https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/sibel-kekilli-im-interview-es-ist-mein-leben-1145047.html

Sibel Kekilli im Interview : Es ist mein Leben

  • Aktualisiert am

Sie haben in Heilbronn die Schule besucht, was für einen Abschluß haben Sie?

Mittlere Reife.

Danach haben Sie im Rathaus gearbeitet.

Als Verwaltungsfachangestellte

Zuständig für den Müll.

Das stimmt.

Und irgendwie dachten Sie, das kann es doch nicht sein, ich kann doch nicht mein Leben lang in Heilbronn versauern?

Ja, ich wollte da nicht kleben bleiben, es war mir irgendwie zu spießig, zu klein. Nach zwei Jahren habe ich meinen Job gekündigt und bin nach Essen gezogen. Und eines Tages wurde ich zufällig beim Einkaufen angesprochen, ob ich vorsprechen würde für die Hauptrolle im neuen Film von Fatih Akin.

Jetzt überspringen wir aber die Pornofilme. Die hatten Sie da schon gedreht?

Die habe ich während meiner Zeit am Rathaus gedreht. Als ich für "Gegen die Wand" angesprochen wurde, war das mit den Pornodrehs aber schon vorbei.

Und Sie sind zufällig angesprochen worden, auf der Straße, einfach so?

Ich war in Köln beim Einkaufen, und eine Frau sprach mich an, daß sie für die Hauptrolle im neuen Film von Fatih Akin eine junge Türkin suchen würden. Die haben in ganz Deutschland gecastet. Ich hatte noch nie von Fatih Akin gehört.

Aber da war sie endlich, die Chance auf ein anderes, ein schöneres Leben?

In "Gegen die Wand" gibt es einen Satz, der stimmt für mich total: "Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch Ihr Leben, aber dafür müssen Sie doch nicht sterben." Ich habe meine Vergangenheit beendet, ohne daß ich mich umgebracht habe. Ich habe ein anderes Leben angefangen.

Als Sie das Drehbuch zu "Gegen die Wand" gelesen haben, haben Sie sich darin wiedererkannt?

Natürlich. Es geht um den Konflikt zwischen der zweiten und dritten Generation von Türken in Deutschland, zwischen Eltern und ihren Töchtern. Die Familie des Mädchens ist nicht radikal muslimisch eingestellt - es darf Make-up tragen, ohne Kopftuch herumlaufen, es hat sogar einen Beruf erlernen dürfen -, aber das reicht dem Mädchen nicht. Sie sieht ja, wie die deutschen Mädchen leben, und das will sie auch. Es geht um Freiheit. Und darum, daß es dann doch nicht alles ist, wenn man sich diese Freiheit erkämpft hat.

Sie sind hier geboren und aufgewachsen, als was fühlen Sie sich?

Ich weiß es selber nicht. Dem Paß nach bin ich deutsch. Ich habe, wie ja jetzt jeder weiß, bisher ein durch und durch deutsches Leben geführt. Ich fühle mich schon als Deutsche - aber mit türkischen Wurzeln.

Am Donnerstag hatte die "Bild"-Zeitung junge Türkinnen nach ihrer Meinung zum "Fall Kekilli" befragt.

Ich fand es klasse, daß einige Türkinnen sich da offenbar trauten, zu mir zu halten. Daß die sagen, dann hat sie das halt gemacht, ist doch ihre Sache, ist sie dadurch ein schlechterer Mensch? Vielleicht kann ich für manche Türkinnen eine Art Vorbild sein. Nicht, daß sie mir das nachmachen sollten, das wirklich nicht, aber daß sie vielleicht sehen, da lebt eine Türkin ihr eigenes Leben.

In Ihrem zweiten Film, den Sie gerade in Hamburg drehen, "Kebab Connection", spielen Sie eine Italienerin.

Es ist eine kleine Rolle, aber es hat mich gefreut, daß es keine Türkin ist. Türken müssen in Deutschland immer Türken spielen, und dann ist es immer dasselbe Klischee, immer dasselbe Thema. Natürlich, wenn das so schöne Bücher sind wie "Gegen die Wand", würde ich liebend gerne wieder eine Türkin spielen. Aber ich möchte nicht als die Türkin bekannt sein, sondern einfach als Schauspielerin. Auch nicht als Ex-Pornodarstellerin. Schauspielerin. Das ist die Gegenwart.

Weitere Themen

„Ich brenne immer noch für diesen Beruf“

Glenn Close : „Ich brenne immer noch für diesen Beruf“

Sie ist eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen ihrer Generation: Glenn Close, inzwischen unglaubliche 75. Hier spricht sie über Grauzonen, ihr Heim im ländlichen Montana – und was sie nach Drehende mit ihren Kostümen anstellt.

Topmeldungen

Das Uhlenhaut-Coupé im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart

Für 135 Millionen Euro : Mercedes verkauft das teuerste Auto der Welt

Das teuerste Auto der Welt ist jetzt ein Mercedes. Von dem Auto aus dem Jahr 1955 gibt es nur zwei Exemplare. Für die illustre Versteigerung hat der Konzern eigens sein Museum geschlossen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch