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Shane Carruths Film „Upstream Color“ : Liebe stromaufwärts

Wer uns trennt, zerbricht die Welt: Jeff (Shane Carruth, oben) und Kris (Amy Seimetz) in „Upstream Color“ Bild: Archiv

Science-Fiction im Kino heißt meistens Krach, Lichtblitze und Hysterie. Der Filmdichter Shane Carruth aber, ein begnadeter Monomane, hat das Genre mit Werken wie „Primer“ und „Upstream Color“ neu erfunden.

          7 Min.

          Die Frau hat einen kalten Schluck Aufmerksamkeit getrunken. Eine Stimme sagt ihr: „It is better than anything you’ve ever tasted.“ Vor Stunden - oder Tagen?- hat der Entführer sie am Gift einer biologischen Offenbarung teilhaben lassen. Von diesem Gift handelt der Film „Upstream Color“. Später wird sie versuchen, sich das fleischgewordene neue Wissen aus Armen und Beinen zu schneiden, ohne Erfolg.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Entführer erklärt, er sei mit einem Geburtsfehler auf die Welt gekommen: Sein Kopf bestehe aus demselben Material wie die Sonne. Wer den Film sieht, glaubt in diesem Moment natürlich, eine Lüge gehört zu haben - der Mann will wohl zweierlei: Erstens, dass sie ihren Blick abwendet, damit sie sich seine Züge nicht einprägen und ihn später nicht beschreiben kann; zweitens, dass er daran, ob sie die bizarre Behauptung akzeptiert, ablesen kann, wie suggestibel die Droge sie gemacht hat, unter deren Einfluss sie steht. Eine leicht verständliche Szene also - aber die Kameraeinstellung bricht diese Deutung: Die Frau wendet sich ab, und ihre dem Entführer zugewandte Wange glüht im Strahlenbad. Die Sonne: keine Lüge, sondern ein Riss im Realen.

          „Upstream Color“, geschrieben von Shane Carruth, der auch die Regie geführt hat und eine der Hauptrollen spielt, ist einer der besten Science-Fiction-Filme, die je gedreht wurden.

          Die Verschmelzung der Individuen

          Science-Fiction nährt sich wie alle Phantastik von Metaphern, die sie zu buchstäblichen Wahrheiten erklärt: Der Ausbeuter wird zum Blutsauger, die Ästhetin zur Elfe und die Aufwandsersparnis zur Zeitmaschine. Wenn Phantastik gut ist, vergisst sie, wofür die Metaphern stehen, und dreht und wendet sie, bis ihnen eine Art antiempirischer Plausibilität zuwächst. Während Fantasy dies erreicht, indem sie die Bereitschaft anspricht, mythische Konfigurationen wiederzuerkennen, und während Horror zum selben Zweck in viszeraler Furcht wühlt, lenkt Science-Fiction den Verstand von ihren erfahrungswidrigen Behauptungen mit der Herstellung oder Andeutung von Zusammenhängen ab, die zwischen den besagten Metaphern, der sinnlichen Wahrnehmung und der tätigen Vernunft (“Science“) bestehen sollen.

          Die tragende Metapher in „Upstream Color“ ist die romantische Vorstellung, Liebende würden in der Liebe eins. Der Film macht daraus einen Lehrsatz nicht der Soziologie oder der Psychologie, sondern der Ökologie. Die Frau (sie heißt Kris, gespielt von Amy Seimetz) und ihr Liebster (Jeff, gespielt von Shane Carruth selbst) erleben, dass ihre Nerven dieselben Lieder singen, dass ihre Körper dieselben Schmerzen spüren, dass ihre Stigmata Kommunikationsfenster sind.

          Bewegliche Gegenüberstellungen

          Wenn er ihr aus einem Buch vorliest (Thoreaus „Walden“, einer der zahlreichen literarischen und cinematischen Subtexte des Films), kann sie die Sätze auswendig beenden, und was seine Hand anfasst, spricht zu ihrem Tastsinn. Der Grund dafür ist der komplizierte Erbgang eines parabiologischen Organismus, der wie gewisse intrazelluläre Bakterien in Fadenwürmern, Pflanzen, Schweinen und schließlich Menschen einen segmentierten Lebenszyklus durchläuft, an dem sich Leute wie der Entführer gleichsam als Bestäubungshelfer beteiligen. Der Organismus verbindet die von ihm Befallenen - während im Hintergrund eine auffällig unauffällige Gestalt - der Abspann nennt sie den „Sampler“ - Versuche erfindet und variiert, deren Erkenntniszweck nur bruchstückhaft aufscheint.

          Die Welt von „Upstream Color“ lebt in beweglichen Gegenüberstellungen von Eindrücken: zwei Erwachsene, die sich wie Brüderchen und Schwesterchen bei den Händen halten, der Weg vor ihnen sieht aus wie in Ethanol gebadet. Blutflecken auf Laken, als hätte jemand aus Hass das Bett verwundet. Ein schlankes Tier aus Papier in der Dämmerung, es stakst auf vier Beinen durch Müll wie ein siamesisch verdoppelter Storch. Zehen in schwarzblauen hauchdünnen Strümpfen, nass, sie bewegen sich schüchtern. Eis kreist in einer Karaffe wie ein Asteroidensystem. Ein Blutkreislauf pumpt Fäden durch Gefäße.

          Schöne Bilder?

          Soll man das „schöne Bilder“ nennen? Solche Einzelaufnahmen rutschen jedem Bewusstseinszugriff, der diesen Film zergliedern will, ebenso schnell durch die Finger wie die spektralen Lichtfelder von Carruths Erstling „Primer“ (2004). Im Flux des jeweiligen Werks gehören die einprägsamen Momente in eine selten so stimmig präsentierte Ordnung steter visueller wie akustischer Vorwegnahme und Erinnerung - nichts ist da nur Gegenwart, alles rubato gespielt auf der sich im Verborgenen drehenden Plot-Spindel.

          Wenn also etwa Kris ihren Arbeitsplatz mit einem Karton auf den Armen verlässt, in dem ihre kümmerliche Karriere liegt, und später mit einem sehr ähnlichen Karton aus dem Versteck des Samplers kommt, in dem das Gegenteil ihrer Karriere liegt, so ist das auf eine mit Worten schwer erklärbare Art triftig - vielleicht, weil es die Symmetrie der Bildmotive in den Dienst einer von den Effektorgien der Blockbuster-Branche fast vergessenen Wahrheit über Phantastik im Kino stellt: Du hast, weil dies ein Film ist, nichts als den Augenschein, aber gerade der sagt dir, dass der Augenschein nicht alles ist, nicht einmal das Entscheidende.

          “Schöne Bilder“? Nein: Man würde ja auch keine überwältigend stimmige Musik für „schöne Noten“ loben.

          Keine Mystery-Scheintiefen

          Carruths Arbeit am Klang seiner Filme steht dem Nuancenreichtum seiner visuellen Intelligenz übrigens in nichts nach: Die letzten fünfzehn Minuten von „Upstream Color“ lang hört man Geräusche und Musik; Sprache erschließt sich nur noch, wenn man Lippen lesen kann. Auch die Erzählerstimme in „Primer“ verweigert den Klartext: Sie kann durchgängig sowohl dem einen als auch dem anderen der beiden Männer gehören, von denen da erzählt wird; beide Hörweisen ergeben einen Sinn, beide gehen aber nicht ohne Restzweifel auf.

          Einmal, während „Upstream Color“ blaue Bläschen in der Mikrowelt mit den Aktivitäten von Menschen zusammenschneidet, die aus den Fadenwürmern einen Drogensud gewinnen, spendiert Carruth einen seiner klügsten, perversesten Einfälle: Das Kleinste rauscht und quillt lauter, als die Leute reden und handeln; die Mikrowelt ist der alltäglichen sinnlich vorgeordnet, näher, wahrer.

          Am meisten beeindruckt an Carruths artifiziellen Welten, dass er ihre Rätsel nie in hausbackene Mystery-Scheintiefen abstürzen lässt. Esoterik, die das Phantastische mit einer Einkaufsliste aus dem Lebenshilfe-Online-Shop verwechselt, interessiert ihn nicht; Hippie-Formeln wie „Fühlen statt Verstehen“ verfehlen seine Kunst - schon weil der emotionale Mitvollzug seiner Filme genauso fordernd und schwierig (aber eben auch genauso lohnend) ist wie das Verstehen ihrer vertrackten Handlungsverläufe.

          Kollateralgewinn Technologie

          Man könnte also sagen: Shane Carruth verhält sich wie sein unheimlicher „Sampler“, die unklarste Präsenz in „Upstream Color“, sparsam gespielt von Andrew Sensenig: Gedanken an sich, gerade auch die verblüffenden und paradoxen, sind ihm nichts, wenn sie nicht Praxis werden - man muss die Schweine eben füttern, die Klangexperimente machen, auf der kleinen elektronischen Schoßorgel seltsame Musik spielen. Das Unheimlichste an diesem Sampler ist, dass er, obwohl er offensichtlich am meisten über den seltsamen Organismus weiß, der die Story zusammenhält, und erkennbar bestrebt ist, noch mehr darüber herauszufinden, dabei nicht wie ein Wissenschaftler vorgeht, sondern wie ein Künstler - intuitiv pedantisch, berechnend schlafwandlerisch.

          Dass Carruth das Wunderbare nicht aus Stimmungen, sondern aus dem geduldigen Entfalten von Widersprüchen holt, war bereits bei „Primer“ die Pointe. Diesen Film hat er für die unglaubliche Summe von lediglich siebentausend Dollar mit Nachbarschafts- und Verwandtenhilfe gestemmt und aus der Begrenztheit der Mittel seine Stärke gemacht: Alles passiert im kleinsten Kreis, das macht es zwingend.

          Erzählt wird in „Primer“ von zwei Freunden, Aaron (Carruth) und Abe (David Sullivan), die in einer Garage High-tech-Gadgets bauen, in der Hoffnung, dass dabei ein profitables Patent herausspringt. Beim Versuch, ein Gerät zu konstruieren, dass gewisse physikalische Attribute träger Massen momentweise aufhebt, stellen sie einen Kasten her, in dem sich die Zeit nicht mehr gemäß den vertrauten Naturgesetzen verhält. „Primer“ ist ein zurückhaltend inszenierter Sieg über die große Schwierigkeit, wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen der Gegenwart zur Anschaulichkeit zu bringen. Carruths Edelgasleitungen, seine Ohrstöpsel, Metallsplitter und bleichen Lichtquellen versetzen die Figuren in eine anhaltende Hyperwachheit, deren Kollateralgewinne die Technologien sind, mit denen wir täglich hantieren.

          Steigende Bekanntheit

          Seit „Primer“ spricht sich Carruths Ruf herum - zunächst bei Leuten, die glauben, dass Science-Fiction im Kino nicht nur computergenerierter Donner-und-Doria-Exzess sein muss, sondern auch Detailarbeit, heikle Operation am offenen Sinn bedeuten kann, also bei Menschen, die auch Mike Cahills „Another Earth“ (2011) oder „The Nine Lives of Thomas Katz“ (2000) von Ben Hopkins schätzen.

          Carruths Ruhm reicht über ihre Zirkel aber mittlerweile hinaus. Das Digitalzeitalterzentralorgan „Wired“ hat ihn portärtiert, das Kunstmagazin „Artforum“ analysiert „Upstream Color“, die Kollegen Steven Soderbergh und David Fincher haben sich dafür starkgemacht, die Finanzierung von Carruths bislang teuerstem Vorhaben, „A Topiary“, auf unkonventionellen Wegen zu organisieren. „Primer“ gibt es auf DVD in mehreren Regionen, „Upstream Color“ seit kurzem ebenfalls, als Amerika-Import.

          Nick Lowe, der seit Jahren für „Interzone“, eine der kundigsten SF-Zeitschriften, Filme rezensiert, hat unterdessen das 244 Seiten umfassende Drehbuch zu „A Topiary“ gelesen und attestiert Carruth, dass dieses Projekt den begonnenen ehrgeizigen Weg würdig fortsetzt: Eine Gruppe Kinder lernt da den Gebrauch einer nichtmenschlichen Technologie, der Film selbst funktioniert als eine Art Einführung in dieses Wunder, weshalb, wie das Skript sich so sanft wie wahnsinnig entschuldigt, „many objects in this story don’t have a real-world analogue“.

          Hochauflösende Halluzinationen

          Von Ridley Scott, der immerhin „Alien“ (1997) und „Blade Runner“ (1982) geschaffen hat, ist die Ansage überliefert, er wolle der John Ford des SF-Films werden. Auf so jemanden warten wir immer noch. Mit Shane Carruth aber hat das Genre jetzt etwas viel Unerwarteteres: seinen Ingmar Bergman. Wie dieser nämlich vermittelt Carruth das Intime mit dem Sozialen in einer Kontrastschärfe, die sowohl als persönliche Handschrift bewundert werden kann als auch sich dafür eignet, die Sprache des Mediums Film insgesamt zu verändern.

          Mag das Wunderkind also „Bergman“ heißen - seine geheimen Paten aber sind Stanley Kubrick und Andrej Tarkowski: Ersterer hat als Schöpfer der letzten Minuten von „2001 - A Space Odyssey“ (1968) Carruth hochauflösende Halluzinationen vererbt, Letzterem verdankt er, weil jener „Solaris“ (auch 1968, kein uninteressantes Jahr) gemacht hat, eine erdabgewandte Schwermut, die sich sicher sein kann, dass zwar am Ende alles gut wird - aber nicht für uns Irdische, weil wir das, was wir sind, erst werden abstreifen müssen, um nach Hause zu finden.

          Das schläfrige Schweinchen, das Kris am Ende von „Upstream Color“ im Arm wiegt, blinzelt benommen. Es glaubt nicht recht, dass es Menschen gibt - was es von denen gehört und gesehen hat, ist gar zu unglaublich.

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