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Sigourney Weaver zum 70. : Elegantes Glas nascht Feuer

Sigourney Weaver in „Alien“ Bild: Picture-Alliance

Noch die unspielbarsten Herausforderungen bewältigt sie mit einer paradoxen Mischung aus Tollkühnheit und Ruhe. Zum Siebzigsten der großen Schauspielerin Sigourney Weaver.

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          Wie soll man ihren Spielstil nennen, dieses zugleich straffe und graziöse Gegenteil von allem, was „schwammig“ oder „weich“ heißen darf? Sie spielt klar wie Glas, in dem das Feuer bewahrt bleibt, mit dem man sein Rohmaterial transparent geschmolzen hat, und manchmal sieht’s, wenn sie belustigt lächelt, so aus, als habe sie eben noch einmal von der Flamme gekostet. Anders als bei vielen weiblichen Hollywood-Stars sonst ist das erotische Moment in Diktion, Mimik und Gestik der Künstlerin Sigourney Weaver kein Locksignal des Unbewussten, das, dem eigenen Magnetismus gegenüber ahnungslos, mit dem Publikum kokettiert, sondern steht für ein (allerdings stark sinnliches) Intelligenzprinzip: die Verweigerung der Bestechlichkeit durch billigere Genüsse als den des wählerischen eigenen Willens, eine an hohen Wangenknochen und überhaupt scharf geschnittenen Zügen ablesbare geschmeidige Selbstbeherrschung, ernstestenfalls: Askese aus Eigensinn, nie in demütigem Verzicht. Man sieht und hört sie und denkt sofort: „Die will was“ – zum Beispiel, wie in Ivan Reitmans „Dave“ (1993), dass der Gatte, der sie langweilt, obwohl er Präsident der Vereinigten Staaten ist, endlich an einem Herzinfarkt kaputtgeht, „wie alle anderen“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Weavers Komik, wenn ihr wie in diesem Film oder in „Ghostbusters“ (1984, ebenfalls von Reitman) danach ist, zieht den Sätzen, die sie spricht, mit den Zähnen die Haut ab und spuckt die nackte Pointe, die übrig bleibt, selbst einem so überlegen lustigen Gegenüber wie Bill Murray ohne Hemmung ins freche Gesicht. In der besten Szene, die diese beiden in „Ghostbusters“ teilen, spielt Weaver eine Besessene; das Publikum hat da mit Recht mehr Angst um das Monster, das sich unvernünftigerweise in ihr hat einrichten wollen, als um die Frau, die man einfach nicht als Opfer sehen kann – selbst dann nicht, wenn sie sich selbst opfert, etwa am Ende von David Finchers „Alien 3“ (1992), als sie in Christuspose Richtung Hochofenglut fällt, um die Teufelsbrut mit in den Tod zu reißen, die sie als Inkubationskörper missbraucht hat.

          Als James Cameron sie für „Avatar“ (2009) zur maskenhaften Außerirdischen digitalisieren ließ, gelang es der sterilen Tricktechnik nicht, die sensationelle Bewegungs- und Vortragsautonomie dieser Darstellerin aufs Plattbildniveau der sie umgebenden Computerspielsuppe hinunterzunivellieren. Noch die unspielbarsten Herausforderungen bewältigt sie mit einer paradoxen Mischung aus Tollkühnheit und Ruhe, die man „grimmige Eleganz“ nennen könnte – wie am Ende von Drew Goddards „Cabin in the Woods“ (2012), wo ihre Gastrolle von ihr verlangt, den schrillen Wahnsinn, der sich da abspielt, mit erhabenem Gleichmut zwei Opferlämmern zu erklären, die begreifen sollen, dass rituelle Grausamkeiten manchmal nötig sind, weil sonst schlafende alte Gottheiten erwachen und den Kosmos ins Chaos stürzen (vielleicht sollten westliche Finanzministerien zusammenlegen und diese Schauspielerin engagieren, damit sie dem Kleinbürgertum begreiflich macht, dass es demnächst nicht nur die Rente mit Aktienlotto aufbessern soll, sondern auch nicht mehr sparen darf – Parolen wie „Minuszinsen für Odin!“ oder „Kapitalstaubsauger für Kali!“ könnten sich aus Weavers Mund wenigstens rational anhören, wenn sie’s schon nicht sind).

          Ihr wichtigster Part bleibt Ellen Ripley, von Ridley Scott für „Alien“ (1979) entworfen, aber erst vom Kollegen Cameron für „Aliens“ (1986) ins rechte Licht gehoben (man kann diesem Regisseur alle seine Schwächen verzeihen, wenn man sich klarmacht, was er für die Frauen-Imago im Actionkino als Regisseur und Produzent getan hat, von Linda Hamiltons Verkörperung der Sarah Connor in den „Terminator“-Filmen bis, erst dieses Jahr, zu Rosa Salazar als Alita). Ripley war in den Achtzigern das Gegengift gegen Schwarzeneggerei und Stalloneismus, weil Weaver das schauspielerische Gegenmodell zu so gut wie allem ist, was um sie her geschieht – als hätte sie, wo die anderen mit Elektro-Rollern fahren, immer ein schneeweißes Faltpferd in der Handtasche, das sie bei Bedarf ausklappt, um auf seinem Rücken wie das zu wirken, was sie ist: eine Kinokönigin. Heute wird Sigourney Weaver siebzig Jahre alt.

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