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Shane Carruths Film „Upstream Color“ : Liebe stromaufwärts

Wer uns trennt, zerbricht die Welt: Jeff (Shane Carruth, oben) und Kris (Amy Seimetz) in „Upstream Color“ Bild: Archiv

Science-Fiction im Kino heißt meistens Krach, Lichtblitze und Hysterie. Der Filmdichter Shane Carruth aber, ein begnadeter Monomane, hat das Genre mit Werken wie „Primer“ und „Upstream Color“ neu erfunden.

          Die Frau hat einen kalten Schluck Aufmerksamkeit getrunken. Eine Stimme sagt ihr: „It is better than anything you’ve ever tasted.“ Vor Stunden - oder Tagen?- hat der Entführer sie am Gift einer biologischen Offenbarung teilhaben lassen. Von diesem Gift handelt der Film „Upstream Color“. Später wird sie versuchen, sich das fleischgewordene neue Wissen aus Armen und Beinen zu schneiden, ohne Erfolg.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Entführer erklärt, er sei mit einem Geburtsfehler auf die Welt gekommen: Sein Kopf bestehe aus demselben Material wie die Sonne. Wer den Film sieht, glaubt in diesem Moment natürlich, eine Lüge gehört zu haben - der Mann will wohl zweierlei: Erstens, dass sie ihren Blick abwendet, damit sie sich seine Züge nicht einprägen und ihn später nicht beschreiben kann; zweitens, dass er daran, ob sie die bizarre Behauptung akzeptiert, ablesen kann, wie suggestibel die Droge sie gemacht hat, unter deren Einfluss sie steht. Eine leicht verständliche Szene also - aber die Kameraeinstellung bricht diese Deutung: Die Frau wendet sich ab, und ihre dem Entführer zugewandte Wange glüht im Strahlenbad. Die Sonne: keine Lüge, sondern ein Riss im Realen.

          „Upstream Color“, geschrieben von Shane Carruth, der auch die Regie geführt hat und eine der Hauptrollen spielt, ist einer der besten Science-Fiction-Filme, die je gedreht wurden.

          Die Verschmelzung der Individuen

          Science-Fiction nährt sich wie alle Phantastik von Metaphern, die sie zu buchstäblichen Wahrheiten erklärt: Der Ausbeuter wird zum Blutsauger, die Ästhetin zur Elfe und die Aufwandsersparnis zur Zeitmaschine. Wenn Phantastik gut ist, vergisst sie, wofür die Metaphern stehen, und dreht und wendet sie, bis ihnen eine Art antiempirischer Plausibilität zuwächst. Während Fantasy dies erreicht, indem sie die Bereitschaft anspricht, mythische Konfigurationen wiederzuerkennen, und während Horror zum selben Zweck in viszeraler Furcht wühlt, lenkt Science-Fiction den Verstand von ihren erfahrungswidrigen Behauptungen mit der Herstellung oder Andeutung von Zusammenhängen ab, die zwischen den besagten Metaphern, der sinnlichen Wahrnehmung und der tätigen Vernunft (“Science“) bestehen sollen.

          Die tragende Metapher in „Upstream Color“ ist die romantische Vorstellung, Liebende würden in der Liebe eins. Der Film macht daraus einen Lehrsatz nicht der Soziologie oder der Psychologie, sondern der Ökologie. Die Frau (sie heißt Kris, gespielt von Amy Seimetz) und ihr Liebster (Jeff, gespielt von Shane Carruth selbst) erleben, dass ihre Nerven dieselben Lieder singen, dass ihre Körper dieselben Schmerzen spüren, dass ihre Stigmata Kommunikationsfenster sind.

          Bewegliche Gegenüberstellungen

          Wenn er ihr aus einem Buch vorliest (Thoreaus „Walden“, einer der zahlreichen literarischen und cinematischen Subtexte des Films), kann sie die Sätze auswendig beenden, und was seine Hand anfasst, spricht zu ihrem Tastsinn. Der Grund dafür ist der komplizierte Erbgang eines parabiologischen Organismus, der wie gewisse intrazelluläre Bakterien in Fadenwürmern, Pflanzen, Schweinen und schließlich Menschen einen segmentierten Lebenszyklus durchläuft, an dem sich Leute wie der Entführer gleichsam als Bestäubungshelfer beteiligen. Der Organismus verbindet die von ihm Befallenen - während im Hintergrund eine auffällig unauffällige Gestalt - der Abspann nennt sie den „Sampler“ - Versuche erfindet und variiert, deren Erkenntniszweck nur bruchstückhaft aufscheint.

          Die Welt von „Upstream Color“ lebt in beweglichen Gegenüberstellungen von Eindrücken: zwei Erwachsene, die sich wie Brüderchen und Schwesterchen bei den Händen halten, der Weg vor ihnen sieht aus wie in Ethanol gebadet. Blutflecken auf Laken, als hätte jemand aus Hass das Bett verwundet. Ein schlankes Tier aus Papier in der Dämmerung, es stakst auf vier Beinen durch Müll wie ein siamesisch verdoppelter Storch. Zehen in schwarzblauen hauchdünnen Strümpfen, nass, sie bewegen sich schüchtern. Eis kreist in einer Karaffe wie ein Asteroidensystem. Ein Blutkreislauf pumpt Fäden durch Gefäße.

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