goldenen Palme nach Hause zu gehen. Die erste war Jane Campion, und das ist 16 Jahre her. Von halbwegs mächtigen Männern wurde Andrea Arnolds "Fish Tank" als "Mädchenfilm", Jane Campions "Bright Star" über die romantische Liebe zwischen John Keats und Fanny Brawne bereits als "Frauenfilm" tituliert. Isabel Coixet brachte leider einen kunstgewerblichen Langweiler mit.

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