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Kinos in der Krise : Mehr Geld für Film und Kino

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Stellen sich das Kino als Ort des Vertrauens und Versammlungsraum vor: Regisseur Tom Tykwer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Bild: dpa

In der neuen Corona-Normalität ist ein auskömmliches Wirtschaften für viele Lichtspielhäuser kaum möglich. Die Regierungsbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters, will helfen.

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          Wenn Menschen sich demnächst in Filmen küssen, dann heißt es noch genauer hinzusehen als ohnehin zumeist schon. Denn beim „Knutschen“, so spekulierte am Mittwochnachmittag der Regisseur Tom Tykwer, wird sich besonders deutlich zeigen, was Corona mit der Kultur im Jahr 2020 und vielleicht darüber hinaus gemacht haben wird – wobei da schon einmal die Frage ist, ab wann das Futur Perfekt das korrekte Tempus werden könnte.

          Wenn Schauspieler, wiewohl dann wohl getestete und für corona-frei befunden, einander küssen sollen, werden sie es womöglich mit einer gewissen Reserve tun. Und diese Reserve soll jetzt bitteschön keine Epochensignatur werden. Der ein bisschen ins Offene extemporierte Gedanke von Tykwer passte zu dem Anlass, bei dem er geäußert wurde: Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, hatte zu einem Pressegespräch in das Kino Moviemento in Berlin geladen, um einen Überblick über die aktuellen Hilfsmaßnahmen für die Bereiche Kino und Film zu geben.

          „Flexibilität im Haushaltsgebaren“ 

          Im Detail ist das vielfältig, als Rahmenziffer mag eine klare Nummer dienen: das BKM, wie die Institution von Frau Grütters umgangssprachlich meist genannt wird, bekommt zu seinen jährlichen Mitteln von gut zwei Milliarden Euro eine weitere Milliarde obendrauf. Davon gehen dann rund 160 Millionen an die Filmbranche, die bei dem Termin durch Tom Tyker vertreten war und durch Iris Praefke vom Leitungsteam des Kinos Moviemento und der Arge Kino. Das Moviemento hat drei Säle mit jeweils bis an die hundert Plätze. Da kommt es dann bei den derzeitigen Abstandsregeln schnell so, dass in jeder zweiten Reihe nur eine Person (oder ein Paar) sitzen darf. Die Kinos sind seit zwei Wochen wieder offen, und beginnen keineswegs, sich an eine Normalität (im konkreten Fall zumeist: eine Fünftelnormalität) zu gewöhnen. Ein auskömmliches Wirtschaften wird es unter diesen Bedingungen nicht geben.

          Bei den Zuschüssen, von denen Frau Grütters sprach, gab es Ansätze, die es eigentlich in der Kulturförderung nicht geben sollte. Sie meinte damit Billigkeitsleistungen, also Kompensationen von entgangenen Einnahmen. Angesichts der Umstände sei aber eine gewisse „Flexibilität im Haushaltsgebaren“ unabdingbar. Insgesamt deutet sich aber bei den Fördermaßnahmen des aktuell ausgelobten „Zukunftsprogramms Kino II“ aber an: Sie sind sehr stark zweckgebunden, vor allem für Umbauten im Zusammenhang mit der Ertüchtigung der Betriebe für einen Alltag unter den Gefahrenbedingungen. Zuschüsse für das bloße Überleben gibt es zwar auch. Dreißig Millionen stehen etwa für Arthouse-Kinos als Defizitausgleich für die reduzierten Kapazitäten zur Verfügung. Aber in der Regel muss genau benannt werden, welche Lüftung zu welchem Preis umgebaut werden soll. Die Anträge im niedrigen fünfstelligen Bereich, die zu bearbeiten sind, stellen das BKM vor entsprechende Anforderungen.

          Eine Angelegenheit für die ältere Generation?

          Tom Tykwer hob ausdrücklich hervor, dass er die „Diskurs- und Organisationsbereitschaft“ in der Behörde von Frau Grütters „klasse“ fand. Aus seinen Ausführungen wurde dann aber auch deutlich, dass die finanziellen Bemühungen zwar unumgänglich sind, dass aber ohne Klarheit auf anderen Ebenen vieles vergeblich sein könnte. „280 Leute in einem Flugzeug, das bis oben voll ist“, das war eine Größe, die Tykwer als Vergleich nannte. Die politische Entscheidung, wo welche Abstandsregeln zu befolgen sind, und die Notwendigkeit, wissenschaftlich mehr über die Verbreitung des Virus in bestimmten Räumen zu eruieren, sind also die Rahmenbedingungen für Maßnahmen wie die, dass der Kinobetreiberpreis dieses Jahr schon im Sommer ausbezahlt wird.

          Dass das Kino als eine „Lebensverbindung“ und als ein „Ort des Vertrauens“ (Tykwer) und „im ländlichen Raum oft letzter Versammlungs- und Kulturort“ (Monika Grütters) sich auch gegen Skepsis zu bewähren hat, ging aus einer Frage an Iris Praefke hervor, ob denn der Besuch dieses besonderen Orts nicht inzwischen eine Angelegenheit für die ältere Generation geworden wäre.

          Das Kino Moviemento ist jedes Jahr auch Schauplatz zahlreicher Festivals, bei denen sich die unterschiedlichsten Szenen zusammenfinden, und in einer Dichte, die für jüngeres Publikum erst wieder erfahrbar macht, was Kino sein kann. Als Praefke darauf hinwies, stand im Raum, dass die „ästhetische Zäsur“, von der Tykwer mit Blick aufs Küssen im Kino stand, auch eine kulturhistorische werden könnte, wenn die Menschen, die sich gerade an das Streamen gewöhnen, nicht mehr ins Kino zurückkommen. Dann wäre das Bekenntnis von Monika Grütters zur „Vielfalt der deutschen Kinolandschaft“ nur mehr Rhetorik. Noch ist alles offen.

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