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Antifa-Kinodrama : Aber wer jagt hier wen?

Spielt nicht einfach die wichtigste Rolle, sondern ohne Scheu vor dem Konventionellen ganz kinoklassisch eine Heldin: Mala Emde als Luisa. Bild: AP

Es geht ums Ganze: Das Antifa-Kinodrama „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz in Venedig ist parteilich, aber kein bisschen platt.

          3 Min.

          Was bringt junge Erwachsene dazu, sich als Hochzeitsgäste oder Rollkommando zu verkleiden, Eier mit Farbe zu füllen und zu werfen, sich die Unterlippe spalten oder das Bein verletzen zu lassen? Ein politischer Zweck und eine Gemeinschaft, die zusammenhält, bis sie vom „gemeinnützigen Verein mit Aussicht auf einen Mietvertrag mit der Stadt“ zum Verdachtsfall einer terroristischen Vereinigung wird. Der Spielfilm „Und morgen die ganze Welt“ der deutschen Regisseurin Julia von Heinz steht im Wettbewerb des Filmfests von Venedig und erzählt, formatfreundlich anfiktionalisiert, von der Jugend der Filmemacherin in der bundesrepublikanischen Antifa. Das tut er geradeaus und ohne Mätzchen; selbst wenn die Tonspur eine Verdi-Arie unter die polizeiliche Räumung einer linken Party legt, trägt das einen Sinn, denn die Figur, aus deren Sicht hier inszeniert wird, hat einen adligen Familienhintergrund, zu dem Opernbesuche gehören, was in der Gruppe, zu der sie gehören will, manchmal Misstrauen weckt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film ist parteilich, das soll bei Plädoyers ja selbst vor Gericht erlaubt sein. Parteilichkeit ist nicht Plattheit: Dass Alternativmilieus manchmal an den Rändern muffeln, dass Plenums- und Basisdemokratie schwerfällig sind, dass junge Menschen im Aktivismus mitunter nur auf Zeit unterwegs sind, weil sie noch was anderes in Aussicht haben als Kämpfe, das alles weiß der Film, das alles wissen die Rollen – ein junger Mann mit dem ulkigen Namen Lenor (Tonio Schneider) verdächtigt einen anderen namens Alfa (Noah Saavedra) sogar, den Antifaschismus nahezu touristisch zu betreiben, hat dabei freilich noch ein paar andere Motive als die sachlichen – und das Spiel der beiden stellt sämtliche Widersprüche der Konstellation umfassend dar.

          Man muss sich nicht weinend auf den Rücken legen

          Auch Mala Emde als Hauptfigur Luisa muss öfter so gucken, dass tunlichst alle im Publikum, aber nicht zwingend die mit ihr in dieselbe Situation Verstrickten, erkennen können, dass sie anders empfindet oder denkt, als sie gerade redet oder handelt. Sie macht das hervorragend, genau wie Luisa-Céline Gaffron als ihr Widerpart bei der Erkundung der Wahrheit, dass Politik Freundschaften nicht nur stiften und stützen, sondern auch beschädigen kann. Dass brenzligste Thema des Films ist der Umstand, dass Antifaschismus per „Anti“ an den Faschismus gefesselt ist wie der Schutzmann mit Handschellen an den festgenommenen Killer, dass es also eher gegen als für etwas geht in diesem Kampf. Ein ausgestiegener militanter Linker und Mediziner sagt den jungen Leuten, die er nach Konfrontationen zusammenflickt, früher sei’s um mehr gegangen als darum, Nazis abzuwehren, ums Ganze, aber das ließ sich halt doch nicht umwälzen, also gibt’s statt was Neuem nur Widerstand gegen ein mit seiner Rückkehr drohendes übelstes Altes.

          Das Widerstandsrecht im Grundgesetz sagt, dass man sich nicht weinend auf den Rücken legen muss, wenn jemand die hiesige Ordnung abschaffen will; am Anfang des Films wird der Wortlaut dieser Lizenz in Schriftgestalt gezeigt, am Ende vorgelesen, die Dringlichkeit wächst: Erst lesen, dann hören, und wenn beides nicht hilft?

          „Recht“ ist keine Spaßdebatte

          Beim Jurastudium erlebt Luisa einen rechten Kommilitonen, der das Widerspruchsrecht in Anspruch nehmen will, weil sonst niemand was gegen die Masseneinwanderung unternehme – die Auslegungssache „Recht“ ist keine Spaßdebatte. Der linke Lenor stellt sich einmal auf den nicht ganz abwegigen Standpunkt, gegen ein Vorhaben der Faschisten sei vielleicht keine Schlägerei, sondern die Mobilisierung von Parteien, Gewerkschaften Kirchen das Mittel der Wahl. Sobald freilich die Antifa derlei, wie’s in der Fachsprache heißt, „breite Bündnisse“ herstellt, zeigen sich gerade jene besonders abgestoßen, die ihr sonst vorhalten, sie besprühe nur Wände und zünde Autos an.

          Sobald nämlich die Zivilgesellschaft oder staatliche Stellen sich von antifaschistischer Agitation beeindruckt zeigen, treten Menschen wie der ehemalige Beamte der Münchner Ausländerbehörde Christian Jung auf und sprechen von „Staats-Antifa“ oder der „heimlichen Machtergreifung von Linksextremisten“. Diese rechte Rebellions-Selbstinszenierung steigert sich im Anlauf zu Reichstag-

          Erstürmungen und Ähnlichem in Ohnmachtsphantasien hinein, die als Diktaturszenario legitimieren sollen, was dann ein „Gegenschlag“ sein soll. Ginge es für Staat und Zivilgesellschaft dabei um weniger als um Sein oder Nichtsein, könnte man eine fiese Verwechslungskomödie draus machen. „Und morgen die ganze Welt“ ist keine. Der Film zeigt den rechten Feind fast nur von außen, in einer besonders gefährlichen Lage sogar von oben, wie vom Hochsitz bei der Pirsch aus. Wenn Luisa aber nah bei denen ist, die sie hasst, da, wo Begegnungen zwischen besorgten Kleinbürgern und Nazis stattfinden, Letztere aber irgendwann unter sich sind, erkennt das Publikum unbehelligt, weil unsichtbar, nicht Teil des Spiels, dass das, was man dort denkt und sagt und singt, wenn man unter sich ist, nicht bloß auf die Abschaffung der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland abzielt, sondern auf die Beseitigung der Zivilisation überhaupt. Da fließt kein Geifer, da blitzt kein Dolch, die Jungs finden ihren Wahnsinn normal, so führen ihn die politisch effektivsten und ästhetisch besten Szene des Films vor, immer wieder in schwierigster Form gehalten von Mala Emde.

          Sie spielt daher nicht einfach die wichtigste Rolle, sondern ohne Scheu vor dem Konventionellen ganz kinoklassisch eine Heldin. Diesen Status bestätigt sogar der elterliche Jagdverein: „Du warst immer unsere beste Schützin“, aber jetzt will sie Tiere weder töten noch essen, schade um die Trefferquote. Klassisches Kino ist auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und Alfa, der man gewiss vorwerfen kann, sie störe das demokratische Problembewusstsein mit Hormonduft. Gescheit und witzig stellt sich die Inszenierung selbst diesem Einwand: Immer, wenn die Idee im Raum steht, Luisa halte ja nur wegen des Kerls zur Sache, zieht sie ein Gesicht, das selbst den konsequentesten Kratzkatzen der Kritikbrigade die Krallen zieht.

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