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Antifa-Kinodrama : Aber wer jagt hier wen?

„Recht“ ist keine Spaßdebatte

Beim Jurastudium erlebt Luisa einen rechten Kommilitonen, der das Widerspruchsrecht in Anspruch nehmen will, weil sonst niemand was gegen die Masseneinwanderung unternehme – die Auslegungssache „Recht“ ist keine Spaßdebatte. Der linke Lenor stellt sich einmal auf den nicht ganz abwegigen Standpunkt, gegen ein Vorhaben der Faschisten sei vielleicht keine Schlägerei, sondern die Mobilisierung von Parteien, Gewerkschaften Kirchen das Mittel der Wahl. Sobald freilich die Antifa derlei, wie’s in der Fachsprache heißt, „breite Bündnisse“ herstellt, zeigen sich gerade jene besonders abgestoßen, die ihr sonst vorhalten, sie besprühe nur Wände und zünde Autos an.

Sobald nämlich die Zivilgesellschaft oder staatliche Stellen sich von antifaschistischer Agitation beeindruckt zeigen, treten Menschen wie der ehemalige Beamte der Münchner Ausländerbehörde Christian Jung auf und sprechen von „Staats-Antifa“ oder der „heimlichen Machtergreifung von Linksextremisten“. Diese rechte Rebellions-Selbstinszenierung steigert sich im Anlauf zu Reichstag-

Erstürmungen und Ähnlichem in Ohnmachtsphantasien hinein, die als Diktaturszenario legitimieren sollen, was dann ein „Gegenschlag“ sein soll. Ginge es für Staat und Zivilgesellschaft dabei um weniger als um Sein oder Nichtsein, könnte man eine fiese Verwechslungskomödie draus machen. „Und morgen die ganze Welt“ ist keine. Der Film zeigt den rechten Feind fast nur von außen, in einer besonders gefährlichen Lage sogar von oben, wie vom Hochsitz bei der Pirsch aus. Wenn Luisa aber nah bei denen ist, die sie hasst, da, wo Begegnungen zwischen besorgten Kleinbürgern und Nazis stattfinden, Letztere aber irgendwann unter sich sind, erkennt das Publikum unbehelligt, weil unsichtbar, nicht Teil des Spiels, dass das, was man dort denkt und sagt und singt, wenn man unter sich ist, nicht bloß auf die Abschaffung der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland abzielt, sondern auf die Beseitigung der Zivilisation überhaupt. Da fließt kein Geifer, da blitzt kein Dolch, die Jungs finden ihren Wahnsinn normal, so führen ihn die politisch effektivsten und ästhetisch besten Szene des Films vor, immer wieder in schwierigster Form gehalten von Mala Emde.

Sie spielt daher nicht einfach die wichtigste Rolle, sondern ohne Scheu vor dem Konventionellen ganz kinoklassisch eine Heldin. Diesen Status bestätigt sogar der elterliche Jagdverein: „Du warst immer unsere beste Schützin“, aber jetzt will sie Tiere weder töten noch essen, schade um die Trefferquote. Klassisches Kino ist auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und Alfa, der man gewiss vorwerfen kann, sie störe das demokratische Problembewusstsein mit Hormonduft. Gescheit und witzig stellt sich die Inszenierung selbst diesem Einwand: Immer, wenn die Idee im Raum steht, Luisa halte ja nur wegen des Kerls zur Sache, zieht sie ein Gesicht, das selbst den konsequentesten Kratzkatzen der Kritikbrigade die Krallen zieht.

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